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Kritik an Verkehrsgutachten in Kierspe

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Von: Frank Zacharias

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Merten Wothge (hinten links) stellte dem Ausschuss und den anwesenden Bürgern das Verkehrsgutachten für das geplante Baugebiet Östlich Rathaus III vor.
Merten Wothge (hinten links) stellte dem Ausschuss und den anwesenden Bürgern das Verkehrsgutachten für das geplante Baugebiet Östlich Rathaus III vor. © F. Zacharias

Manchmal werden Neubaupläne von aktuellen Entwicklungen überholt – und das Gleiche gilt für Statistiken.

Kierspe – Das wird Merten Wothge wohl schon vor seinem Besuch im Ausschuss für Stadtentwicklung, Planung und Wirtschaftsförderung am Mittwoch gewusst haben, wo er das Verkehrsgutachten im Zuge der geplanten Bebauung „Östlich Rathaus III“ vorstellte. Die Kritik am Zahlenwerk war groß – wenngleich das Büro für Stadt- und Verkehrsplanung (BSV) Dr.-Ing. Reinhold Baier GmbH, für das Wothge arbeitet, kaum eine Schuld trifft.

Denn: Die Analysezahlen, die der Verkehrsplaner vorstellte (siehe weiter unten), stammten aus dem September 2021, und damit „aus einer Zeit, in der die Welt im Volmetal noch in Ordnung war“, wie Sebastian Tofote (CDU) als Reaktion betonte. Keine drei Monate später sollte sich das mit der Sperrung der Rahmedetalbrücke ändern. Seitdem donnern weitaus mehr Lkw über die Friedrich-Ebert-Straße als zuvor – wenngleich das statistisch noch nicht erhoben wurde. Wie sich das Ergebnis des Gutachtens unter heutigen Gesichtspunkten verändern würde, vermochte der Referent allerdings nicht zu sagen: „Dafür müsste man neu zählen.“

Auch mögliche Bebauung am Haunerbusch nicht berücksichtigt

Nicolas Howorka (FWG) schloss sich der Skepsis von Tofote an, gab zudem den nun auch geplanten Wohnkomplex am Haunerbusch auf dem Gelände der bisherigen Firma Schröder zu bedenken. „Am Haunerbusch geht dann gar nichts mehr“, so Howorka. Und Detlef Jungmann von den Grünen hätte eine Analyse für den Verkehr über die Straße Im Hofe zur Anbindung an die Kölner Straße interessant gefunden. Dass ein von Armin Jung (FDP) erneut ins Spiel gebrachter Kreisverkehr im Bereich Haunerbusch/Friedrich-Ebert-Straße von Straßen.NRW keine Chance habe, wisse man ja mittlerweile.

Die deutlichste Kritik am Gutachten formulierte jedoch Peter Christian Schröder (FWG): Allein die Tatsache, dass die Bestandsaufnahme zweieinhalb Monate vor der Sperrung der Rahmedetalbrücke erfolgte, mache die Verkehrsanalyse hinfällig. „Auch 80 weitere geplante Wohneinheiten am Haunerbusch haben hier keine Berücksichtigung gefunden. Damit ist das Müll, und wir brauchen nicht weiterzureden.“ Zumal der Rückstau auf der Thingslindestraße und am Haunerbusch, der von den Verkehrsplanern nur als zeitlich begrenzt dargestellt wird, mittlerweile permanent auftrete, wie Schröder betonte.

