Die Zukunft der Wehr gestalten

Der Kiersper Wehrleiter Georg Würth. - Archivfoto: cr

Kierspe - Moderne Technik, wissenschaftliche Begleitung und die Auswertung jahrzehntelanger Erfahrung haben das Bekämpfen von Bränden und das Retten von Menschen immer effektiver gemacht. Was auf der einen Seite ein Segen ist, belastet die Wehrleute immer mehr. Lange Ausbildungszeiten und zahlreiche Spezialisierungslehrgänge fordern den ehrenamtlich Tätigen viel Zeit ab.

Von Johannes Becker

Zeit, die auch von der Familie und dem Arbeitgeber beansprucht wird – und Zeit, die für andere Hobbys oder Vereinsarbeit fehlt. Das alles zusammengenommen führt zu einer stetig sinkenden Mannschaftsstärke. Ein Problem, das bereits in den größeren Städten akut ist, aber auch auf dem Land wird es immer schwerer die sogenannte Tagesverfügbarkeit zu erhalten. Ein Ausweg könnten Berufswehren sein – die aufgrund der Arbeitszeiten und der Bezahlung aber auch immer weniger Menschen locken und dazu eine enorme finanzielle Belastung für die Städte darstellen.

Diesem Problem begegnet das Innenministerium des Landes mit dem Projekt „Feuerwehrensache“, an dem auch der Kiersper Wehrleiter Georg Würth an entscheidender Stelle mitwirkt. Als das Projekt im vergangenen Jahr ins Leben gerufen wurde, war der Kiersper von Anfang an dabei – unter anderem in der Arbeitsgruppe „Der Mensch in der Feuerwehr“.

Ganz andere Sicht auf die Feuerwehr

„Wir waren zum Teil erstaunt, zu erfahren, wie anders die Feuerwehr von 20-jährigen im Verhältnis zu Menschen meines Alters gesehen wird. Die Jungen sehen die Führungsstrukturen außerhalb der Einsätze als reformbedürftig an“, äußert sich Würth bewusst zurückhaltend. Die jüngeren Wehrleute hätten aber auch ganz anders gelernt zu lernen und zögen in Zweifel, ob jeder Wehrmann ein Generalist sein müsse und tatsächlich in jedem Bereich ausgebildet sein müsse. „Aber wir verlieren auch junge Mitglieder durch beruflichen Wegzug. Denn derzeit werden Feuerwehrmitglieder, die ihre Heimatstadt beispielsweise für ein Studium verlassen, in der Stadt, in der sich die Universität befindet, nicht von der Wehr angesprochen. Sind die dann erst mal raus, hat auch nach dem Studium die Wehr nicht die erste Priorität. Dann zählen Familie und Karriere. Und noch später fühlen sich viele zu alt für eine Rückkehr.“

Ministerium bittet um Freistellung

Im Laufe eines Jahres hat sich die Arbeitsgruppe mehrere Schwerpunkte gesetzt, in denen unter anderem Punkte wie die Integration von Menschen mit Behinderung, die Gewinnung von Wehrleuten mit ausländischen Wurzeln, Frauen in der Feuerwehr und die Situation der Arbeitgeber thematisiert wurden. Dazu tagen die Arbeitsgruppenmitarbeiter etwa alle 14 Tage an verschiedenen Orten im Bundesland. Solche Belastungen sind in der Freizeit nicht mehr zu schultern. Um den Mitgliedern die notwendigen Freiräume zu schaffen, hat sich das Ministerium an die Arbeitgeber gewandt und um Freistellung gebeten. Ein Ansinnen, dem die Stadt Kierspe im Fall von Georg Würth gerne nachkam. Doch bei einer Untergruppe in der Arbeitsgruppe nützt das nur wenig. Denn die Arbeitgeberrunde trifft sich immer an Freitagabenden im Ministerium in Düsseldorf. Dort arbeitet auch ein Kiersper Unternehmer mit, der nicht nur selbst der Wehr angehört, sondern auch viele Wehrleute als Angestellte beschäftigt.

„Die Ergebnisse der Gruppen sollen in Pilotprojekte umgesetzt werden, auf die sich die Feuerwehren noch bis Ende Oktober bewerben können. Aus den Erfahrungen, die dann gemacht werden, sollen Handlungsempfehlungen folgen, die 2017 veröffentlicht werden“, so Würth.

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