„Lassen Sie sich einmal positiv überraschen“

+
Denise Göbek und Olga Kwint haben bereits einen Ausbildungsplatz gefunden. ▪

KIERSPE ▪ Die Schule ist vorbei, nun beginnt für viele Jugendliche „der Ernst des Lebens“ – Geld verdienen ist angesagt. Bis zu 100 Bewerbungen haben manche Kiersper geschrieben. Und auch die Unternehmen hatte die Qual der Wahl.

Für zahlreiche junge Kiersper beginnt Montag ein neuer Lebensabschnitt: Früh aufstehen und ab zur Arbeit. Das neue Ausbildungsjahr beginnt. Sowohl für Auszubildende als auch für Ausbilder ein spannender Moment. „Wie werden wir miteinander klar kommen?“, „Ist der Auszubildende vielleicht die gute Fachkraft von morgen?“ „Wie binde ich ihn an mein Unternehmen?“ „Werde ich der neuen Herausforderung gewachsen sein?“ – Fragen über Fragen auf beiden Seiten. Doch manch einer wäre froh, sich diese Fragen stellen zu können. Noch immer sind etliche Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, aber auch einige Unternehmen sind noch auf der Suche nach einem geeigneten Auszubildenden.

„Wir hatten in diesem Jahr 40 Bewerbungen auf einen Ausbildungsplatz zur Verkäuferin“, erzählt Uwe Schäfer, Marktleiter des Kiersper Rewe-Marktes. Dennoch sei ihm die Wahl nicht all zu schwer gefallen. „Viele Bewerber haben in den Hauptfächern große Schwächen, die fallen dann direkt raus. Sie würden die Ausbildung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht schaffen“, erklärt er weiter. Der zweite Blick des Marktleiters geht auf die Fehlzeiten. Hat ein Bewerber viele Fehlstunden und diese womöglich noch unentschuldigt, hat er keine Chance. „Wer die Schule im Abschlussjahr schwänzt, der wird auch hier nicht zuverlässig sein,“ Bewerber mit guten Noten bekämen hingegen alle eine Chance, egal ob Hauptschüler oder Gymnasiast. Entscheiden würde dann ein kleines Praktikum: „Hier sehen wir, wie sich der Bewerber verhält, ob er teamfähig, freundlich und gepflegt ist.“

Aber auch der Marktleiter sieht sich herausgefordert. Denn, um genügend gute Bewerbungen zu bekommen, müsse ein Unternehmen heute einiges vorhalten. So biete Rewe beispielsweise seinen Auszubildenden eine besondere Betreuung, Schulungen und Seminare an.

Das bestätigt auch Jutta Prosch, zuständig für die Auszubildenden der Firma Helit: „Wir beginnen gerade ein solches Programm aufzubauen. Man muss den jungen Menschen Karriere-Chancen bieten.“ So ermögliche die Firma unter anderem begleitende Studienmöglichkeiten. Dies sei wichtig, denn natürlich wolle man gute Fachkräfte in der Region halten. Zudem beteilige sich die Firma an dem Projekt der Gesamtschule „Schule-Wirtschaft“. In dessen Rahmen Schüler der achten Klasse Eintages-Praktika im Unternehmen machen. „Praktika sind extrem wichtig, nur hier sehen wir, wer wirklich hier her passt und vor allem das will und weiß worauf er sich einlässt.“

Große Erfahrung im Bereich Ausbildung hat Iris Diewald, die Geschäftsführerin der gleichnamigen Bäckereikette weiß: „Es ist der erste Eindruck der zählt.“ Aber, anders als viele Kollegen vertraut sie ihrer Menschenkenntnis und nicht allein den Noten. „Ich gebe auch schon mal Übriggebliebenen die Chance und bin damit bisher sehr erfolgreich“ , erzählt sie. Wichtig sei ihr ein gepflegtes Auftreten und vor allem gutes Kopfrechnen. „Da sind oftmals Hauptschüler viel weiter vorn als Gymnasiasten.“ Überhaupt sei die Schulform nicht allzu relevant. Der Auszubildende müsse in den Betrieb passen und sich dort wohlfühlen. Aus diesem Grund setze die Geschäftsführerin immer ein Praktikum voraus. Hier sehe man schnell, wie sich der Jugendliche entwickle. „Sogar das Arbeitsamt war manchmal überrascht, was aus manch Übriggebliebenen wurde“, freut sie sich.

So eine Einstellung wünscht sich Lena Brühl von der Agentur für Arbeit von mehr Unternehmen: „Manch ein Bewerber kann auf den zweiten Blick die erste Wahl darstellen.“ Den Bewerbern rät sie zum Blick über den Tellerrand: „Es gibt viel mehr Berufe die interessant sind, von denen der ein oder andere noch nichts weiß“, so die Pressesprecherin weiter. Sowohl Personalchefs als auch Bewerber sollten offener sein, ihre Anforderungen nicht zu hoch setzen und mutig sein, sich auch mal positiv überraschen zu lassen.

Lydia Machelett

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare