Leid der Albinisten in Afrika als Kunst mit Sozialkritik

In ihrer Diplomarbeit beschäftigte sich die Kiersper Malerin Claudia Ackermann auf schriftliche und auch praktisch künstlerische Weise mit dem Leid, der Angst und der Hoffnungslosikeit der Albinisten in Afrika. ▪

KIERSPE ▪ Mit zunehmendem Alter sind die Menschen aufgrund ihrer hellen Haut unter der sengenden Sonne Afrikas häufig von Hautkrebs befallen. Doch nicht nur das: Albinisten werden in Teilen Schwarzafrikas regelrecht verfolgt, überfallen und ermordet.

„In Simbabwe herrscht so der Aberglaube, dass Geschlechtsverkehr eine HIV-Infektion heilen könnte. Dort werden Frauen mit Albinismus vergewaltigt. Oft stehen Albinisten auch in dem Verruf, Unglück zu bringen“, schreibt Claudia Ackermann in ihrer Diplomarbeit im Fachbereich Malerei und Grafik am Institut für Ausbildung in bildender Kunst und Kunsttherapie in Bochum. In Tansania sei der Aberglaube aufgekommen, dass Albinisten glücksbringende Kräfte besäßen. Die Haut eines Albinisten kauften so verblendete Fanatiker für 2400 bis 9600 Dollar, je nach Alter des Opfers. Einige Dutzend Menschen seien daher schon getötet worden, um aus ihren Körperteilen Zaubertränke herzustellen. Bei der Zubereitung fänden Haut, Haar, Knochen, Genitalien, Zungen und Gliedmaßen Verwendung, so die Leiterin der Malschule Palette, die jetzt ihre Ausbildung im Bereich bildende Kunst an der renommierten Privatschule abschlossen hat. Zu ihrer Prüfung gehörte auch das abstrahierte Porträt eines Albinisten.

Ackermann hatte sich im Vorfeld künstlerisch mit der Situation der Albinisten beschäftigt. Aus diesem Prozess entstanden ambitionierte Bilder mit einer sich beim Betrachter geradezu aufdrängenden Sozialkritik, die die Angst, die Hoffnungslosigkeit und das Leid dieser Menschen spürbar werden lassen. Die diagonalen Strukturen im Bild der Diplomarbeit deuten die dramatische Lage der Menschen an, die wie am Abgrund stehen. Versteckte Gitter stehen für ihr Gefangensein in ihrer Haut und ihrem Schicksal, die in den Freiraum nach unten verlaufenden Farbtränen für das Blut sowie die echten Tränen, die vergossen werden, und der Freiraum selbst symbolisiert die Ungewissheit, wie die Geschichte für die Betroffenen ausgeht und lässt dem Betrachter die Möglichkeit, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen.

In der mündlichen Prüfung, die die Kiersper Künstlerin neben der schriftlichen und der praktischen Arbeit ebenfalls absolvieren musste, wurde sie gefragt, warum sie genau so gemalt hat und wie die verschiedenen Elemente symbolhaft zum behandelten Kontext passen.

Das IBKK existiert seit 1990 als Aus- und Weiterbildungsinstitut in künstlerisch-gestalterischen Berufen. Es verfügt über 1000 Plätze in den Fachbereichen Malerei und Grafik, Airbrush-Design, Kunsttherapie, Kreativtherapie, Bildhauerei, Illustration und Computergrafik, Foto-Design, Multimedia-Design, Web-Design, Computergrafik DTP und Kommunikationsdesign. Insgesamt stehen 2350 Quadratmeter Atelier- und Ausstellungsflächen in den drei Häusern sowie 6000 Quadratmeter Grünfläche mit Teichanlage zur Freilandmalerei und Entspannung zur Verfügung. Das Institut besitzt heute längst eine überregionale Bedeutung. Die Studierenden kommen aus allen Teilen Deutschlands sowie dem europäischen Ausland.

