Knigge für Sparer

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Dr. Hans-Michael führte mit der Frage zum richtigen Essen eines Hähnchens in den Benimm-Kurs ein. ▪

ORTSMARKE ▪ „Darf man das Hähnchen mit den Fingern essen?“ Die Antwort auf diese und andere alltägliche Fragen lieferte der Experte in Sachen Benehmen Dr. Hans-Michael Klein, Leiter der Knigge-Akademie, am Freitagabend dem größtenteils jüngeren Publikum in den Räumen des Kiersper Discoclubs Revolution in einem amüsanten kurzweiligen Vortrag. „Jedes Geflügel, das größer ist als eine Wachtel, also ziemlich klein, muss laut Etikette mit Messer und Gabel verspeist werden“.

Am Weltspartag beschritt die Sparkasse Kierspe-Meinerzhagen vollkommen neue Wege und lud zahlreiche Kunden zum ersten „Sparkassen-Herbstleuchten“ ein. „Wir hatten die Idee , eine besondere Veranstaltung für diejenigen anzubieten, die sich nach Schule und Ausbildung beruflich etablieren möchten oder auch weiter studieren. Die Altersgruppe zwischen 20 und Anfang 30 ist sehr heterogen. Daher wäre eine reine Veranstaltung zu Finanzprodukten unpassend gewesen“, erklärte Arnd Clever, Marketingleiter des heimischen Instituts, der in das Programm einführte.

So bot man mit dem Thema zu modernen Umgangsformen einen auch die jüngere Generation ansprechenden Inhalt und wählte die Kiersper Discothek als Veranstaltungsort für eine entspannte, ungezwungene Atmosphäre. Der ungewöhnlichen Einladung folgten dann auch zahlreiche Sparkassenkunden, so dass das Revolution bis in die Nebenräume nahezu voll besetzt war.

Bereits in den ersten Minuten seines Auftritts weckte Knigge-Fachmann Klein das Interesse seines Publikums. „Welche drei Fehler habe ich in den ersten drei Sekunden, während der Vorstellung meiner Person gemacht?“, lautete die „Quizfrage“. Das Jackett war nicht zugeknöpft und man klopft nicht mit einem Messer an ein Glas. Dies wusste das Publikum auf Anhieb und fand mit etwas Hilfe des Referenten auch den dritten Fehler: Bei der Nennung des eigenen Namens verzichtet man auf den Artikel davor. So standen die interessierten Zuhörer mitten im Thema: den klassischen drei Bereichen der Umgangsformen zu Begrüßungsritualen, Kleiderordnung und Tischsitten. Ursprünglich von Adolf Freiherr von Knigge in dessen ersten grundlegenden Werken „Über den Umgang mit Menschen“ 1788 erdacht, verbindet man damit eher einen langweiligen Benimm-Kurs. Doch Klein, mehrfacher Fachbuchautor, gestaltete den Abend spannend und das verstaubte Thema witzig.

Nicht mehr Knigge, sondern der internationale Arbeitskreis zur Etikette liefere die Vorgaben für heutige Umgangsformen, stellte er klar. Dem deutschen Club sitzt bei seinen jährlichen Treffen in Bielefeld dabei die sogenannte „Grande Dame“ Inge Wolf vor. Somit entlastete sich Klein mit Hinweis auf diesen Club, bestehend aus weiteren zehn Mitgliedern, allesamt Tanzlehrer, wenn er seine lehrreichen Tipps vielfach mit den Worten „Inge sagt...“ einleitete.

So sagt sie denn, dass heutzutage nicht mehr der Ältere den Jüngeren zuerst grüßen müsse, sondern wer den anderen zuerst sähe. Die Regeln zu Kleiderfragen betrafen an diesem Abend hauptsächlich den Mann: Beispielsweise sollte der obere Knopf des Jacketts immer geschlossen sein, der zweite kann geknöpft werden, der dritte bleibt offen. Zwischen Jackett und Körper darf kein Hautkontakt gegeben sein. Es muss also ein Hemd auch mit entsprechender Armlänge getragen werden, so dass circa eineinhalb Zentimeter aus dem Jackettärmel herausragen. Ebenfalls vorgegeben ist die Krawattenlänge: Sie sollte bis zur Gürtelschnalle reichen, nicht länger und nicht kürzer, und zwar ohne Krawattennadel. Die trägt „Mann“ nicht mehr.

Auch im Restaurant

lauern Fettnäpfchen

Das Thema Tischsitten läutete Klein mit seinem Hinweis auf das immer noch gängige Anstoßen mit klirrenden Gläsern ein. Nur noch zu Silvester oder zu besonderen individuellen Anlässen wäre diese Sitte heute noch erhalten, und dies nur mit gleichen Gläsern mit edlen Getränken, etwa Sekt oder Prosecco.

Anschaulich demonstrierte ein Rollenspiel den Restaurantbesuch mit Dame, wobei Klein eine junge Frau aus dem Publikum bat, ihn zu unterstützen. Auch hier lauerten viele Fettnäpfchen, in die man treten könne, betonte Klein, natürlich wieder mit Verweis auf Inge, die die Regeln verantworte. Der Mann betritt das Restaurant zuerst, um der nachfolgenden Dame Schutz vor neugierigen Blicken der anderen Gäste oder sonstigen Gefahren zu leisten. Er selbst hilft ihr aus dem Mantel, nicht der Kellner, der nur für die Aufbewahrung der Kleidungsstücke zuständig ist.

Schwieriger gestaltete sich die Frage, wie die Frau sich mit Hilfe des Mannes setzt und letztlich am Tisch zu sitzen hat: Sie stellt sich so an den Tisch, dass die Oberschenkel die Tischkante berühren und wartet auf den Kontakt, mit dem ihr vom Mann zugeschobenen Stuhl. Sodann setzt die Frau sich kurz, um sich darauf wieder leicht zu erheben und sich dann in die korrekte Sitzhaltung zu begeben. Hier hätte Inge klare Zentimenterangaben vorgegeben, erläuterte Klein, die sich aber keiner merken könne. Als Faustregel gilt: Eine normal große Katze im Querformat sollte das Maß bis zur Tischkante ausmachen und das einer Maus den Abstand zum Stuhlrücken. Anlehnen wäre also falsch.

Nicht unbedingt logisch hörte sich die Regel zum Verlassen des Restaurants an. So geht die Frau zuerst hinaus, wohl dann ohne den vorher vielbenannten Schutz durch den Mann vor Gefahren auf der Straße.

In der anschließenden Fragerunde stellte das Publikum noch etliche weitere Fragen zur Etikette, die Klein kompetent zu beantworten wusste – so auch, ob er selbst alle diese Vorgaben immer einhielte. Ganz nach dem Motto „Nobody is perfect“ beendete er selbstironisch seinen Vortrag“: „Ich weise den Weg, gehe ihn aber nicht immer selbst.“ Und das geht wohl auch gar nicht immer, wenn man beispielsweise bedenkt, dass in anderen Ländern andere Sitten und Gebräuche herrschen.

Im Anschluss an die Knigge-Show ging es bis spät in die Nacht mit der Grenzenlos-Party weiter.

Arnd Clever betonte: „Wir möchten das Sparkassen-Herbstleuchten gern als regelmäßige Veranstaltung etablieren und freuen uns schon auf das nächste Mal.“

Von Evelyn Strohkamp

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