Reppel: Einfädeln in Verkehr erfordert Mut

Und dieser Kritik schloss sich Christian Reppel (SPD) an. Mit der Qualitätsstufe E im Kreuzungsbereich Haunerbusch/Friedrich-Ebert-Straße stehe man im Prinzip „kurz vor der Abbruchkante“, sei nur noch nicht heruntergefallen. „Dass man den Mut haben muss, in den fließenden Verkehr einzufahren, ist mittlerweile Tagesgeschäft. Das findet sich im Gutachten aber nicht wieder.“

Ganz so negativ wollte Reppels Parteikollege Oliver Busch das Gutachten nicht bewerten. „Sie konnten nicht wissen, dass die Brücke gesperrt wird und ein Investor eine Bebauung plant“, nahm Busch das Verkehrsplanungsbüro in Schutz. Nichtsdestotrotz plädierte er dafür, die Pläne für das Baugebiet nun erst einmal für fünf Jahre – also den angedachten Neubauzeitraum der Autobahnbrücke – „in den Tresor“ zu legen. Busch erinnerte dabei auch an Zusagen „aller Parteien und Gruppierungen“, die Bewohner in Bordinghausen und am Asternweg nicht zusätzlich belasten zu wollen.

Busch (SPD) bezeichnet Drohung von Jung (FDP) als „miese Nummer“

Dem Liberalen Armin Jung passte das allerdings gar nicht. Es müsse „in überschaubarem, kurzem Zeitraum nachgebessert werden“, aber: „Wir können jetzt nicht fünf Jahre den Kopf in den Sand stecken, ohne weitere Entwicklung in Kierspe, ohne Neubau.“ Dass er im Fall eines Verzichts auf Östlich Rathaus III aber mit einer deutlichen Erhöhung der Grundsteuer „auf 900 oder 1000 Punkte wie in anderen Kommunen“ drohte, bezeichnete Oliver Busch als „miese Nummer“. Schließlich spreche man über Flächen, die sich nicht im Besitz der Stadt befänden, diese also auch nicht unmittelbar finanziell profitiere.

Dass die Entwicklung eines weiteren Neubaugebiets „verdammt schwierig“ werden könne, wenn am Haunerbusch keine Ampelanlage errichtet werden kann, sagte Dieter Grafe (UWG). Er kann die Skepsis von Straßen.NRW bezüglich solch einer Anlage allerdings nicht nachvollziehen und schaute dafür auf die Nachbarstadt Halver. „Im Kreuzungsbereich zur Herpine funktioniert das wunderbar. Ich weiß nicht, warum das nicht auch am Haunerbusch gehen sollte.“

Für Rüdiger Däumer (UWG) und Peter Christian Schröder (FWG) zeigen die bislang erstellten Gutachten zudem Widersprüche auf. Däumer wundert sich, dass eine Analyse aus dem Jahr 2014 bei nur 90 geplanten Wohneinheiten eine doppelt so hohe Belastung vorsehe, wie sie das heutige Gutachten darstellt. Und Schröder erinnerte sich an damalige Aussagen, die eine zumutbare Verkehrsanbindung bei weiteren Neubaugebieten ausgeschlossen hätten.

Das sagt das Gutachten

Das Büro BSV hat dafür drei Knotenpunkte untersucht und am 16. September 2021 am Kreisverkehr Haunerbusch, der Kreuzung Haunerbusch/Friedrich-Ebert-Straße und an der Kreuzung Bordinghausen/Asternweg Verkehrszählungen durchgeführt. Das Resultat: Es gebe „keine signifikante Verschlechterung des Verkehrsablaufs“ an den Knotenpunkten Bordinghausen/Asternweg und Haunerbusch/Montigny-Allee, wenn im Neubaugebiet Östlich Rathaus III rund 100 neue Wohneinheiten entstehen. Kritisch könnte jedoch die Einmündung des Haunerbuschs in die Friedrich-Ebert-Straße werden. Während die Verkehrsqualität dort in der morgendlichen Spitzenstunde bereits bei ausreichend (QSV D) liegt, sei sie am Nachmittag punktuell mit mangelhaft (QSV E) zu bewerten. Das liege vor allem an den Linksabbiegern vom Haunerbusch und von der Osemundstraße. Für die neuen Wohneinheiten errechnete der Gutachter ein Gesamtverkehrsaufkommen von täglich rund 400 Kraftfahrzeug-Fahrten.

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