„Menschen haben verlernt, miteinander zu reden

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Im eigenen Haus empfängt Liane Vedder-Proksch die streitenden Parteien. Oft reden dort die Menschen seit Jahren das erste Mal wieder im gemäßigten Ton miteinander.

Kierspe - Freunde kann man sich aussuchen, Verwandte nicht – aber auch die Beziehungen zu Nachbarn und Arbeitskollegen entziehen sich den eigenen Vorlieben. Wenn es dann zu Streitereien kommt, ist die Situation oft verfahren und endet nicht selten vor Gericht. Das zu verhindern ist eine Aufgabe von Liane Vedder-Proksch, als eine von drei Schiedspersonen, die es in Kierspe gibt.

„Wie hoch darf eine Hecke wachsen?“ Oft sind es Kleinigkeiten, die letztlich dazu führen, dass sich die streitenden Parteien beim Schiedsmann beziehungsweise der Schiedsfrau einfinden. „Meist liegt das eigentliche Problem viel tiefer und oft schon jahrelang zurück“, sagt Vedder-Proksch. Einsamkeit, Verbitterung und daraus erwachsende Uneinsichtigkeit würden sich ihren Weg an die „Oberfläche“ oft in solchen Streitigkeiten suchen. Vedder-Proksch: „Manchmal haben die Parteien seit Jahren nicht mehr vernünftig miteinander gesprochen und nur noch gestritten“, erzählt sie von ihren Erlebnissen in dem Amt, das sie seit mittlerweile fünf Jahren ausübt. Erst in der vergangenen Woche hat der Kiersper Rat beschlossen, dass sie auch noch für fünf weitere Jahre als Schiedsfrau tätig sein soll.

In der Zeitung habe sie damals gelesen, dass die Stadt eine neue Schiedsperson – wie es im Amtsdeutsch heißt – suche. „Da ich eine Verfechterin des Rechts, vor allem aber der Gerechtigkeit bin, habe ich gedacht, das könnte genau das Richtige für mich sein“, erinnert sich die Kiersperin. So zwei bis drei Fälle habe sie jedes Jahr auf dem Tisch, dazu kämen noch rund drei Beratungen am Telefon. „Die Nachbarschaftsstreitigkeiten machen rund Dreiviertel aller Fälle aus, aber es gab auch schon Termine wegen übler Nachrede, der Entwendung von Geld aus der Klubkasse oder ausbleibender Mietzahlungen“, sagt Vedder-Proksch.

Meist hätten sich die Beschwerdeführer zuvor an das Ordnungsamt oder das Amtsgericht gewandt und von dort die Adresse der zuständigen Schiedsperson bekommen. „Manche sind aber auch bereits beim Anwalt gewesen und haben dort erfahren, dass für einige Fälle ein Schiedsverfahren vorgeschrieben ist. Diese Leute kommen dann auch meist zu dem Treffen mit ihrem Anwalt.“

Doch bevor der eigentliche Termin stattfinde, komme erst einmal der Antragsteller und erzähle. Danach gebe es einen schriftlichen Antrag. Anschließend erfolge die Festsetzung eines Termins, zu dem dann auch der Antragsgegner geladen werde. Vedder-Proksch: „Der muss dann auch kommen, ansonsten gilt das Schiedsverfahren als gescheitert. Dann geht es mit Sicherheit vor Gericht weiter.“

Die Kiersperin nutzt für die Schiedstermine am liebsten einen Raum im eigenen Haus. Dort sitzen dann die Streitenden um den Tisch in der kleinen Stube in sehr privater Atmosphäre. Familienbilder, Gemälde und Erinnerungsstücke zieren den geschmackvoll eingerichteten Raum. „Am liebsten ist es mir, wenn sich die Gegner dort im Gespräch auf eine Lösung einigen können.“ Zwei Fortbildungen in Moderation hat Vedder-Proksch bereits – neben zahlreichen Seminaren im Bereich des Schiedswesens – besucht, um dieses Ergebnisse möglichst auch zu erreichen. „Gerade am Anfang, wenn die beiden den Fall und die Vorgeschichte schildern, muss ich oft eingreifen, dann will einer den anderen nicht ausreden lassen. „Da wird dann deutlich, wie sehr viele Menschen es verlernt haben, miteinander zu reden.“ Reden sie gar übereinander, dann kann das ebenfalls zu einem Termin bei der Scheidfrau führen. So schildert sie einen Fall, bei dem eine Frau schlecht über eine frühere Arbeitskollegin gesprochen haben soll. Letztlich ein Missverständnis. „Die beiden haben noch lange im Hof gestanden, geredet und viel gelacht“, erinnert sich Vedder-Proksch. Aber auch über die Höhe von Hecken, rankendes Efeu und über Grenzen wachsende Wurzeln wurde in ihrer Stube schon gestritten – meist mit einem positiven Ausgang. Das hat bislang immer geklappt, nur in einem Fall habe sie bislang eine „Erfolglosigkeitsbescheinigung“ ausstellen müssen.

Meist hätten dabei die Streitenden selbst einen Kompromiss vorgeschlagen. „Nur, wenn es nicht mehr um Recht, sondern nur noch um Rechthaberei geht, habe ich auch schon einmal einen Vorschlag gemacht“, sagt sie Schiedsfrau. Und manch einen Streitbaren sehe man auch wieder: „Zwei Leute saßen zweimal hier – einmal wegen eines Streits zur rechten und dann auch zur linken Grundstücksgrenze.“

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