Kleine Gesten statt großer Worte als Dank

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Rosaria Miraglia ist in ihrem neuen Beruf „mit ganzem Herzen“ bei der Sache. Als gebürtige Italienerin kann sie einigen ihrer Landsleuten, die in der Awo-Einrichtung wohnen, ein Heimatgefühl vermitteln und übersetzen.

KIERSPE ▪ „Anfangs hatte ich bei manchen Bewohnern das Gefühl, zu stören. Das wurde aber nach und nach besser. Wenn ich heute ein paar Tage nicht gearbeitet habe und dann wieder komme, heißt es mittlerweile ‚Ich habe Sie richtig vermisst‘. Das ist schön“, erklärt Rosaria Miraglia.

Die gebürtige Italienerin arbeitet seit Oktober 2009 im Awo-Seniorenheim am Haunerbusch als zusätzliche Betreuerin für Demenzkranke – als sogenannte 87-b-Kraft, wie sie im Fachjargon genannt wird, weil ihre Tätigkeit gesetzlich in diesem Paragraphen geregelt ist. Wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen einer pflegenden und einer betreuenden Kraft. Denn die 87er-Kräfte sind ausschließlich auf Antrag einiger dementer Bewohner als Betreuer eingestellt. Finanziert werden sie über deren Pflegekasse.

Die Kiersperin teilt sich mit vier weiteren Frauen die 2,5 Stellen, die in jeweils halbe Stellen aufgeteilt sind. „Das ist viel sinnvoller. Denn eine durchgehende achtstündige Betreuung der Bewohner braucht niemand“, erklärt Kristin Aubert, Leiterin der Einrichtung. So wechseln sich die fünf jeweils wochenweise im Schichtbetrieb ab, damit eine „tagdeckende“ Betreuung ermöglicht werden kann. Rund vier Stunden sind die Frauen entweder morgens ab 10 Uhr, ab 14, ab 16 oder sogar ab 18 Uhr im Hause. „Dadurch hatten unsere Bewohner als es so heiß war sogar die Möglichkeit, abends um halb acht noch spazieren zu gehen. Da war es dann ja viel angenehmer“, so Aubert.

Ansonsten beschäftigen sich die Frauen auf sehr vielschichtige Weise mit den dementen Bewohnern. Sie spielen Mensch-ärgere-Dich-nicht oder ein spezielles Senioren-Memory, schauen sich mit „ihren“ Bewohnern Fotoalben an oder begleiten sie zu zeitintensiveren Ausflügen wie etwa einem Friedhofsbesuch, einem Spontaneinkauf oder einem Kirchgang. „Durch diese zusätzlichen Kräfte sind unsere Betreuungsmöglichkeiten viel größer geworden“, stellt Aubert fest. Und das komme nicht nur den Bewohnern selbst zu Gute, die natürlich viel zufriedener seien, sondern auch den pflegenden Mitarbeitern, die weniger Probleme mit den Bewohnern hätten, da diese fitter bleiben und im Idealfall weniger Medikamente benötigen.

Rosaria Miraglia arbeitete zuvor 33 Jahre in der gleichen Firma, bis diese in Insolvenz ging. „Ich wollte schon immer im Altenpflegebereich arbeiten, aber wenn man so lange in der gleichen Firma ist und mit den Kollegen älter wird, fängt man nicht einfach etwas Neues an.“ Sylvia Makowski teilt dieses Schicksal, auch ihre Firma ging pleite und sie war gezwungen, sich etwas Neues zu suchen. Auch für sie stand sofort fest, dass sie im Bereich der Seniorenbetreuung arbeiten wollte und bewarb sich in der Kiersper Einrichtung. „Über das Arbeitsamt wird man an ein Weiterbildungsunternehmen vermittelt.“

Während der mehrwöchigen Maßnahme werden sowohl theoretisches Wissen zum Krankheitsbild Demenz vermittelt als auch praktische Tipps zur Annäherung und Kontaktaufnahme mit Patienten gegeben. Denn nicht immer ist es leicht, mit einem alten Menschen ins Gespräch zu kommen. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, weiß Rosaria Miraglia. Es kommt durchaus vor, dass ein Bewohner keinerlei Reaktion zeigt oder gar abwesend reagiert, wenn der Betreuer jeden Tag vorbei kommt; dann aber, wenn der Betreuer einmal nicht kommen kann, etwas vermisst und dies auch äußert. „Dann bekommt man ganz langsam einen Zugang.“

Beate Bayer ist bereits seit vielen Jahren im Awo-Seniorenheim tätig – ursprünglich allerdings in der Küche und teilweise im Servicebereich. „Ich habe aber Spaß daran, mich direkt mit den Senioren zu beschäftigen. Deswegen habe ich die Umschulung gemacht.“ Seit März holt sie „ihre“ Bewohner nun schon regelmäßig zum Spaziergang oder zum Spielen oder Vorlesen ab – und ist damit sichtlich zufrieden.

In einem sind sich alle drei Frauen einig: Man dürfe nichts zwingend erwarten von den Bewohnern. Dafür gäben kleine Gesten aber oft viel, viel mehr an Dankbarkeit zurück. „Eine Bewohnerin sucht zum Beispiel immer Körperkontakt, wenn ich ihr vorlese“, erzählt Makowski, „sie nimmt dann immer meine Hand oder spielt an meinem Ring herum.“ Rosaria Miraglia konnte einigen Bewohnern schon mit ihrer Muttersprache helfen: „Manche sind seit 40 Jahren in Deutschland, aber können die Sprache nicht. Ich konnte ihnen ein Stück Heimat wiedergeben.“ Außerdem leistete sie wichtige Übersetzungsarbeit für die Pflegekräfte.

Aber nicht jeder Bewerber ist für den Beruf geschaffen, weiß Kristin Aubert. „Man braucht die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz. Wenn man das nicht kann, wird man selbst krank.“ Die fünf Frauen jedenfalls sind mit ihrem neuen Job sehr zufrieden: „Die Betreuung ist für mich kein Beruf, sondern eine Berufung“, resümiert Beate Bayer. ▪ Isabelle Strohkamp

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