Kinderarmut ist eine Fessel, die Entwicklung behindert

ertreter des Jobcenters sowie von Stadt und Kreis warteten mit aktuellen Daten zur Kinderarmut in Kierspe und im Kreis auf.

KIERSPE ▪ Der Fachtag zum Thema Kinderarmut drehte sich über weite Teile immer wieder um das Pro und Kontra zum Bildungs- und Teilhabegesetz, mit dem die Erfahrungen in der Praxis bislang aufgrund der geringen Inanspruchnahme seitens der Klientel eher nicht besonders positiv sind.

„Die Meinungen darüber sind geteilt“, befand auch Pastor Martin Ahlhaus, der als Vorsitzender des sozialen Bürgervereins Hand in Hand die Moderation und Gesprächsleitung übernahm. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen ziehe eine durchweg positive Bilanz, die paritätischen Wohlfahrtsverbände dagegen kritisieren, dass die Antragstellung es den Betroffenen erschwere, die ihnen zustehende Unterstützung abzurufen, umriss Ahlhaus.

Kinderarmut wertete er als Fessel, die Kinder behindere, sich zu entwickeln und zu entfalten. Dabei, so informierte Ahlhaus, seien die Zahlen weiterhin alarmierend, wenn berichtet werde, dass fünfte jedes Kind unter 18 Jahren armutsgefährdet sei. Und die Lage habe sich in den vergangenen Jahren praktisch nicht verändert. Die SPD hatte dies schon im November 2010 zum Anlass genommen, eine gemeinsame Sitzung der Ausschüsse Soziales und Senioren sowie Sport und Jugend zu fordern. Dem wurde mit dem Fachtag, der am Dienstag im Rathaus stattfand, nun nach eineinhalb Jahren nachgekommen. Zu einem Großteil blieb es bei einer Datenerhebung.

Zunächst präsentierte Sachgebietsleiterin Gaby Henke vom Jobcenter Märkischer Kreis einige Zahlen und Fakten: Dabei fiel sogar auf, dass der Anteil der Personen unter 25 Jahren bei den Arbeitslosen mit 11 bei insgesamt 376 in Kierspe und 606 bei insgesamt 10 647 im Märkischen Kreis sogar relativ gering ausfällt. In Kierspe liegt ihr Anteil mit 1,82 Prozent um die Hälfte niedriger als im Mittel im Kreis.

Bei den Menschen im Leistungsbezug des SGB II, also den Hartz IV-Empfängern, sind von 1188 insgesamt in Kierspe 548 unter 25 Jahren. „Das ist fast die Hälfte“ gab Henke zu bedenken. Von den 31 333 Hartz IV-Empfängern im Märkischen Kreis sind 13 393 unter 25 Jahren. Kierspe liegt damit trotzdem ungefähr im kreisweiten Trend.

Die Vertreterin des Jobcenters beleuchtete kurz auch die Bedarfsgemeinschaften, wo es von den insgesamt 545 in Kierspe 345 ohne Personen unter 15 Jahren gibt und 11 mit vier und mehr Personen unter 15 Jahren. Kreisweit sind es hier von den insgesamt 15 943 204. Der Anteil in Kierspe ist mit 5,39 Prozent etwas höher als im kreisweiten Durchschnitt. Einen Ausreißer gibt es laut Henke bei den alleinerziehenden Bedarfsgemeinschaften, wo es in Kierspe 5 von insgesamt 129 mit vier und mehr Kindern unter 15 Jahren gibt gegenüber kreisweit 57 von 3416, womit sich ihr Anteil mit 8,77 Prozent mehr als doppelt so hoch als im Mittel im Märkischen Kreis bewegt.

Anträge für Unterstützung nach dem Bildungs- und Teilhabepaket wurden von Hartz IV-Empfängern 2012 bislang 82 gestellt. 23 bezogen sich auf Klassenfahrten, 33 auf das Mittagessen in den Schulen und Kindergärten und 22 auf die Teilhabe am kulturellen Leben, darunter auch Mitgliedsbeiträge für Vereine und Freizeiten. 2011 waren zusammen 210 Anträge zusammengekommen, wie Gaby Henke weiter berichtete. Schulmittel tauchen in der Statistik nicht auf, da sie gesondert abgedeckt sind.

Sie hielt die Anträge in Hinblick auf die Klientel für nicht besonders kompliziert, außer vielleicht dem auf Lernförderung, wo tatsächlich bislang in 2012 auch erst einer gestellt worden ist. „Denn hier ist eine Begründung der Schule erforderlich“, erklärte sie den Grund aus ihrer Sicht. Aus der Runde, in der sich neben zahlreichen Kommunalpolitikern auch Vertreter der Kindergärten, Schulen und Kirchen befanden, kam aber die Kritik, dass für viele Menschen mit geringem Bildungsstand das Ausfüllen von Anträgen schon eine große Hürde sei und daher ein unbürokratisches und im Interesse der Klientel stark vereinfachtes Verfahren wünschenswert wäre. Dazu kam aber von Henke der Hinweis, dass sie an der Basis der falsche Ansprechpartner sei, vielmehr sei hier der Gesetzgeber gefordert.

