Lebensgefährlich Erkrankter wartet sieben Stunden

Mit Blaulicht ging es am Sonntag für einen lebensgefährlich Erkrankten erst nach sieben Stunden Wartezeit ins Klinikum.

KIERSPE ▪ Sieben Stunden musste ein akut schwerkranker Patient aus Kierspe am vergangenen Sonntag auf Hilfe warten, nachdem der Einsatz zwischen der für den Rettungsdienst zuständigen Kreisleitstelle und den Disponenten für den kassenärztlichen Notfalldienst in Duisburg hin und her geschoben wurde, Kapazitäten fehlten und es offenbar auch zu Fehleinschätzungen kam.

Erst dann erbarmte sich eine Ärztin in der Notfalldienstpraxis am Kreiskrankenhaus Lüdenscheid und schickte einen Rettungswagen, der den 71-Jährigen endlich ins Klinikum brachte, wo er bis heute behandelt wird. Die Ehefrau von Klaus R. erhebt schwere Vorwürfe und kritisiert massiv die Vorgehensweise des Notdienstes in diesem Fall.

Kurz nach der Umstellung des kassenärztlichen Notfalldienstes auf zentrale Praxen, wobei die am Kreiskrankenhaus Lüdenscheid für Kierspe zuständig ist, kam es zu chaotischen Verhältnissen: So sollte der diensthabende Arzt Guido Kussek von der Zentrale in Duisburg, die für die Bereiche Nordrhein und Westfalen-Lippe zuständig ist, gleich am zweiten Tag nach der Umstellung Anfang Februar angesichts der großen Entfernung auf ein regelrechtes Himmelfahrtskommando zu einem Patienten nach Bad Laasphe geschickt werden, das ging natürlich nicht. Inzwischen aber, so berichtet der Kiersper Mediziner, wurde die Organisation verbessert und das Personal aufgestockt, so dass solche Pannen nicht mehr so wie in der Anfangsphase vorkommen und das System deutlich besser läuft.

Trotzdem, das weiß Kussek von den Patienten aus seiner eigenen Praxis, werden die Erwartungen an eine schnelle Hilfe durch den neuen Dienst nicht erfüllt, obwohl am Wochenende schon vier Fahrzeuge eingesetzt würden. „Ganz klar, die Versorgung ist schlechter geworden“, sagt er. Betroffen seien davon besonders ältere Menschen, die den Umstand durch das Anrufen der KV-Notfalldienstnummer 0180/5044100 vermeiden wollten und sich zudem scheuten, gleich den Rettungsdienst über die Nummer 112 anzurufen.

Die Kassenärztliche Vereinigung plant nach einem halben Jahr eine Evaluation und dann gegebenenfalls Nachbesserungen. Eine Auswirkung der Umstellung ist aber bereits jetzt in der Praxis von Kussek spürbar, wo montags ein viel größerer Andrang herrscht. Was daran liegt, dass der Notdienst der niedergelassenen Ärzte früher oft missbraucht und die Notfallpraxen unnötig am Wochenende aufgesucht wurden. Ungünstig an dem neuen System ist laut dem Kiersper Arzt vor allem, dass es keinerlei Kooperation zwischen der Einsatzleitzentrale für den Rettungsdienst und den Disponenten für den Notfalldienst der Kassenärztlichen Vereinigung gebe.

Der aktuelle Fall steht wie symptomatisch für die nach wie vor bestehenden Missstände oder, wie Kussek es ausdrückt, die Verschlechterung der Versorgung für die Menschen: Klaus R. hat eine lange Krankheitsvorgeschichte, leidet hochgradig an Diabetes sowie an Herz- und Niereninsuffizienz, ihm wurde ein Defibrillator eingepflanzt, er hatte bereits zwei Schlaganfälle und grauen Star. Am Sonntagmorgen, es war etwa 10 Uhr, ging es dem Senior zunehmend schlechter. „Sein Puls war sehr schwach und extrem unregelmäßig, er hatte einen Zuckerwert von 370 und die Körpertemperatur stieg an“, schildert seine Frau. Der Sohn, den sie um Unterstützung gebeten hatte, rief sofort die 112 an. Vom Mitarbeiter der Einsatzleitstelle wurde ein Transport ins Krankenhaus abgelehnt mit dem Hinweis, dass dafür eine ärztliche Verordnung erforderlich sei, und auf die Zentrale für den kassenärztlichen Notfalldienst in Duisburg verwiesen. Dort hieß es, dass vier Ärzte Dienst hätten und umgehend benachrichtigt würden. Jedoch erst eineinhalb Stunden später meldete sich ein Arzt, der sagte, dass noch fünf andere Patienten vorher dran seien, doch er wolle sehen, um 15 Uhr vorbeizukommen – aber er kam nicht.

Inzwischen überlegte die Ehefrau schon, ob sie ihren Mann vielleicht selbst fahren sollte, doch wusste sie, dass ein Liegendtransport unumgänglich war. Sie hatte ohnehin Angst, dass ihr Mann womöglich sterben könnte und traute sich nicht, noch das Risiko einer Autofahrt einzugehen. Um 15.45 Uhr meldete sich dann eine andere Ärztin und sagte, sie warte auf die Johanniter, habe aber noch zwei Fälle vorher.

Nun war es der Frau von Klaus R. zu viel: Sie beschrieb nochmals die Situation des Patienten, dessen Zuckerwert mittlerweile auf 480 angestiegen war und das Fieber hatte ebenfalls zugenommen. Scheinbar wurde jetzt die Ärztin nervös und alarmierte den Rettungswagen, der auch zehn Minuten später eintraf. Im Fahrzeug hatte der Senior bereits einen Zuckerwert von 545. Mit Blaulicht und Martinshorn ging es nach Lüdenscheid. ▪ Rolf Haase

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