Aufbereitetes Archiv als Fundgrube für Schätze

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Pastor George Freiwat (links) und Kirchenarchivar Karl-Heinz Bartsch konnten gestern das überarbeitete und katalogisierte Kirchenarchiv von Diplom-Archivarin Anna Warkentien (Mitte) entgegennehmen.

Kierspe - Das Kirchenarchiv der Evangelischen Gemeinde ist wieder zuhause. Fein säuberlich überarbeitet und übersichtlich katalogisiert kam es jetzt aus Bielefeld zurück. Vor zwei Jahren – noch vor dem Brand im Alten Rathaus – war es dorthin transportiert worden, um den Service des Landeskirchlichen Archivs der Evangelischen Kirche von Westfalen zu nutzen, mit dem es die Gemeinden bei der Sicherung ihres wertvollen Schriftgutes unterstützt.

Von Luitgard Müller

Es wurde inhaltlich und zeitlich erschlossen, archivgerecht in konservierende Materialien verpackt, in 96 Archivkartons zurückgeschickt und lagert jetzt wieder im Alten Rathaus. Ein „Findbuch“, in dem alle Archivalien in einer systematischen Reihenfolge aufgelistet sind, wurde angelegt, so dass nun ein rascher Rückgriff auf das gesuchte Schriftgut möglich ist. Außerdem wurden die Inhalte des Gemeindearchivs mit einem elektronischen Datenbanksystem erfasst, was eine elektronische Recherche künftig bei GenWicki sogar online ermöglicht.

Das Archiv

Das Landeskirchliche Archiv (www.archiv-ekvm.de) ist eine Einrichtung, der Evangelischen Kirche von Westfalen. Mit seinen Mitarbeitern bietet es den gegenwärtig 508 Kirchengemeinden den Service, sie bei der Aufbewahrung und Erhaltung ihres Archivgutes zu unterstützen. Die Archive der Kirchengemeinden sind aus dem Schriftgut ihrer Verwaltung erwachsen und reichen in den älteren Gemeinden manchmal bis in die Zeit vor der Reformation zurück.

Das Archiv umfasst 744 Verzeichniseinheiten, (Urkunden, Akten, Amtsbücher, Bauzeichnungen, Sammlungsgut) und erstreckt sich über den Zeitraum von 1484 bis 2006. Es liefert wertvolle Hinweise zur Geschichte der Kirchengemeinde und des Ortes Kierspe. Die früheren Nachrichten aus dem 16. und 17. Jahrhundert beziehen sich vor allem auf die Vermögensverhältnisse und den Zustand der kirchlichen Gebäude. Ein wichtiger Hinweis zum Konfessionsstand findet sich im Fragment des Berichtes des Pfarrers Hermann Rövenstrunk, erstellt bezüglich der amtlichen „Erkundigungen“ über das Kirchen- und Religionswesen der märkischen Gemeinden in den Jahren 1664 bis 1667. Demzufolge ist die Kirchengemeinde Kierspe schon hundert Jahre vor 1666 eine lutherische Gemeinde gewesen.

Das Lagerbuch, in dem die Vermögensverhältnisse der Gemeinde festgehalten wurden, und weitere Zeugnisse der Zeitgeschichte wie Briefe gehören zu den „Schätzen“ des Archivs.

Eindrucksvoll sind Quellen zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges von 1618 bis 1648, die vom Leid und Elend der Bevölkerung berichten. In einem Brief des Richters und der Vorsteher an den Kurfürsten, der nach 1653 geschrieben wurde, heißt es: „... in anno 1636 der großere Theil der Kirspelleuthe verstorben, übrige wegen ubermeßiger tribulation und ausplünderung und verderbens von Hauß und Hoff verweichen, alles verlaßen müßen, daß Kirspell bis ins Jahr 1641 und 1642 gantz wühste gelegen...“ Typische Dokumente aus dieser Zeit sind Abrechnungen und Kontributionszahlungen sowie Aufstellungen über die Verpflegungskosten für die Truppen, über verwüstete Höfe und Plünderungsschäden.

„Für die Gemeindegeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts sind Akten, die Aufschluss über kirchliche Aktivitäten in den Bereiche Schule und Fürsorge geben, besonders hervorzuheben“, so Anna Warkentien, Diplom-Archivarin beim Landeskirchlichen Archiv. Aber auch Familienforschern biete das Gemeindearchiv eine reiche Quelle, da es Unterlagen zur Geschichte alteingesessener Familien und der Bauernhöfe enthalte.

Anna Warkentien: „Erwähnenswert und ein beeindruckendes Zeugnis der Zeitgeschichte sind Briefe der Kinder der Familie Crone zu Beckinghausen an die „lieben Eltern“ aus den Jahren 1835 bis 1843. Jeweils am 1. Januar bedankten sich darin die Kinder brav für die „Sorgen, Mühe und Kosten“, die die Eltern mit ihnen gehabt hatten, und versprechen, durch „Fleiß, gutes Betragen und Gehorsam Ihnen Freude zu machen“. as Archiv der Kirchengemeinde wird seit rund 15 Jahren von Karl-Heinz Bartsch betreut. Er kümmert sich um die Sicherung und Aufarbeitung der geschichtlichen Quellen. 2010 hat er in mühsamer Kleinarbeit mit Christian Voßwinkel und Heinrich Fernholz das älteste Lagerbuch der Evangelischen Gemeinde, in dem ihre Vermögensverhältnisse festgehalten wurden, im Detail transkribiert.

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