In Jahr 2004, als sich Claudia Ackermann mit ihrer Malschule Palette selbstständig machte, damals noch im Rahmen einer Ich-AG, entschloss sie sich auch zum Besuch des IBKK. Die Kiersperin musste sich mit einer Arbeitsmappe bewerben, was für sie natürlich kein Problem war. Diese kam beim stellvertretendenDirektor Dr. Bernd A. Gülker sofort gut an. Einmal im Monat fuhr sie seitdem für ein ganzes Wochenende nach Bochum und ließ sich unterrichten. 2007 beendete sie das Grundstudium und ging fortan in die Meisterklasse des chinesischen Professors Qi Yang, der informelle abstrakte Malerei lehrte. Claudia Ackermann wählte diesen Schwerpunkt, weil sie bislang nur realistisch gearbeitet hatte. „Ich wollte mal etwas ganz anderes ausprobieren“, erklärt sie.

Nach einem Dreivierteljahr wechselte sie in die Klasse der russischen Malerin Era Freidzon, bei der sie bis zum Schluss blieb und sich mit abstrakter Malerei mit realistischen Elementen befasste. Zudem besuchte sie noch spezielle Seminare wie von Chong Guang Yang für informelle Malerei und Wlodzimierz Lajming für freie Abstraktion. Während der sieben Jahre hat Ackermann ihre Malerei deutlich verändert und sich weiterentwickelt. „Heute bin ich komplett weg von den Blümchenbildern“, bemerkt sie lachend. War sie zuvor schon mit den Techniken der Acryl- und Aquarellmalerei vertraut, die sie als Autodidaktin erlernt hatte, probierte sie am IBKK zusätzlich die Pastell- und Ölmalerei aus sowie außerdem Mischtechniken.

Der Besuch der Meisterklasse steuerte dann klar auf das Diplom zu, wobei es darum ging, den persönlichen Weg zu finden. Für die Kiersperin bedeutete das: „Die reine Abstraktion war mir zu tot, ich musste immer wieder Menschen malen.“ So entwickelte sie ihren ganz eigenen Stil. Während einer Auszeit von einem halben Jahr, als sie nur zuhause für sich arbeitete, fand sie mit der ambitionierten Porträtmalerei ihr Metier. Sie fing mit europäischen Köpfen an und thematisierte dann die emotionale Perspektivlosigkeit der Boatpeople, die sich auf der Flucht in kleinen und völlig überfüllten Booten beispielsweise aus Nordafrika oder dem Nahen Osten aufs hohe Meer hinaus wagen, im Grunde von niemandem gewollt sind und dabei vielfach umkommen. Davon ausgehend kam sie durch intensive Recherche unter anderem im Internet schließlich auf die Albinisten-Problematik. Das Diplom wird ihr am 5. Juni im Rahmen einer Feierstunde in Bochum überreicht.

Claudia Ackermann unterrichtet heute an ihrer eigenen Malschule im Obergeschoss des Betriebs von Thea Hunsmann-Wende direkt neben dem Gebäude der Awo-Sozialstation 63 Schüler. Dort hat sie vor zwei Jahren ihr erstes eigenes Atelier eingerichtet. Die Kiersperin malt bereits seit dem Kindesalter und hatte mit fünf Jahren schon ihr erstes Bild auf der Puck-Kinderseite der Meinerzhagener Zeitung. Als Nachbar erkannte auch der verstorbene Bildhauer Waldemar Wien ihr Talent. Ab 1990 zeigte Ackermann ihre Bilder acht Jahre lang bei den Hobbykünstlern. 1999 begann sie bei Sabine Cramer in Mühlen-Schmidthausen mit Malunterricht, war 2000 Mitbegründerin der Künstlergruppe „Kultur pur“ und hatte 2001 ihre erste eigene Ausstellung. Heute vertreibt sie ihre Bilder über die Galerien Schmidt in Lüdenscheid und Bücken in Herzogenrath. ▪ Rolf Haase

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