Neuregelung der Umsatzsteuer: Nicht nur die Wurst wird beim Gemeindefest bald teurer

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Die Einnahmen genau im Blick haben, das müssen die Kirchengemeinden spätestens ab 2021. Denn dann sind sie bei deutlich geringeren Summen umsatzsteuerpflichtig.

Kierspe - Kostet die Bratwurst auf dem Gemeindefest bald 19 Prozent mehr? Werden selbst gestrickte Socken auf dem Kirchenbasar umsatzsteuerpflichtig? Ist die Kirche ein normales Unternehmen, vergleichbar mit Pommesbude und Einzelhandelsgeschäft? Alle diese Fragen beantworten die, die sich mit kirchlichen Finanzen auskennen in Zukunft mit „Ja, aber...“ oder einem „eventuell“.

Je ärmer die Kirchengemeinde, desto leichter wird sie es bei der Neuregelung der Umsatzsteuer haben. Dem würde Matthias Tast, stellvertretender Verwaltungsleiter des Evangelischen Kreiskirchenamtes Sauerland-Hellweg nicht widersprechen. In seiner dienstlichen Funktion muss sich Tast seit Jahren mit dem Thema Umsatzsteuer beschäftigen. Denn seit 2016 ist eine EU-Verordnung, die Kirchengemeinden steuerrechtlich privaten Unternehmen gleichstellt, auch Bundesgesetz – und ab dem Jahr 2021 müssen die Gemeinden dann auch Umsatzsteuer zahlen.

„Zumindest überall dort, wo wir in Konkurrenz zu Wirtschaftsunternehmen treten“, erklärt Tast. Das kann beim Verkauf der Bratwurst auf dem Gemeindefest genauso sein wie bei der Standgebühr für Weihnachtsmärkte, dem Mittagstisch oder dem Verkauf von Kleidung in gemeindeeigenen Second-Hand-Läden. Doch nicht jede Gemeinde wird die 19 Prozent entrichten müssen. „Es muss ein Umsatz von 17 500 Euro erreicht werden, erst dann muss gezahlt werden“, so Tast.

Doch eine Entwarnung ist diese Summe für viele Gemeinden nicht. Da reicht schon die Fotovoltaikanlage auf dem Dach des Gemeindehauses zusätzlich zum gut gehenden Weihnachtsmarkt – und die Steuer wird fällig. Klar ist bereits jetzt, für das Kirchenamt wird’s teurer. Denn, um die neue Regelung möglichst fehlerfrei umzusetzen, wurde Anfang Februar ein Mitarbeiter eingestellt, der sich ausschließlich um dieses Thema kümmert. Zu den Aufgaben gehört auch die Schulung der Gemeinden.

Auf Weihnachtsmärkten und Basaren verdienen die Kirchengemeinden Geld. Ob sie es in voller Höhe behalten können, hängt vom Gesamtumsatz der Gemeinde ab.

Für die Pfarrer in Iserlohn und Soest gab es bereits eine entsprechende Schulung, die Geistlichen des Südkreises werden in naher Zukunft über die Neuerungen informiert. Damit auch das Kirchenamt weiß, was auf die Gemeinden zukommen kann, wurde nun erst einmal ein rund 20-seitiger Fragebogen verschickt. Darin wird auch abgefragt, welche Einrichtungen und Gruppen zur Gemeinde gehören. Dazu gehören auch Büchereien, Eine-Welt-Läden oder Schulungszentren.

Aber auch nach dem Verkauf von Druck-Erzeugnissen, Postkarten oder Souvenirs wird gefragt. Ein klares Nein können die Gemeinden im Süden sicher ankreuzen, wenn nach Kegelbahnen, Gaststätten und Kantinen gefragt wird. Da der Fragebogen gemeinsam mit der Verwaltung des Erzbistums Paderborn entworfen wurde, wird auch nach Kolpinghäuern gefragt. Eine Frage, die in den Evangelischen Gemeinden schnell beantwortet sein dürfte. Anders sieht es da schon bei Umsätzen aus Land- und Forstwirtschaft aus. So ist beispielsweise die Kirchengemeinde Kierspe durchaus im Besitz von eigenem Wald, eigenen Flächen und auch zahlreichen Grundstücken.

Die eben schon erwähnten Katholiken hatten das Thema im Erzbistum auch deutlich früher auf der Agenda als das Kirchenamt, gibt Tast unumwunden zu: „Wir waren vor gut einem Jahr auf einer Infoveranstaltung des Erzbistums und haben dort erkannt, dass das Bistum ein gutes Jahr weiter ist als wir.“ Doch auch, wenn nun viel Arbeit auf seinen Arbeitgeber und die Gemeinden zukommt, möchte der stellvertretende Verwaltungsleiter „keine Klagelieder“ anstimmen. „Wir haben Zeit genug und die Änderung ist seit Langem angekündigt“, so Tast.

"Wir haben genug Zeit"

Sind erst einmal alle Fragebogen zurück, dann wird er auch sagen können, in welcher Gemeinde eine Bratwurst, die bislang auf dem Gemeindefest für einen Euro verkauft wurde, ab 2021 für 1,19 Euro über die Theke geht. „Dort, wo die Gemeinden umsatzsteuerpflichtig werden, muss über die Preisgestaltung nachgedacht werden“, sagt Tast.

Umsatzsteuer

Die Umsatzsteuer ist im Volksmund die Mehrwertsteuer. Grundsätzlich gilt: Wer eine Ware oder Dienstleistung kauft, zahlt 19 Prozent. Bislang sind Kirchengemeinden als Körperschaften des öffentlichen Rechts bis zu einem Jahresumsatz von 35 000 Euro von der Umsatzsteuerpflicht befreit gewesen. Der Umsatz der allermeisten Gemeinden lag unter dieser Summe, die nun aber halbiert wird. Eigentlich müssten die Gemeinden bereits seit 2017 ab dieser Summe zahlen. Doch der Gesetzgeber hat den Gemeinden, die einen Antrag gestellt haben, eine Übergangsfrist bis 2021 eingeräumt.

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