Rönsahler Landbier: Aus einer "Schnapsidee" wird eine Geschäftsidee

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Marcel Faulenbach hat immer einen kritischen Blick auf das eigene Produkt.

Rönsahl - Seine ersten Versuche, Bier zu brauen, fanden schon statt, da war Marcel Faulenbach gerade einmal 16 Jahre alt. Doch auch wenn diese Versuche nicht von Erfolg gekrönt waren, losgelassen hat ihn das Brauen nie wieder.

Heute betreibt er gemeinsam mit seinem Freund und Geschäftspartner Tim Feldmann die kleine Brauerei in der Historischen Brennerei. Was dort vor sechs Jahren als „erweitertes“ Hobby angefangen hat, soll nun die Existenz der beiden Jungunternehmer sichern. 

Es sind nur drei Leiterstufen, die Tim Feldmann an diesem Morgen hochsteigen muss, um den Hopfen in die kochende Würze zu schütten. Wie viele Stufen er am Ende eines Arbeitstages hinauf- und wieder hinabgestiegen ist, kann er nicht sagen. Doch er spürt diese jeden Abend – auch wenn er erst 23 Jahre alt ist. Man merkt dem Untergeschoss der Brennerei einfach an, dass es nicht für den Betrieb einer Brauerei gebaut wurde. Hier eine halbe Etage hoch, um sofort wieder eine ganze hinabzusteigen, dort den Kopf einziehen und bei dem Gang an den Lagertanks vorbei auch den Bauch. Dazu kommt, dass auch Maischpfanne und Läuterbottich bauartbedingt immer wieder ein Besteigen der Leiter oder das Erklimmen einer schmalen Stiege aus Stahl notwendig machen. 

Als Wolfgang Becker 2011 in dem Keller des historischen Rönsahler Gebäudes eine Brauerei einrichtete, war gar nicht daran gedacht worden, eine professionelle Brauerei entstehen zu lassen. Ausgestattet mit allem, was zur Herstellung eines guten Bieres notwendig ist, war damals das Ziel, vor allem die Gäste, die in den oberen Etagen des Gebäudes feiern, mit einem besonderen, vor Ort gebrauten Bier zu versorgen. Doch das sollte sich schnell ändern. Nicht nur die Rönsahler wollten das Bier, das den Namen des Grenzortes trägt, auch außerhalb der Brauerei trinken. 

Neben Fässern wurden auch große Zwei-Liter-Flaschen, sogenannte Siphons abgefüllt – und über umliegende Geschäfte in den Handel gebracht. In Zukunft sollen es noch mehr Läden werden, in denen das Bier zu haben ist – und wenn eben möglich auch Gaststätten. Es liegt noch viel Arbeit vor den jungen Brauern, die den Betrieb von Becker übernommen haben. 

„Ich war so 16 Jahre alt, als ich das Bierbrauen ausprobiert habe. Das ist damals aber schwer in die Hose gegangen“, räumt Marcel Faulenbach ein. Doch in den neun Jahren, die seitdem vergangenen sind, hat sich einiges geändert. Dass er das Brauen nun beherrscht, kann er mit einem Gesellenbrief nachweisen. Nach dem Abitur wollte der Oberberger Brauwesen studieren. Doch die Uni verlangte eine einschlägige Ausbildung oder zumindest ein einjähriges Praktikum. Beides lag nicht vor – und Faulenbach entschied sich für das Studium der Geo-Wissenschaften. „Das war aber nichts für mich.“ Also Plan B, der dem Plan A gar nicht so unähnlich war. Eine Ausbildung zum Brauer und Mälzer sollte es werden. Doch die großen Betriebe im Umland hatten bereits alle Plätze besetzt. Um die Zeit bis zum Start einer Ausbildung zu überbrücken, absolvierte Faulenbach ein Praktikum bei einer Kölsch-Brauerei. 

Der zugesetzte Hopfen sorgt für die Abrundung des Geschmacks. Tim Feldmann sorgt hier für die richtige Menge. Der Braukessel ist mittlerweile 101 Jahre alt. 

Dort einen Ausbildungsplatz zu bekommen, war unmöglich, das war ihm gleich zu Anfang gesagt worden, da nur „echte“ Kölner eingestellt werden. Doch ganz ungeschickt kann der junge Mann aus dem Oberbergischen nicht gewesen sein, denn der Braumeister des Betriebes setzte sich dafür ein, dass Faulenbach eine Ausbildungsstelle bekam. Zum gleichen Konzern, zu dem auch die Kölsch-Brauerei gehört, gehört auch der Betrieb, in dem Binding hergestellt wird. Also Umzug nach Frankfurt und dort drei Jahre gelernt. Danach hat er dort noch ein halbes Jahr gearbeitet, und fast die gleiche Zeit noch einmal in einem großen Betrieb im Siegerland. 

Doch auch in seiner Freizeit hat ihn das Brauen nicht losgelassen. Gemeinsam mit Tim Feldmann wurde im heimischen Keller ein eigener Trunk hergestellt. Als es dann für eine Privatfeier mal etwas mehr werden sollte, machten sich die beiden auf die Suche nach einer Hausbrauerei, um dort ihre eigene Spezialität zuzubereiten. Doch solche Pläne durchkreuzt der Staat gerne mit diversen Vorschriften und Gesetzen. Das erfuhren die beiden, als sie auf der Suche nach einer Braustätte auch bei Wolfgang Becker in Rönsahl vorsprachen. 

