Kiersperin leidet unter Spinaler Muskelatrophie Typ 2

Der Traum vom Assistenzhund

Madeleine Büte Kierspe - Assisenzhund - Muskelatrophie
+
Madeleine Büte mit ihrer Katze auf der Terrasse ihrer neuen Wohnung in Kierspe. Die beiden verstehen sich gut.

Madeleine Büte sitzt in ihrem Rollstuhl auf der Terrasse ihrer neuen Wohnung. Ihre Katze streckt sich ihr entgegen, um ein Leckerchen anzunehmen, das ihr die 27-Jährige reicht.

Kierspe - Wie sehr würde sich Madeleine wünschen, nicht nur ihre Katze, sondern einen persönlichen Assistenzhund bei sich zu haben. Ein großer Traum, der viel kostet, der aber ein hohes Maß an physischer und psychischer Unterstützung für sie bedeuten würde. Sie leidet seit ihrer Geburt an der Gen- und Rückenmarkserkrankung „Spinale Muskelatrophie Typ 2“. Madeleine weiß, dass ihr im Laufe ihres Lebens das Essen und Schlucken schwerer fallen werden. Ihre starke Bewegungseinschränkung nimmt bereits im Tagesverlauf immer wieder zu. Abends muss sie an eine Druckluftmaschine angeschlossen werden.

Zwölfköpfiges Team

Alleine kommt sie nicht durch den Alltag. Ein zwölfköpfiges Team des Pflegedienstes AuraIntense aus Lüdenscheid betreut sie rund um die Uhr in zwei Schichten. Sie fühlt sich durch dieses Team gut versorgt, lebt seit Anfang März dieses Jahres in Kierspe in der Nähe ihres Vaters und ihrer Familie, aber ein Assistenzhund würde für sie mehr Lebensqualität bedeuten.

Doch es stellt sich als ein schwieriges Unterfangen heraus, an einen vierbeinigen Begleiter zu kommen. Allein die Kosten für die mehrjährige Ausbildung des Tieres durch einen Trainer belaufen sich auf 25 000 Euro. Hinzu kommen um die 20 000 Euro Nebenkosten, die sich für die Lebenszeit des Tieres von zehn bis zwölf Jahren ansammeln.

Madeleine Büte ist nicht nur auf ihren speziellen Rollstuhl angewiesen, sondern auch auf ein zwölfköpfiges Pflegeteam. Die junge Frau wünscht sich dazu so sehr einen Assistenzhund.

Seit Mai 2020 darf Madeleine aufgrund ihrer Erwerbsminderungsrente nur noch auf 450-Euro-Basis arbeiten. Nach ihrem Fachabitur 2012 begann sie zunächst eine Ausbildung zur Bürokauffrau beim Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte in Hamm – ihrem vorherigen Wohnort. Der Verein übernahm sie nach der Ausbildung und stellte ihr für ihre Büroarbeiten Hilfsmittel zur Verfügung, wie ein Headset oder eine Ein-Hand-Tastatur. Dafür bekam ihr Arbeitgeber Eingliederungszuschüsse. Doch mit dem Eintritt in die Erwerbsminderungsrente erfolgte automatisch die Kündigung inklusive der Bedingung, nur noch als geringfügig Beschäftigte arbeiten zu dürfen. „Und ich glaube nicht, dass ein Arbeitgeber für eine geringfügig Beschäftigte die nun fehlenden Zuschüsse selbst übernimmt“, glaubt Madeleine.

Madeleine Büte kämpft für ihren Traum

Die Finanzierung eines Assistenzhundes aus eigener Tasche bleibt also unmöglich. Doch Madeleine Büte kämpft für ihren Traum, so wie sie schon oft im Leben gekämpft hat: Als ihre Erkrankung im Alter von eineinhalb Jahren festgestellt wurde, schätzten die Ärzte ihre Lebenserwartung auf neun Jahre. Heute hat sie schon viel hinter sich gebracht: Stürze, Knochenbrüche, Operationen, Behandlungen, wie gegen Skoliose, einer Verdrehung der Wirbelsäule, Sehnenverlängerungen oder Lymphödeme an beiden Beinen und auch lange Krankenhausaufenthalte. Auch an Herzrhythmusstörungen litt die junge Frau bereits, aber sie hat es immer wieder geschafft, sich durch die Herausforderungen zu kämpfen. Und beinahe wäre ihr Traum von einem Assistenzhund wahr geworden.

