Kiersperin arbeitet als Trauerbegleiterin - Corona sorgt für Ausnahmezustand

An Nähe war nicht zu denken

Als Trauerbegleiterin arbeitet die Kiersperin Stefanie Werner bei der Arche Lüdenscheid.
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Als Trauerbegleiterin arbeitet die Kiersperin Stefanie Werner bei der Arche Lüdenscheid.

Kierspe – Dem Sterbenden die Hand halten, nah sein und Liebe vermitteln. Das wünschen sich die meisten Menschen für die letzten Stunden mit ihren Lieben, aber auch fürs eigene Lebensende. Doch gerade im ersten Lockdown war an solche Nähe nicht zu denken. Erlebt hat das auch Stefanie Werner. Die Kiersperin arbeitet als Trauerbegleiterin bei der Arche Lüdenscheid.

„Als die Mutter mit Rückenschmerzen ins Krankenhaus kam, da ahnte ihre Tochter nicht, dass sie die Mutter nicht wiedersehen würde“, erinnert sich Werner an eine Minderjährige, die von einer Kollegin betreut wird. Zwei Monate blieb die Mutter im Krankenhaus, von der Sportklinik kam sie ins Klinikum auf die Onkologie, wo sie dann auch verstorben ist. „Was macht das mit einer Mutter, die im Sterben liegt und ihr Kind nicht noch einmal in den Arm nehmen kann? Wie kann das Kind die Situation bewältigen? Fragen, auf die Stefanie Werner auch noch keine Antwort hat. Zu neu die Situation, in der viele Menschen sich nicht von ihren sterbenden Angehörigen verabschieden konnten. Werner: „Gerade beim ersten Lockdown haben sich dramatische Situationen ereignet. Damals wussten alle viel zu wenig über das Virus. Es war sicher richtig, die Kliniken und Heime zu schließen, um die Kranken und das Personal zu schützen. Doch für die Menschen, die sich nicht verabschieden konnten, war es einfach grausam.“ Vor allem, so die Trauerbegleiterin, weil auch ein letzter Blick auf den Leichnam verwehrt geblieben sei, da der Sarg bei Menschen, die an Corona gestorben seien, nicht noch einmal geöffnet werden durfte.

„Normalerweise haben wir Rituale, die uns das Abschiednehmen erleichtern. Viele davon werden heute als altbacken und unpassend angesehen. Doch letztlich haben das Tragen von Trauerkleidung und das Trauerjahr den Menschen Sicherheit gegeben und vor allem Zeit, in die neue Rolle hineinzuwachsen.

Gerade beim ersten Lockdown haben sich dramatische Situationen ereignet.

Stefanie Werner

Durch Corona sind dann auch noch die Hilfen weggefallen, die wir vorher noch als selbstverständlich angesehen haben. Da haben dann die Jungen die Alten nicht mehr in den Arm genommen, um sie nicht anzustecken, der Pfarrer kam nicht mehr ins Haus, um die Beerdigung vorzubereiten, und die Angehörigen nicht mehr gemeinsam an einem Tisch zusammen“, erzählt Werner. Selbst der Leichenschmaus sei weggefallen. „Dabei ist gerade dieser wichtig, denn letztlich ist das gemeinsame Essen ein Bejahen des Lebens, gibt aber auch den Angehörigen und Trauernden die Möglichkeit, sich in großer Runde noch einmal an den Verstorbenen zu erinnern“, sagt Werner.

Doch auch jenseits von Corona und den Härten, die dieses Virus mit sich bringt, ist die Trauerbegleitung der Arche gefragt, die sich aber auch verändern musste. Denn der Abstand ist auch bei den Mitarbeitern zu den Klienten aber auch untereinander bestimmend geworden. „Meist findet das erste Gespräch am Telefon statt, doch dann sollte es möglichst schnell zu einem ersten persönlichen Treffen kommen, das meist bei uns in der Arche stattfindet. Da muss der Begleiter meist gar nicht viel sagen, denn die Menschen sind so voller Trauer und Sorge – und vor allem froh, einen Ort zu haben, wo sie all die Last, die sie mit sich herumtragen, loswerden können“, erzählt Stefanie Werner. Wichtig sei vielen, dass ihnen versichert würde, dass sie nicht krank seien und auch, dass jeder Mensch anders trauere. Werner: „Wir wollen den Menschen dabei immer das Gefühl geben, dass ihre Empfindungen völlig normal sind und ihnen vermitteln, dass es keinen einheitlichen Weg der Trauer gibt. Manche sind über sich selbst entsetzt, dass sie nicht weinen. Dann ist es an uns, den Menschen zu erklären, dass das auch noch später kommen kann. Wir wollen aber auch vermitteln, dass die Trauer wichtig ist, da sie den Menschen dabei hilft, einen neuen Platz zu finden.“

Die Arche Lüdenscheid

Die Trauerbegleitung ist nur ein Teil der Arche Lüdenscheid, die auch einen mobilen ambulanten Hospizdienst anbietet, allerdings nicht in Meinerzhagen und Kierspe, wo ein eigener Verein diese Aufgabe übernimmt. Die Trauerbegleitung dagegen kann von allen Menschen des Kreises in Anspruch genommen werden. Wobei die Mitarbeiter der Arche betonen, dass sie sich nicht als Konkurrenz zu anderen Angeboten, Selbsthilfegruppen und Trauercafés verstehen. Zu erreichen ist die Arche unter der Rufnummer 02351 / 66 313 0.