Die städtische Sozialamtsleiterin Rita Kattwinkel ergänzte die statistischen Angaben zum Bildungs- und Teilhabe-Paket noch um die Zahlen nach dem Bundeskindergeldgesetz: So seien im Märkischen Kreis 6292 Anträge gestellt worden, wovon bislang 4025 entschieden seien. Bezogen auf Kierspe gehe es um 280 Anträge, von denen 107 noch nicht entschieden seien. 159 seien bewilligt, zehn abgelehnt und vier zurückgezogen. Anträge auf Unterstützung für Schulmittel wurden in Kierspe 140 gestellt, für Mittagsverpflegung 63 und für Klassenfahrten 41. Für den Bereich der Lernförderung nannte sie sieben und für die Schülerbeförderung acht Anträge, für den Bereich der Teilhabe 21 Anträge.

Zu berichten wusste sie auch etwas aus der Arbeit der Schuldnerberatung, laut deren Informationen bei den aktuellen Fällen derzeit keine Kinder betroffen seien, auch nicht im Bereich von Privatinsolvenzen.

Dass hier tatsächlich ein Bürokratie-Monster erschaffen worden sei, unterstrich ebenfalls der Leiter des Kreisjugendamtes, Eckehard Beck. So musste die Sachbearbeitung in der zuständigen Stelle extra dafür personell aufgestockt werden. Trotzdem hinkt der Kreis mit der Bearbeitung aufgrund des aufwändigen Verfahrens deutlich hinterher. Er wusste, indem er sich auf die Bertelsmann-Studie stützte, zu informieren, dass im Märkischen Kreis 15 Prozent der jungen Menschen unter 18 Jahren armutsgefährdet seien, in ganz Nordrhein-Westfalen seien es sogar 17,2 Prozent. Der Anteil der Familien mit geringen Einkommen liege bei 10,8 Prozent. Und gegenüber dem Kreis gebe es in Kierspe kaum nennenswerte Ausschläge, weder nach oben noch nach unten. Beck stellte es als ein Problem dar, dass viele Kinder Bildungsdefizite hätten. So hätten die Sprachstanderhebungen des Kreises gezeigt, dass 39,4 Prozent der Mädchen und Jungen, also mehr als ein Drittel, auffällig seien. „Ohne Sprache geht es aber nicht und ohne sie ist ein besserer Start ins Leben nicht möglich“, konstatierte er.

Aus den Kindergärten klang noch an, dass gerade auch die Inanspruchnahme der Mittagsverpflegung durch die Neuregelung deutlich zurückgegangen sei. Zudem hieß es, dass viele Kinder heute nicht jahreszeitlich entsprechend gekleidet seien, weil einfach das Geld fehle, was wiederum aus den Schulen nicht bestätigt werden konnte. Neben der materiellen Armut mangele es oft in den Familien auch an Emotionalität, die Folge sei emotionale Armut. Als Gründe für die geringe Zahl an Anträgen wurde neben dem Bürokratieaufwand auch Scham, Scheu und oft auch der Wille der Eltern, es aus eigener Kraft zu schaffen, genannt.

Bei aller berechtigten Kritik am Bildungs- und Teilhabegesetz brach doch der SPD- und Awo-Vertreter Erich Mürmann eine Lanze dafür: „Das Gesetz ist gut gedacht, aber nicht gut gemacht. Trotzdem zielt es in die richtige Richtung.“

Der städtische Beigeordnete und Kämmerer Olaf Stelse machte deutlich, dass die kreativen Spielräume der Kommune, was die Bekämpfung der Kinderarmut und Maßnahmen zur Förderung junger Menschen angeht begrenzt seien. Er nannte nur die Bereiche des Schulpsychologen und des Schulsozialarbeiters, der demnächst zusätzlich noch beschäftigt werde. Aus seiner Sicht seien daher vor allem private Initiative wie des sozialen Bürgerzentrums Hand in Hand oder auch der Freien evangelischen Gemeinde mit dem neuen offenen Jugendtreff gefordert, um Verbesserungen zu erreichen und etwas vor Ort gegen die Kinderarmut zu unternehmen.

Angeregt wurde noch, dass von den Vereinen eine Ansprechpartnerliste erstellt werde, um die Teilhabe an Sport- und anderen Vereinsangeboten für arme Kinder über das Bildungs- und Teilhabe-Gesetz zu erleichtern.

Beim nächsten Fachtag zur Kinderarmut in einigen Monaten soll dann verstärkt nach Lösungswegen und Verbesserungsmöglichkeiten gesucht werden.

▪ Rolf Haase

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