Kölner Streichsextett brilliert in Rönsahl

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Das Kölner Streichsextett brillierte in Rönsahl. ▪

KIERSPE ▪ Gänsehaut Atmosphäre durchzieht die Rönsahler Servatiuskirche. Gespannte Erwartung liegt wie ein unsichtbarer aber fast körperlich spürbarer Schleier über dem Geschehen: Kaum einmal ein vernehmliches Räuspern in den Reihen der mit an die 100 erwartungsvollen Zuhörer gut besetzten Servatiuskirche, als mit Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 6, auch bekannt als „Pastorale“, der absolute Höhepunkt des am Samstagabend vergangener Woche angesagten Konzertabends im Rahmen der kirchenmusikalischen Veranstaltungsreihe unmittelbar bevor steht.

Gerade eben ist die Halbzeitpause der Veranstaltung vorüber, noch kreisen die Gedanken der Konzertgäste um das zuvor Gehörte. Die in der Konzertpause geführten Gespräche tendieren in die Richtung, dass bereits zu diesem frühen Zeitpunkt die Erwartung eines musikalischen Leckerbissens bei vielen Zuhörern nahezu erfüllt ist. Die fußte allein schon darauf, dass es gelungen war, mit dem renommierten Kölner Streichsextett ein Ensemble der Spitzenklasse zu einem Auftritt „in der Provinz“ zu verpflichten, und eben dessen hervorragender Ruf sollte sich schon frühzeitig bestätigen.

Bereits beim Entree zur musikalischen Trilogie des Abends, dem Streichsextett aus der Oper „Capriccio op. 85“ aus der Feder von Richard Strauss (1864 – 1949), in der Fachliteratur auch als „Konversationsstück“ und als Abschiedsgeschenk des Komponisten von der Opernwelt verstanden, offenbarten die Darbietenden ein außergewöhnlich hohes Maß an Harmonie. Das scheinbar mühelose Ineinanderfließen von musikalischen Sequenzen und jenes nahezu blinde Verständnis untereinander, das geradezu unabdingbar ist, wenn die vom Komponisten gewollte Stimmungslage nachempfindbar und sozusagen fast gegenständlich wieder gegeben werden soll, ließ bereits die Aufwärmphase dieses Konzertabends zu einem besonderen Genuss werden. Ein Eindruck, der sich dann beim zweiten Programmpunkt, dem „Streichsextett No.1 B-Dur op. 18“ von Johannes Brahms ( 1833 – 1897) schnell verfestigen sollte.

Demetrius Polyzoides, Violinist und Sprecher des Ensembles, der dem jeweiligen Musikblock einführende Worte vorausschickte, Elisabeth Polyzoides-Baich (Violine), Bernhard Oli und Rémy Sorlin-Petit (Viola), sowie Uta Schlichting und Birgit Heinemann (Violoncello) verstanden es in überzeugender Manier, den Eindruck zu vermitteln, dass dieses erste Brahms´sche Streichsextett nicht zu Unrecht zu den erfolgreichsten Werken des Komponisten gezählt wird. Mit sichtlicher Hingabe und der als Voraussetzung fürs Gelingen jedweden Unterfangens erforderlichen inneren Begeisterung arbeiteten die Konzertanten die jeweiligen charakteristischen Feinheiten der einzelnen Sätze heraus, gaben dem „Allegro, man non troppo, Andante, ma moderato“, dem „Scherzo Allegro molto“ und dem abschließenden „Rondo“ ihr ganz persönlich spezifisches Gesicht.

Zum Abschluss des Abends ließen sich die Zuhörer dann einladen zu einem Ausflug ins Traumland, so wie sie bei Beethovens „Symphonie Nr. 6“ wohl Pate gestanden haben mag. Die „Pastorale“ in einer Bearbeitung von 1819 für Streichsextett von Michael Gotthardt Fischer entführte auf den Schwingen der Muse ins Land der heiter-sinnlichen Empfindungen, welche im stressgeplagten Menschen bei der Ankunft auf dem Land und in der dann heilen Welt erwachen (wiedergegeben in dem Satz „Andante ma non troppo“).

Gerade so, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt, übernimmt die Zauberwelt der Töne und Klänge spätestens zu dem Zeitpunkt die Rolle des Erzählers, ersetzt in beeindruckender Weise die Rolle des gesprochenen Wortes, als es ums vielfältige Erleben am heiteren Sommerabend und der Szene am munter dahin plätschernden Bach geht. Urplötzlich dann ziehen dunkle Wolken am Horizont auf, künden die beiden Celli das ferne Grollen der aufziehenden Gewitterfront an. Allseitiges Erschrecken drückt sich im ängstlichen Fiepen der Violinen aus. Plötzlich beängstigende Stille. Unnachahmlich in der Erzählkunst, beinahe plastisch vorstellbar und in ihren Ausdrucksmöglichkeiten weitaus vielfältiger als das dem gesprochenen Wort möglich ist, greifen Violinen und Celli das Geschehen bei einem heftigen Sommergewitter auf.

Ebenso plötzlich wie gekommen, ist der Spuk vorbei: Melodischer Hirtengesang, wohltätige und mit Dank an die Gottheit verbundene Gefühle nach dem Sturm zeichnen ein Bild der Erleichterung, führen zurück ins milde Lächeln des Sommerabends und in die Wirklichkeit einer außergewöhnlichen Konzertveranstaltung.

Von Rainer Crummenerl

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