Manfred Sönnecken jagt den Schatz, bevor er versinkt

+
Der zurecht stolze Manfred Sönnecken an dem Floßofen an der Jubach-Talsperre. Dieser versank nach der Ausgrabung in den Flutenviel Zeit blieb nicht für die Untersuchung des Standortes: „Es gab keine weitere Grabung, weil die Talsperre in Betrieb gehen sollte“, erinnert sich Hans Ludwig Knau. -

Kierspe - Reiner Potykas Foto von Manfred Sönnecken erinnert ein wenig an einen posierenden Großwildjäger, der gerade einen Elefanten erlegt hat.

Nur: Der Lüdenscheider Lehrer und Archäologe hat weder eine Flinte in der Hand noch ein totes wildes Tier unter seinem Fuß. Der Fund im Bereich der späteren Überflutung durch die Jubach-Talsperre war das Ergebnis schweißtreibender Grabungen, wie Sönnecken sie seit den 1960er-Jahren an vielen Orten des Sauerlandes mithilfe von Schülern unternahm.

Keine Flinten, sondern Spaten und Schaufeln brachten den Ruhm. Und die Beute sollte dazu beitragen, dass die mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte der Eisenverhüttung im Sauerland gründlich erforscht wurde in den Jahren, die seit Sönneckens ersten Grabungen vergangen sind. Mehr noch als ein vergleichbares Foto aus der Umgebung von Haus Rhade vermittelt das Bild des Floßofens an der Jubach einen Eindruck von der Größe dieser archaischen Hochöfen, die erheblich leistungsfähiger waren als die seit der Karolingerzeit im Sauerland betriebenen Rennfeuer. Ein Zollstock und der stolz in die Kamera blickende Manfred Sönnecken vermitteln einen Eindruck von den einstigen Dimensionen des Jubach-Floßofens, dessen übriggebliebener Sockel schon mannshoch ist. Hier konnte flüssiges und nicht nur teigiges Eisen gewonnen werden.

Ein bescheidener und sportlicher Mann

Hans Ludwig Knau, früher Mitstreiter von Sönnecken und Experte in Fragen der frühen Eisenverhüttung, erinnerte jetzt bei der Tagung „50 Jahre montangeschichtliche Forschung zwischen Volme und Agger“ im Haus Rhade an den Gymnasiallehrer aus Lüdenscheid, der am Ende des Zweiten Weltkriegs noch als Flakhelfer in der Nähe von Breckerfeld eingesetzt war. Sönnecken (1928 bis 2003) sei ein sehr bescheidener und sportlicher Mann gewesen, der es bei deutschen Meisterschaften am Reck einst unter die ersten Zwölf schaffte. Nach dem Studium in Münster fand er seine erste Anstellung als Lehrer in Siegen. Es sei der Wunsch seiner Frau gewesen, der ihn veranlasst habe, von dort nach Lüdenscheid zurückzukehren, erinnerte sich Knau. In den hiesigen Wäldern fand Sönnecken ein reiches Betätigungsfeld für seine Forschungen über die Geschichte der frühen Eisenverhüttung im Sauerland. „Hier hatte er die Schlacken vor den Füßen.“ Und so folgte er diesen beständigsten Spuren der frühen Eisenverhüttung entlang der Bachläufe, bis sie sich zu den Abfallhaufen der einstigen Eisenverhüttung verdichteten. 1971 promovierte Sönnecken mit einer Arbeit, die merkwürdigerweise nicht von den Archäologen, sondern von den Geographen der Universität Münster angenommen wurde. Ihr Thema: „Die mittelalterliche Rennfeuerverhüttung im märkischen Sauerland. Ergebnisse von Geländeuntersuchungen und Grabungen“.

Tagungsteilnehmer staunten jetzt über den ungeheuren Aufwand bei diesen Forschungen. „Das Entdecken der Plätze ist gar nicht so schwierig“, erklärte Hans Ludwig Knau. „Manchmal haben wir an einem Tag sechs bis sieben solcher Stellen gefunden.“

Mühsam wurden in den Rennfeuern seit dem 8. bis 9. Jahrhundert kleine Mengen eisenhaltiger Erze verhüttet. Es hing dabei von deren Qualität und dem Mangangehalt ab, ob das erzeugte Eisen Stahlqualitäten aufwies. Allein im Gebiet der Homert fanden Sönnecken und seine Mitstreiter bis zu 80 einstige Rennhütten-Plätze. Der 1967 ausgegrabene Floßofen bei Haus Rhade stellte sich als ein Relikt ganz anderer Dimensionen heraus: „Allein die Größe und die Lage in der Talaue waren großartig.“ Die Größe erlaubte die Herstellung erheblich größerer Mengen und besserer Qualitäten, die in Schmiedefeuern weiterverarbeitet wurden. Vor allem aber konnte Erz von geringerer Qualität verhüttet werden. Die relativ geringen Vorräte im Bereich des Volmetales führten dazu, dass seit dem 16. Jahrhundert Erz aus dem Bergischen Land und dem nördlichen Westerwald herangeschafft wurde.

Aus den Frischfeuern, in denen dem Roheisen zur Veredelung weiterer Kohlenstoff entzogen wurde, entstanden schließlich Hammerwerke mit mechanischer Schmiedetechnik. Ein letztes Relikt aus dieser Zeit wurde erst 1998 stillgelegt: Im Sessinghauser Hammer in Bollwerk, im 17. Jahrhundert als Osemund-Hammerwerk errichtet, wurden bis zuletzt Zubehörteile für Fahrräder, Motorräder und Automobilteile geformt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.