Hunde spielen schon lange eine Rolle in Madeleines Leben. Sie ist mit Hunden aufgewachsen, zunächst während ihrer Kindheit in ihrer alten Heimat, nahe dem Wasserschloss Haus Rhade, dann in ihrer gemeinsamen Wohnung mit ihrer Mutter in Hamm. Ihre Eltern sind geschieden und halten beide nach der Trennung ihre eigenen Vierbeiner. Besonders angetan war Madeleine von dem Rottweiler ihrer Mutter: „Er hat mir seinen Ball gerne auf den Schoß geschmissen. Er wollte, dass ich mit ihm spiele und wusste, dass ich den Ball nicht vom Boden aufheben kann. Das fand ich toll, und das hat mich inspiriert“, schwärmt sie. Zusammen mit ihrem Ex-Freund besuchte sie vor einigen Jahren die Messe „Rehacare“ in Düsseldorf, auf der diverse Assistenzhunde vorgestellt wurden: Epilepsie-Warnhunde, Diabetiker-Hunde und Hunde, die darauf trainiert wurden, Menschen mit muskulären Erkrankungen zu unterstützen.

Hündin selbst trainiert

Madeleine erinnert sich: „Auf der Messe habe ich einen Jungen im Rollstuhl kennengelernt, dessen Hund ihm das Käppi vom Kopf nehmen und ihm die Jacke ausziehen konnte. Das hat mich fasziniert.“ Madeleine wandte sich daraufhin an ihre Krankenkasse, doch die schmetterte sie ab: Ein Assistenzhund könne für sie nicht bewilligt werden, da sie die Hilfsangebote des Tieres aufgrund ihrer Einschränkungen nicht annehmen könne, hieß es. „Totaler Schwachsinn“, findet Madeleine. „Man sieht doch, wie gut ich meine Katze füttern und angereichte Gegenstände entgegennehmen kann.“ Und mehr noch: Angeregt durch den Messebesuch und ihre Erfahrung mit Hunden, schaffte sie sich im Juni 2018 eine Labrador-Schäferhündin an, die sie selbst trainierte.

Madeleine schaffte es, dass ihre Hündin Euromünzen aufheben und Türen öffnen konnte. Eine Trainerin der Humani-Assistenzhundeschule aus Osnabrück half ihr, die Hündin zu erziehen. Doch es blieben Tücken: „Sie wollte immer wieder an meinem Rollstuhl ziehen. Später hatte sie ein Aggressionsproblem und war für die Ausbildung zum Assistenzhund nicht mehr geeignet. Leider musste ich sie abgeben.“

Also blieb weiter der Wunsch nach einem ausgebildeten Assistenzhund und die Frage der Finanzierung: Madeleine versuchte es im Oktober 2018 über das Gesundheitsamt in Hamm. Hier bekam sie einen Termin zur Vorstellung – doch dazu kam es nicht, denn Madeleine stürzte auf dem Weg zum Termin so schwer, dass sie für mehre Monate ins Krankenhaus musste. Lymphdrainagen, Haltesysteme für ihre gebrochenen Knochen und Krankengymnastik prägten ihren langen Klinikaufenthalt, dem sich eine Kurzzeitpflege anschloss.

„Das war keine schöne Zeit“, erinnert sich Madeleine, die sich noch heute über die unglücklichen Umstände damals ärgert. Ein halbes Jahr später bekam sie eine zweite Chance beim Gesundheitsamt: Eine Amtsärztin untersuchte Madeleine, sprach mit ihr über ihre Krankheit und ihren Alltag und prüfte die Beweglichkeit ihrer Hände. „Es ist nicht schön, so begutachtet zu werden, doch für mein Ziel mache ich das“, sagt sie entschlossen. Dann die Ernüchterung: Es kam eine Absage. Madeleine legte Widerspruch ein und bekam einen neuen Termin. Dieses Mal nahm sich die Amtsärztin beim Gesundheitsamt eine weitere Ärztin zur Hilfe.

Bewilligung der Stadt Hamm verfiel

Nach dieser Überprüfung durch das Gesundheitsamt Hamm und durch die Begutachtung des Medizinischen Dienstes, der eine Erhöhung von Madeleines Pflegegrad zur Folge hatte, bewilligte die Stadt einen Assistenzhund für Madeleine. Doch aus persönlichen Gründen zog die junge Frau in diesem Jahr nach Kierspe. Somit verfällt die Bewilligung der Stadt Hamm. „Alles geht wieder von vorne los“, stöhnt sie. Nun hat sie einen Antrag beim Landschaftsverband Westfalen Lippe für einen Assistenzhund gestellt. „Aber das zieht sich“, berichtet sie. Dennoch möchte sie nicht aufgeben: „Mein Wunsch ist es, einen ausgebildeten Hund zu haben, der mich physisch und psychisch unterstützt. Ich brauche ihn so sehr.“

Hilfe

Wer Madeleine Büte helfen möchte, darf sie kontaktieren. Tel. 0172/7 51 11 34; E-Mail: maddy613@gmx.net.

Spinale Muskelatrophie

Bei der Spinalen Muskelatrophie richten sich die Typen der Erkrankung nach den Einschränkungen, die sie hervorruft. Die Erkrankung betrifft Nervenzellen, die für den Bewegungsapparat zuständig sind, wie Laufen sowie Kopf- und Halsbewegungen. Typisch für die Spinale Muskelatrophie ist ihr progressiver Verlauf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare