900 Jahre alte Kirche feiert 200. Geburtstag

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Ein doch eher ungewöhnliches Bild des Innenraums. Aufgenommen mit einer 360-Grad-Kamera – und dann leicht beschnitten.

Kierspe - Es muss ein trauriger Anblick gewesen sein, den die Margarethenkirche vor etwa 202 Jahren bot. Aufgrund der Baufälligkeit war der Turm abgebrochen worden, von der Kirche selbst stand nicht mehr viel mehr als die Außenmauern. Doch so schnell wollten die Verantwortlichen das Gebäude im damaligen Zentrum Kierspes nicht aufgeben. 

Trotz großer finanzieller Lasten wurde ein neuer Turm gebaut, die Kirche bekam ein neues Dach und wurde auch innen wieder komplett ausgestattet.

Etwa dreieinhalb Jahre nach der Grundsteinlegung am 24. April 1816 waren Turmbau und Kirchensanierung am 10. November 1819 fertig, sodass die Gemeinde im kommenden Jahr ein 200-jähriges Kirchenjubiläum feiern kann, obwohl die Kirche selbst etliche Hundert Jahre älter ist. Bereits im Jahr 1147 wird eine Kirche in Kierspe erwähnt, damals bestätigte Papst Eugen III der Abtei ihre Besitzungen, darunter eben auch das Kirchengebäude. „Wie diese Kirche ausgesehen hat, wissen wir nicht. Grabungen bei Renovierungsarbeiten wurden vom damaligen Pfarrer Köpsel verhindert“, erzählt Hans Ludwig Knau, ehemaliger Heimatpfleger und profunder Kenner der Kiersper Kirchengeschichte.

Während über diese „Urkirche“ wenig bekannt ist, besteht aber Klarheit über den Bau des Gotteshauses, das etwa 1330 als gotische Kirche errichtet wurde.

Doch, so solide das neue Bauwerk, das 1619 auch eine Orgel erhalten hatte, auch war, Reparaturen wurden auch damals immer wieder fällig – durchaus auch in größerem Umfang. So ist in dem heimatgeschichtlichen Werk von Dr. Deisting eine Quelle aus dem Jahr 1647 vermerkt, in der zu lesen ist: „Da die hiesige Kirche repariert wird, musste der Gottesdienst unter freiem Himmel gehalten werden. Der Hof des nahe bei der Kirche liegenden Pastoratsgutes war dazu schicklich eingerichtet.“

In dieser Zeit finden sich auch Hinweise auf den 30-jährigen Krieg, oder besser auf sein Ende, an dem marodierende Kriegsteilnehmer Angst und Schrecken verbreiteten. So vermerkt Deisting: „Im Jahre 1648 wurde an den Kirchturm ein Schilderhäuschen gebaut, um von da aus Wache zu halten, gegen umherstreifende Kriegsvölker.“ Im ausgehenden 17. Jahrhundert ist dann wieder von einem baufälligen Turm die Rede. Ein Abriss und Neubau folgten.

Der sechseckige Taufstein stammt aus dem 13. Jahrhundert. Noch heute zieht er die Blicke der Besucher auf sich.

Dass die Kirche heute so stattlich aussieht – weit ab von allen Vorstellungen, die man damals von einer Kirche hatte, die der Größe des Ortes angemessen gewesen wäre – verdankt sie Phillip Leonhard Pistor, der 1779 zum Landbaumeister in der Grafschaft Mark berufen wurde. Pistor setzte durch, dass der Turm seine bis heute so bildprägende Zwiebel bekam. Gegen den Widerstand in der Grafschaft setzte er diesen Bau durch, der eigentlich einer Stadtkirche würdig gewesen wäre. Knau: „Pistor begründete den aufwendigen Turm- und Kirchendachbau damit, dass die Kirche ortsbildprägend sei, egal aus welcher Richtung man sich Kierspe näherte. Die Gemeinde hatte Glück, diesen Pistor zu haben.“

Bemerkenswert ist, dass das Kloster in Deutz immer noch der Einsetzung eines Pfarrers zustimmen musste, obwohl die Gemeinde bereits seit dem 16. Jahrhundert evangelisch geworden war. „Bis ins 18. Jahrhundert fanden noch Kollationen aus Köln statt. Jeder Pfarrer musste sich vor seinem Amtsantritt bei den Mönchen des Klosters vorstellen. Abgelehnt wurde aber keiner“, so Knau.

Doch auch wenn im fernen Köln über den Pfarrer befunden wurde, der Zustand der Kirche, der sich Jahr für Jahr verschlechterte, interessierte dort wenig. So vermerkt Deisting für das Jahr 1813: ...fiel eine größere Menge Kalk von der Decke herunter.“

Schließlich wurden die Pläne Pistors genehmigt und die Sanierungsaufträge, die letztlich einem weitgehenden Neubau gleichkamen, konnten 1815 vergeben werden. Eine Missernte und beständig schlechtes Wetter verzögerten ein Jahr später die Arbeiten. Doch letztlich wurde das Gebäude samt Turm ja dann 1819 fertiggestellt. „Jetzt war auch die Kirche evangelisch“, sagt Knau und begründet diese Aussage mit der baulichen Veränderung. „Man hatte beim Neubau alle Säulen entfernt, damit von jedem Sitzplatz aus der Pfarrer auf der Kanzel gesehen werden konnte.“

„In der Kirche fehlte aber nun doch eine neue Orgel. Der Kostenvoranschlag vom Jahre 1823 forderte dafür die Summe von 1260 Reichstalern“, schreibt Deisting. Er beantwortet auch die Frage nach der Finanzierung des teuren Instruments. Man war geschäftstüchtig auf die Idee gekommen, eine Bühne vor der Orgel zu bauen und die dabei neu entstehenden Sitzplätze zu verkaufen. Es kam wohl genügend Geld aus dem Verkauf der 60 Plätze zusammen, jedenfalls konnte der damals nicht unbekannte Orgelbauer Christian Roetzel beauftragt werden. Das neue Instrument war das dritte seiner Art in der Margarethenkirche. 1619 wurde die erste Orgel eingebaut, die aber bereits 1685 ersetzt wurde.

Von oben auf den Altar und die Kanzel geschaut. Seit dem Komplettumbau vor 200 Jahren kann der Pastor auf der Kanzel von jedem Platz aus gesehen werden.

Doch auch der Neubau der heutigen Orgel ist nicht so erhalten, wie er damals geplant wurde. Ursprünglich stand die Orgel viel höher, auf einer zweiten Etage. 1940 beschloss die Gemeinde, diese Empore abzubrechen und die Orgel auf der ersten Empore aufzustellen. Verzögert durch den Zweiten Weltkrieg wurde dieser Plan erst nach Kriegsende umgesetzt. In diese Zeit fällt auch der Umbau der Decke, die ursprünglich als Tonnengewölbe ausgeführt war. Für das Jahr 1905 ist erwähnt, dass die Kirchengemeinde den Kauf einer neuen Turmuhr beschloss, die für 1150 Mark angeschafft wurde.

Doch auch in den vergangenen Jahren musste die Gemeinde immer wieder in den Erhalt ihrer Kirche investieren. So war das Gebälk des Turmes in den vergangenen Jahrzehnten so morsch geworden, dass es ersetzt werden musste, aber auch an dem Dach mussten in den vergangenen Jahren größere Reparaturen vorgenommen werden.

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