Das Warten auf die erlösende Nachricht

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Nur per Handy kann Marwan Mirza den Kontakt zu seiner Familie in Griechenland halten. Wann diese endlich nach Deutschland kommen darf, weiß er nicht. 

Kierspe - Täglich banges Warten für Marwan Mirza: Der Jeside kann nur per Handy mit seiner Familie in Griechenland Kontakt halten. Täglich wartet er auf die erlösende Nachricht, dass seine Frau und seine beiden Kinder endlich nach Deutschland kommen dürfen. 

„Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist“, mit diesem Satz beendete Außenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 das Schicksal von Hunderten Flüchtlingen, die in der Botschaft in Prag ausharrten, um dem DDR-Regime zu entgehen. Auf solch eine Nachricht wartet die Familie von Marwan Mirza seit Monaten vergeblich. Statt der erlösenden Nachricht kommen von der Deutschen Botschaft in Athen immer neue Forderungen, nach Unterlagen, Kopien von Dokumenten – und jetzt eventuell sogar noch ein Gen-Test. 

Marwan Mirza ist Jeside und lebte im irakischen Norden. Als der IS im Sommer 2014 diesen Bereich in atemberaubenden Tempo einnahm, verließ er mit seiner Frau Sondus und seiner damals einjährigen Tochter Güle die Stadt Sinjar. Mehr als 6000 Menschen flüchteten in das gleichnamige Gebirge. Dort wurden die Menschen von den Terroristen eingekesselt. Nur schlecht bewaffnet widerstanden sie den Angriffen, bis es schließlich Peschmerga-Kämpfern gelang, den Menschen zur Flucht zu verhelfen.

 Über Syrien gelangte die Familie in ein Lager in ein bis dahin sicheres Gebiet im Nordirak. Dort traf der damals 28-jährige Marwan Mirza eine folgenschwere Entscheidung. Nach langer Zeit in dem Lager – in dem auch sein heute zweijähriger Sohn Jan geboren wurde – entschloss er sich, die Flucht nach Europa allein anzutreten. Letztlich gelangte er nach nur drei Wochen nach Deutschland – in Kierspe kam der junge Mann im November 2015 an. 

Trotz seiner eindeutigen Situation als Jeside, der nicht nur vom IS verfolgt wurde, sondern auch in den islamisch geprägten Staaten, in denen das Kurdengebiet liegt, nicht viel Gutes zu erwarten hat, dauerte es bis zum Frühjahr dieses Jahres, bis Mirza seine Aufenthaltserlaubnis bekam. Immer wieder brach der junge Mann, der sehr unter der Trennung seiner Familie leidet, mit psychogenen Krampfanfällen zusammen, die nach Auskunft der Ärzte ausschließlich auf die Trennung von der Familie und die Fluchterlebnisse zurückzuführen sind, so schildert es Karin Schmid-Essing, die sich für den Verein Menschen helfen des jungen Mannes angenommen hat. 

Sicher hat das Wissen darum, dass die Familie heute in relativer Sicherheit lebt, Besserung gebracht, aber keine Heilung. Es war aber auch noch ein langer Weg, bis er regelmäßigen Kontakt zu seiner Frau hatte. Denn Sondus war in dem Lager in der Nähe von Mossul erneut von den Terroristen des IS bedroht. Gemeinsam mit anderen Kurden floh die Frau mit ihren beiden kleinen Kindern und ihrem alten Vater in die Türkei und letztlich nach Griechenland. Die Strapazen der Flucht waren für den Vater zu viel. Er verstarb auf dem Weg in die Sicherheit. 

Sondus, Güle und Jan haben es aber geschafft, in einem Zeltlager in der Nähe von Athen einen Platz zu bekommen. Dort wird die Familie von einer Schweizerin, die für eine humanitäre Organisation arbeitet, betreut. Regelmäßig kann Marwan Mirza nun mit seiner Frau telefonieren – wobei diese Kontakte aufgrund eines ungünstigen Handytarifs zu enormen Kosten und letztlich Schulden führten, die von dem jungen Mann nun abgestottert werden müssen. 

„Sofort nach seiner Anerkennung im März haben wir den Antrag auf Familienzusammenführung gestellt. Doch wir haben den Eindruck, dass die Botschaft in Athen die Erteilung des Visums hinauszögert“, sagt Schmid-Essing und bezieht sich dabei auf einen Bericht der MZ von gestern, in dem sich die Bundesregierung gegen Vorwürfe, sie würde systematisch die Zusammenführung erschweren und verzögern, wehrt. 

Die Kiersperin und ihr Schützling berichten davon, dass immer wieder neue Unterlagen angefordert würden. „Mal wollen sie Kopien, mal Originale, dann ist ein Stempel nicht lesbar oder es fehlt eine Beglaubigung“, erzählt Schmid-Essing. Jedes Schreiben ist durch die Übersetzung und den sicheren Versand mit hohen Kosten verbunden. Kosten, die zum Teil auch der Verein Menschen helfen übernommen hat. Im Moment sind wieder Originalunterlagen auf dem Weg in die griechische Hauptstadt. Sollten diese den Botschaftsangehörigen nicht genügen, dann muss eventuell noch ein Gentest in Auftrag gegeben werden, um nachzuweisen, dass die beiden Kinder tatsächlich von Mirza abstammen. 

Schmid-Essing: „Für Marwan ist das alles nahezu unerträglich, aber auch die kleinen Kinder tun mir unendlich leid. Denn diese kennen bislang nichts anderes als ein Leben auf der Flucht und im Lager.“

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