Ein Leben mit der und für die Kiersper Feuerwehr

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Wehrleiter Georg Würth freut sich über den Wiedereinstieg von Julia Kaufmann, die nach rund zwölf Jahren Pause in die Wehr eintritt. ▪

KIERSPE ▪ „Wenn die Sirene ging, habe ich das Tor der Garage aufgemacht, damit mein Vater zum Gerätehaus fahren konnte.“ Im Grunde von Geburt an kannte Julia Kaufmann das Blau der Feuerwehruniform, die Kameradschaft der Wehr und den Stellenwert, den der ehrenamtliche Dienst in einer Familie einnehmen kann.

Vater, Schwiegervater, Mann und Tochter – alle hatten oder haben mit der Feuerwehr Kierspe zu tun.

Als Julia Kaufmann noch Kind war und mit Nachnamen Diebel hieß, war die Feuerwehr schon sehr wichtig für sie. Doch für Frauen war zu dieser Zeit noch kein Platz in der Wehr – höchstens als Mitglieder des Spielmannszuges. Damit wollte sie sich aber nicht abgeben. Beharrlich arbeitete sie daran, Mitglied in der Jugendfeuerwehr zu werden, mobilisierte Klassenkameraden, die bereits in der Jugendabteilung dienten, sprach immer wieder mit ihrem Vater und auch mit dem damaligen Leiter des Jugendfeuerwehr.

Im Alter von 15 Jahren war es dann soweit, als erstes Mädchen trat sie in die Jugendfeuerwehr ein. „Da wussten ihr Vater Friedrich-Wilhelm Diebel und ich, dass wir jetzt drei Jahre Zeit hatten, den Löschzug auf den Eintritt der ersten Feuerwehrfrau vorzubereiten“, erinnert sich Wehrleiter Georg Würth an die Zeit Anfang der 90er Jahre. Wie aus einem anderen Jahrhundert klingen diese Berichte. Längst haben die Frauen ihren festen Platz in der Wehr der Volmestadt. Heute gehören 16 Frauen den Löschzügen an und in der Jugendfeuerwehr stellen sie sogar die Mehrheit – von 40 Mitgliedern sind 21 Mädchen. Damit nimmt Kierspe landesweit eine Vorreiterstellung ein. Denn in ganz NRW liegt der Anteil der aktiven Feuerwehrfrauen im niedrigen einstelligen Prozentbereich, in den Jugendfeuerwehren tun gerade einmal 20 Prozent Mädchen Dienst.

„Das war vor rund 20 Jahren noch ganz anders. Ich weiß noch, dass wir mal die Besucher eines Feuerwehrfestes danach gefragt haben, ob Frauen in der Feuerwehr Aufnahme finden sollten. Damals war die überwältigende Mehrheit strikt dagegen“, so Würth rückblickend.

Dass sich diese Meinung in Kierspe so stark geändert hat, ist sicher auch Julia Kaufmann und den Frauen, die kurz nach ihr in die Wehr eintraten, geschuldet. „Aber ich muss auch sagen, ich hatte nie Probleme mit den Kameraden. Ob in der Jugendfeuerwehr oder auch später im Zug wurde ich behandelt wie alle anderen auch. Ich habe mich aber auch immer versucht, zu integrieren und war mir für keine Arbeit zu schade“, erinnert sich Kaufmann. Allerdings hatte die junge Feuerwehrfrau auch massive Rückendeckung, ihr Vater war anfangs noch Zugführer an der Wehestraße und auch ihr Mann Oliver trug die Uniform und hatte seinen Dienstsitz im gleichen Gerätehaus.

1998 war dann erst mal Schluss mit dem Ehrenamt. Mit der ersten Schwangerschaft hatte sich Julia Kaufmann beurlauben lassen. Als dann zwei Jahre nach der Geburt von Tochter Celine Sohn Robin geboren wurde, trat sie sogar ganz aus der Wehr aus. Kaufmann: „Ich wollte der Stadt die Kosten für die regelmäßigen medizinischen Untersuchungen, die für Feuerwehrleute vorgeschrieben sind, ersparen.“

Doch gerade in den ersten Jahren war es für die junge Mutter schwer, den Mann zum Einsatz fahren zu lassen und selbst zu Hause zu bleiben. „Ich bin bei jedem Alarm aufgestanden und häufig habe ich die Nachricht auf dem Meldeempfänger noch vor meinem Mann gelesen“, so Kaufmann.

Doch außer ihrem Mann alle Möglichkeiten bei der Wehr zu geben, konnte sie zu dieser Zeit nichts tun.

Nun wird Julia Kaufmann wieder Vorreiterin bei der Kiersper Wehr. Denn nun kehrt die 35-Jährige nach mehr als zwölfjähriger Pause zurück. „Ich habe an den ersten Diensten bereits wieder teilgenommen, werde die Jugendfeuerwehr unterstützen und bei der Brandschutzerziehung mitwirken. Nur bei den Einsätzen halte ich mich noch zurück. Ich muss erst mal viel Wissen aufholen. Und ohne dieses und eine gewisse Praxis durch Übungen hätte ich auch Bedenken, meine Kameraden oder mich selbst zu gefährden“, sagt Kaufmann.

Aber es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis auch ihre Einsatzkleidung wieder neben der der Kameraden im Gerätehaus an der Wehestraße hängen wird.

Doch bis dahin geht es in die Jugendfeuerwehr – gemeinsam mit der Tochter, die dieser Einheit schon länger angehört. Aber auch Sohn Robin kann es kaum erwarten, bis er mit zwölf Jahren dort anfangen kann. Uniform und Helm hat er schon. Doch er wird nie eine Wehr kennenlernen, in der Frauen nur im Spielmannszug auf die Pauke hauen durften. ▪ Johannes Becker

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