Koll: „Es ist nirgends so schön wie bei uns“

+
Ursula Schröder und Wolfgang Koll vom Vorstand des Vereins Hand in Hand freuen sich, dass es im Begegnungscafé stets sehr lebhaft zugeht und besonders in der Kinderspielecke „Integration live“ erlebt werden kann.

Kierspe - Für Wolfgang Koll, Vorsitzender des Vereins Hand in Hand, und seine Vorstandskolleginnen Sigrun Wolf und Ursula Schröder ist es nicht vorstellbar, Menschen – gleich, welcher Herkunft, ob mit deutschem oder ausländischem Pass – von der Lebensmittelausgabe auszuschließen.

So, wie es bei der Tafel in Essen geschehen ist. Selbst, wenn die Menschen alle gekommen wären, um für den obligatorischen 1 Euro Lebensmittel zu erhalten, hätte man sie möglicherweise zwar um ein paar Tage vertrösten müssen, weil nicht genug Waren vorhanden sind, doch der Verein hätte sie besorgt und die Menschen damit versorgt.

Denn Anfang des vergangenen Jahres gab es 610 Gästekarten, hinter denen 1135 Menschen stehen. Doch nur knapp ein Drittel (190) der Karteninhaber seien im vergangenen Jahr zur Lebensmittelausgabe gekommen. Dahinter verbergen sich insgesamt 390 Menschen.

Warum viele nicht kommen, vermögen Wolf, Schröder und Koll nicht zu sagen, es dürfte unterschiedliche Gründe haben. Der Vorsitzende betont in diesem Zusammenhang, dass man im Gegensatz zum Tafelverband – bei dem der Grundsatz gelte, Lebensmittel durch Spenden zu erhalten – auch Lebensmittel dazu kaufe.

Sigrun Wolf, bei Hand in Hand für den Bereich der Lebensmittelausgabe zuständig, zeigt die Vorratskammer, die sich erst zwei Tage vor dem jeweiligen Ausgabetermin füllt.

Was auch aufgrund der großen Unterstützung, diese sei ungebrochen, der Kiersper möglich ist. „Es gibt aber auch nach wie vor genügend Menschen, die Unterstützung benötigen.“ „Wir wissen eigentlich nur, ob es sich um Einzelpersonen oder Familien handelt“, erklärt Sigrun Wolf, die beim Verein Hand in Hand für den Bereich der Lebensmittelausgabe verantwortlich zeichnet.

„Und bei kleinen Kindern gibt es dann mal eine Tüte Milch mehr!“ Und es sind im Jahr 2016 mehr Menschen geworden, die sich im Sozialen Bürgerzentrum mit Lebensmitteln versorgen. Im Verlauf des Jahres 2015 waren es 175 Gästekarten mit insgesamt 330 Personen dahinter, die versorgt wurden.

Im folgenden Jahr kletterte die Zahl der Karten auf 250. Das waren 470 Menschen, die von Hartz IV oder der Grundsicherung leben müssen und daher dankbar waren, einmal im Monat Lebensmittel zu erhalten.

Im Übrigen gibt es zwar eine Zusammenarbeit mit dem Sozialamt der Stadt, das wiederum mit dem Jobcenter kooperiert, denn dort wird die Berechtigung festgestellt und die Gästekarte herausgegeben; eine Art Scheckkarte, die nur eine Nummer enthält, damit die Anonymität gewahrt bleibt.

Als die Zahl der bedürftigen Menschen vor zwei Jahren deutlich anstieg, wurde die Lebensmittelausgabe neu organisiert und auf zwei Nachmittage verteilt.

Letztlich ist nur wichtig, wie viele Personen mit einer Karte versorgt werden. In diesem Zusammenhang weist Wolfgang Koll darauf hin, dass es zwar hinsichtlich der Gästekarte eine Zusammenarbeit mit der Stadt gebe, jedoch erfolge der Einsatz der Mitglieder von Hand in Hand ehrenamtlich: „Wir werden dafür nicht von der Stadt bezahlt!“, räumt der Vorsitzende mit einem Vorurteil auf, das bei einigen vorherrsche.

Und fügt gleich seine Definition vom Sozialen Bürgerzentrum hinzu: „Es heißt soziales Bürgerzentrum, weil sich hier Menschen sozial engagieren können!“ Was gleichzeitig heißen soll, dass der Verein nach wie vor Helfer benötigt, die bereit sind, für ein paar Stunden ihre Stärken und Talente einzubringen.

Für den Bereich der Lebensmittelausgabe heißt dies zum Beispiel, dass montags und dienstags Helfer gebraucht werden, welche die Lebensmittel von den Geschäften – nicht nur in Kierspe – abholen und zum Bürgerzentrum bringen.

Etwa drei Stunden müssten dafür jeweils aufgebracht werden. Mittwochs sind dann die Fahrten zur Bäckerei und für verderbliche Waren wie Obst und Gemüse und eben die Ausgabe der Lebensmittel. Dafür werden vier Stunden veranschlagt.

Dabei gibt es diese Aktion jetzt nicht nur, wie früher, einmal, sondern zweimal im Monat. Der Verein reagierte damit auf den Anstieg der bedürftigen Menschen und konnte dies auch bewerkstelligen, weil sich alleine durch Mundpropaganda weitere neue Helfer einfanden.

Dadurch wurde die Situation natürlich entzerrt. Auch wenn man die Lebensmittelausgabe räumlich nur durch spanische Wände vom Begegnungscafé trennen kann, so funktioniert das eine reibungslos und im Café, wo es zumeist Kuchen oder Waffeln gibt, geht es lebhaft zu.

Besonders „die Spielecke für Kinder ist Integration live“, sagt Wolfgang Koll. Hilfe und Unterstützung gibt es auch durch die Zusammenarbeit mit dem Verein Menschen helfen, der nicht nur über Kontakte zu den Flüchtlingen verfügt, sondern auch dolmetschen kann. Dies führte letztlich auch dazu, dass bei Hand in Hand Menschen mithelfen und sich einbringen, die nicht aus Kierspe kommen beziehungsweise stammen.

Da für den Verein Hand in Hand Hilfe zur Selbsthilfe eine der Prämissen ist, will man natürlich nicht nur Lebensmittel an Bedürftige auszugeben. So gibt es bereits eine Kooperation mit der Perthesstiftung, bei denen Menschen, die ihre Wohnung verlieren, Hilfe erhalten.

Zudem können Kiersper mit der Gästekarte auch kostenlose Rechtsberatungen durch die Kanzlei Gebauer erhalten. Fundgrube (Haushaltsartikel), Bücherregal, Kleiderschrank, wo man jahresspezifische Kleidung kaufen kann, Repair-Café und einiges mehr gehören ebenfalls zu den umfangreichen Angeboten des Vereins.

„Wir wollen außerdem eine Haushaltsberatung aufbauen“, sagen Ursula Schröder, Sigrun Wolf und Wolfgang Koll, dafür werden noch Ehrenamtliche gesucht. Um aus der Bedürftigkeit herauszukommen, ist ein wesentlicher Punkt die Bildung. Auch hier möchte man die Menschen beraten, ihnen Möglichkeiten – Stichwort Teilhabegesetz – aufzeigen.

Nicht zuletzt auch, um etwas gegen das Missverhältnis zu tun: Der Regelbedarf für Lebensmittel liege bei 137,66 Euro pro Kopf, der für Bildung bei 1,01 Euro. Jeder können sich bei Hand in Hand also einbringen, so Wolfgang Koll, denn „es ist nirgends so schön wie bei uns ...“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare