Lokale Alkoholpolitik wird zu Arbeitsfeld der Stadt

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Wolfgang Rometsch von der LWL-Koordinationsstelle Sucht stellte das Projekt „Lokale Alkoholpolitik“ vor. ▪

KIERSPE ▪ Deutschland gehört, wie Wolfgang Rometsch als Leiter der Koordinationsstelle Sucht beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe am Montagabend im Sport- und Jugendausschuss berichtete, weltweit zu den fünf Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum. Dabei liege das Alter beim erstmaligen Alkoholkonsum durchschnittlich bei jungen 14,5 Jahren, also noch unter dem vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Mindestalter von 16 Jahren. Der LWL-Vertreter stellte das Projekt „Lokale Alkoholpolitik – von den Besten lernen“ vor, an dem sich Kierspe als eine von 19 Kommunen, kreisfreien Städten und Landkreisen innerhalb des Einzugsgebietes des Landschaftsverbandes beteiligt.

Rometsch nannte weitere alarmierende Zahlen wie, dass 15,1 Prozent der 16- bis 17-Jährigen im Tagesdurchschnitt sogar riskante Mengen an Alkohol konsumierten. „2009 wurden in Nordrhein-Westfalen 4601 Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren aufgrund einer Alkoholtoxikation in Krankenhäuser eingeliefert.“ Diese Zahl sei dramatisch angestiegen von 1623 im Jahr 2000, was aus seiner Sicht zeige, wie bedrohlich die Entwicklung sei. Hier wird aus Sicht des Landschaftsverbandes dringender Handlungsbedarf gesehen, weshalb auch das Projekt initiiert wurde.

Dabei hat sich die Koordinationsstelle an Vorbildern in anderen Ländern wie der Schweiz orientiert, die auch als Beispiele für ein adäquates Vorgehen herangezogen werden sollen. Grundlage des Projektes sei es, so Rometsch, dass nicht das Rad neu erfunden werde, sondern, wie auch der Untertitel schon aussagt, von anderen gelernt werde.

Die Problemfelder durch den steigenden Alkoholkonsum gerade unter jüngeren Menschen sind dabei vielschichtiger, als auf den ersten Blick vermutet und reichen von Lärmbelästigung und Vandalismus über Abfallberge und Glasscherben bis zu erhöhter Gewaltbereitschaft und Schlägereien. Die Gestattung von Veranstaltungen für junge Leute muss vor diesem Hintergrund anders betrachtet werden wie genauso Regelungen für öffentliche Plätze und den ÖPNV sinnvoll erscheinen können. Ebenfalls der Prävention in Vereinen und Schulen kommt eine immer größere Bedeutung zu.

Bei den Problemen bildet auch Kierspe keine Ausnahme, wie der Ausschussvorsitzende Peter Schrade ganz deutlich sagte, als aus den Reihen der Ausschussmitglieder zweifelnde Stimmen kamen. So wollte Ralf Ullrich von der SPD von der Streetworkerin Sibylle Wiehle wissen, wie die Situation vor Ort aussehe. Und diese machte darauf aufmerksam, dass die Schwierigkeiten durch Alkoholexzesse in Gruppen, wie es sie vor vier Jahren gab, zurückgegangen seien. Schrade jedoch entgegnete, dass dies aber nicht darüber hinwegtäuschen dürfe, dass das Grundproblem des hohen Alkoholkonsums besonders unter Jugendlichen fortbestehe. Tatsächlichen ist zu beobachten, dass sich Heranwachsende vor allem abends in großer Zahl im Supermarkt mit Alkohol eindecken. Und von der Gesamtschule wurden Oberstufenfeten auch bereits wegen drohender Exzesse gestrichen. Vor Ort ist das Problem somit ebenfalls weiter existent.

Kierspe gehört bei dem aktuellen LWL-Projekt, mit dem eine lokale Alkoholpolitik initiiert oder aber, wenn schon vorhanden, intensiviert werden soll, zu den acht kreisangehörigen Städten und Gemeinden, die dabei mitmachen. Hinzu kommen noch sechs kreisfreie Städte und fünf Landkreise. Wichtigstes Arbeitsprinzip soll die Vernetzung untereinander sein: So sind vom Landschaftsverband regelmäßige Plattform-Treffen zum gegenseitigen Austausch geplant, wie Rometsch erläuterte. Gute Ansätze und Praktiken sollen präsentiert werden. Gemeinsam werden Strategien entwickelt. Es gibt einen Materialienservice und von LWL-Fachleuten Beratung, Unterstützung und auch Moderation vor Ort. Die Qualifizierung von Fachkräften ist ein weiteres Angebot.

Nutzen der Projektteilnahme sind die Verbesserung der öffentlichen Sicherheit, die Reduzierung des öffentlichen Alkoholismus und anderer negativer Begleiterscheinungen sowie die Gesundheit der Bevölkerung. Weitere Pluspunkte sind Imagegewinn, Alkoholprävention, Verkehrssicherheit und durch die Nutzung von Synergieeffekten auch Kostenersparnis. Als Ergebnis soll im Rahmen des Projekts am Ende ein gemeindebezogenes Konzept zur lokalen Alkoholpolitik mit einem konkreten Maßnahmenkatalog stehen. Geplant ist außerdem ein Leitfaden zur Alkoholpolitik für die Städte und Gemeinden in Westfalen-Lippe.

Vor Ort soll als nächstes ein Steuerungsgremium gebildet werden, danach folgen die Schritte Situationsbeschreibung, Erarbeitung des Maßnahmenkataloges und dessen Umsetzung sowie Verankerung und Nachhaltigkeit. Rometsch regte an, dass die Alkoholprävention auch in Kierspe kontinuierlich auf die politische Agenda gestellt werden müsse. Konkret zu möglichen Maßnahmen nannte er „Blaue Briefe“, Kontrolle von Treffpunkten durch Jugendarbeiter oder Ordnungskräfte, wie das in Kierspe bereits seit Jahren erfolgreich passiere, oder auch Nutzungsregelungen für wichtige Plätze wie beispielsweise auch Schulhöfe. Bei Festveranstaltungen könnten Jugendschutzteams eingesetzt werden, Empfehlungen für Veranstalter zur Einhaltung der Jugendschutzbestimmungen ausgesprochen werden, ein Regelwerk für Veranstalter erarbeitet oder auch das Theken- und Bedienpersonal geschult werden, nannte der LWL-Vertreter weitere Ideen.

Ähnliches könne für die Gastronomie gelten. Denkbar seien aber auch Testkäufe in Läden und Shops oder Überprüfungen von Restaurants. Ein Wirtekodex könne vereinbart und ein Jugendschutzlabel oder -zertifikat verliehen werden. Für Schule und Eltern listete er als Anregungen ein schulisches Präventionskonzept, die Bereitstellung von Unterrichtshilfen, Elternabende und Beratung zum Thema, die Herausgabe von Ratgebern sowie Vorträge und Podiumsdiskussionen auf. „Gerne kommen wir dafür auch mal nach Kierspe, so Wolfgang Rometsch. Auch auf die Vereine müsse in entsprechender Forum zugegangen werden unter anderem durch Trainer- beziehungsweise Leiterschulungen.

Rometsch als Leiter der LWL-Koordinationsstelle Sucht stellte zwar am Montag das Konzept vor, verwies jedoch darauf, dass Ansprechpartner für die Kommunen Hans Grösbrink sein wird, der ebenfalls mitgekommen war, um sich im Fachausschuss vorzustellen. ▪ Rolf Haase

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