Statt mit der Möglichkeit, einmalig für eine Feier in Rönsahl zu brauen, zogen die beiden mit dem Angebot ab, dauerhaft in dem Grenzdorf tätig zu werden. Nach etlichen Gesprächen und einigen Testläufen wurde man sich einig. Seit Oktober des vergangenen Jahres ist der junge Mann in Rönsahl tätig, seit dem 1. Januar als Chef. Wobei – so ganz stimmt das nicht, denn Tim Feldmann ist zu gleichen Teilen an der Brauerei beteiligt. Der 23-Jährige hat zwar eigentlich Forstwirt gelernt – und in diesem Beruf in vielen Ländern der Erde gearbeitet–, doch er wollte gerne etwas anderes machen, die Selbstständigkeit lockte. 

So beschlossen die beiden Oberberger, ihr Glück im Märkischen Kreis zu versuchen. Starthilfe bekommen sie dabei von Becker, der mit Rat und Tat noch zur Seite steht – vor allem aber von Heinz Böker. Das Rönsahler Urgestein ist seit dem zweiten Brauvorgang im Jahre 2011 mit an Bord, hat seinen Freund Wolfgang Becker unterstützt und arbeitet nun mit dem Nachwuchs. 

Bislang standen die drei immer einmal die Woche in dem alten Gebäude, um zu brauen. Doch das hat sich geändert, jetzt wird zweimal die Woche gebraut, mit dem Ziel in diesem Jahr rund 1000 Hektoliter herzustellen. Abgefüllt wird das Bier dann in Fässer, die an jede Zapfanlage angeschlossen werden können, und in Flaschen. Natürlich die Zwei-Liter-Siphons, die ja bereits etabliert sind, und jetzt neu auch in 0,75-Liter-Flaschen. Das Abfüllen hat jedoch nichts mit dem zu tun, was man üblicherweise von einer Brauereibesichtigung kennt.  Von Hand werden immer zwei Flaschen in den Abfüller gestellt und anschließend einzeln mit einem Bügelverschluss verschlossen oder mit einem Kronkorken versehen.

Es ist alles Handarbeit, was in der kleinen Brauerei passiert – und eben Fußarbeit, denn jeder Sack mit Hopfen und Gerstenmalz muss aus den Tiefen des Brennereikellers herangetragen werden – und jede Flasche muss angefasst, gewaschen, gefüllt und etikettiert werden. Doch unzufrieden sind die beiden jungen Unternehmer nicht, mit dem, was sie in Rönsahl vorgefunden haben. „Wolfgang Becker hat hier eine Vorarbeit geleistet, wie sie besser nicht sein kann“, bekräftigt Faulenbach. Wobei der 25-Jährige auch weiß, dass unter diesen Bedingungen ein Wachstum nur schlecht möglich ist. „Wir werden in Maschinen investieren, um die Prozesse zu optimieren.“ 

„Man sagt auch gerne, der Brauer sei die bestbezahlte Putzfrau“, Marcel Faulenbach weiß, wovon er spricht und stellt das auch jeden Tag mehrfach unter Beweis.

Doch wie schnell wollen die beiden mit ihrer Brauerei wachsen und wie groß soll das Unternehmen werden? Mit der 1000-Hektoliter-Marke hat er ein Ziel für dieses Jahr bereits gesteckt. Nun sollen neue Abnehmer in der Region gesucht werden – möglichst auch im Gastgewerbe. Doch eines machen die beiden Unternehmer klar, die Brennerei in Rönsahl wollen sie nicht verlassen. Sehen sie doch eine nicht lösbare Verbindung zwischen dem historischen Gebäude und dem Bier, das dort hergestellt wird. Die Brennerei soll ja auch langfristig einen Teil des Unternehmenserfolges sicherstellen. 

Denn nicht nur die Räume oben im Gebäude können gemietet werden – unter der Voraussetzung, dass die Kunden das im Haus gebraute Bier servieren –, sondern auch die Räume der Brauerei stehen den Besuchern offen. Möglich ist sowohl eine Anmietung für private Feiern als auch Brauereibesichtigungen. „Die darf man sich aber nicht so vorstellen, wie Besichtigungen in den großen Betrieben. Wir können hier keinen Imbiss servieren. Dazu fehlen uns die logistischen und personellen Möglichkeiten“, sagt Feldmann. Doch natürlich haben die Besucher die Möglichkeit, die vor Ort hergestellten Getränke zu probieren.

 Neben den beiden Rönsahler Landbieren – hell und dunkel – gibt es zukünftig auch ein Bockbier. Das war das Gesellenstück von Faulenbach. Jedes der drei Biere wird ungefiltert ins Glas laufen, das versprechen die beiden. „Bei der Filtration werden viele wertvolle Stoffe aus dem Bier geholt, unter anderem die Hefe“, erklärt der Brauer. Während des Gesprächs mit den drei Bierfreunden wird auch klar, dass zum Betreiben einer Brauerei mehr als Fachwissen und die Liebe zum Bier gehört – auch eine hohe Affinität zu Feudel und Schrubber muss vorhanden sein. Da viele Gerätschaften wie Maischpfanne und Läuterbottich mehrmals während eines Brauvorgangs genutzt werden, muss auch immer und immer wieder gereinigt werden. Faulenbach: „Man sagt auch gerne, der Brauer ist die bestbezahlte Putzfrau.“

Kontakt zur Rönsahler Brauerei lässt sich unter der Rufnummer 0171/3000170 herstellen.

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