Meist würden dann viele Einzelgespräche folgen. Aber es sei auch wichtig, gemeinsam mit dem Trauernden und für ihn Netzwerke aufzubauen. Da auch jeder anders trauere, sei es für die einen wichtig, mit möglichst wenigen Menschen zu sprechen, für die anderen sei aber eine Gruppe von Menschen, die Ähnliches erlebt haben, der richtige Ort. „Da ist es dann manchmal besser, auf eine Selbsthilfegruppe oder das Trauercafé zu verweisen. Wenn Eltern ihr Kind verloren haben, das ist beispielsweise die Gruppe ,Leben ohne Dich’ in Kierspe eine erstklassige Adresse. Es gibt wohl kaum jemanden im Kreis, der solch eine Expertise auf dem Gebiet hat wie diese Gruppe“, so Werner. „Für uns gilt absolute Verschwiegenheit, nur innerhalb der Kolleginnen diskutieren wir, welcher Begleiter für welchen Trauernden der richtige ist“, so Werner. Dabei erzählt sie von einer Kollegin, die selbst ein Kind während der Schwangerschaft verloren hat und sich nun oft um die kümmert, die um ein sogenanntes „Sternenkind“ trauern. Werner selbst fände meist einen guten Draht zu jungen Menschen. Derzeit betreut die Kiersperin vier Klientinnen im Alter zischen 18 und 77 Jahren. „Wie lange solch eine Begleitung geht, kann man nie sagen“, so Werner.

Gerade im Umgang mit den jungen Menschen haben sie aber auch erfahren, wie wichtig es sei, dass das Umfeld sich mit dem Thema auseinandersetze. „Wenn der Vater oder die Mutter eines Grundschulkindes stirbt, dann fragen sich die anderen Kinder oft, ob es ihnen genauso ergehen könnte, da ist es wichtig, dass der Tod zum Thema wird, auch, um das trauernde Kind nicht auszuschließen, denn oft ist die Schule der einzige Ort, an dem noch so etwas wie Normalität herrscht. Wichtig ist aber auch, dass die Erwachsenen lernen, dass Kinder oft ganz anders trauern. Da wird eine traurige Phase vom Spiel unterbrochen – und am nächsten Tag ist das Gefühl der Traurigkeit auf einmal wieder da“, erklärt Werner. Generell gelte, dass neue Lebensereignisse auch die Trauer wieder hervorrufen können. „Heiratet das eigene Kind, dann wird der verstorbene Partner plötzlich wieder stärker vermisst. Bei Kindern kommt die Trauer auf immer neuen Wegen wieder, wenn es Entwicklungsschübe gibt. So kann ein Kind, das früh seinen Vater oder seine Mutter verliert, sich als Teenager und im jungen Erwachsenenalter noch einmal mit seiner Trauer auseinandersetzen“, sagt Werner

Kosten

Die Trauerbegleitung durch die Mitarbeiter der Arche Lüdenscheid ist für die Trauernden kostenlos und steht Menschen im ganzen Kreis zur Verfügung. Allerdings können die Mitarbeiter nur bezahlt werden, wenn sich Spender finden, die diese Arbeit unterstützen. Möglich ist eine Spende über das Konto, IBAN: DE24 4476 1534 0242 2629 00, bei der Sparkasse Lüdenscheid.

Stefanie Werner

Stefanie Werner ist in Kierspe aufgewachsen, hat dort die Gesamtschule besucht und ihr Abitur abgelegt. Danach folgte eine Ausbildung in Meinerzhagen zur Industriekauffrau, ein Beruf, in dem die heute 40-Jährige bis 2017 sowohl in ihrem Ausbildungsbetrieb als auch 14 Jahre in einem Betrieb in Kierspe gearbeitet hat. Von 2017 bis 2020 hat sie Soziale Arbeit an der Universität Siegen studiert und dieses Studium als staatlich anerkannte Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin abgeschlossen. Im Rahmen eines ihrer Pflichtpraktika lernte sie die Arche kennen. „Ich habe bereits nach wenigen Tagen gewusst, dass ich hier gerne weiter arbeiten möchte“, sagt Werner. Während ihrer restlichen Studienzeit war sie dort ehrenamtlich tätig und seit Februar dieses Jahres ist sie mit einer halben Stelle dort angestellt. Neben der Trauerarbeit nimmt sie auch administrative Tätigkeiten wahr.

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