„Das ist ein Mensch, der gut für Deutschland wäre“

Als Käfig bezeichnet Ali das Auffanglager in Ungarn. Dort habe es keinen Platz zum Schlafen und nur wenig zu Essen gegeben.

Kierspe - Findet die Flucht denn kein Ende mehr? Der 19-jährige Syrer könnte verzweifeln. Denn nach einer mehr als zweijährigen Flucht ist er in Deutschland angekommen, lernt fleißig Deutsch, besucht die Gesamtschule und hat Freunde und Förderer gefunden. Doch nun ist er von Abschiebung bedroht. Nach Ungarn, ein Land, das selbst viele Fachleute als nicht geeignet für die Aufnahme von Flüchtlingen halten.

Von Johannes Becker

Ali war noch keine 17 Jahre alt, als ihm sein Vater riet, Syrien zu verlassen. Denn spätestens mit 18 Jahren wäre er eingezogen worden. In eine Armee, die damals vor allem gegen die Opposition im eigenen Land kämpfte. „Ich wollte nicht gegen meine eigenen Landsleute kämpfen müssen und eventuell auf meine Freunde und Verwandten, die im Widerstand sind, schießen müssen“, erzählt er. Doch wohin in einem Land, in dem es den Begriff der Kriegsdienstverweigerung nicht mal im Wörterbuch steht und das Leben oft weniger Wert ist als eine Flasche Wasser oder ein Abendessen?

Vieles bleibt im Dunkeln wenn Ali über seine Flucht spricht. Aus seinem Heimatland gelang ihm die Flucht nach Jordanien, von dort ging es auf die Phillippinen und wieder zurück nach Jordanien. Mit Schleppern gelang der Weg in die Türkei und schließlich auch nach Ungarn. Dort – in einem Land der Europäischen Union – wurde der 19-Jährige regelrecht traumatisiert. „Wir wurden in Käfigen zusammengesperrt. Es war so eng, dass wir kaum liegen konnten. Zu essen gab es am Tag nur ein Stück Brot und etwas Wurst. Wer widersprach oder auffiel, bekam Schläge“, schildert er die Bedingungen in dem Auffanglager. Zum beweis zeigt er Handyfotos von dem Verschlag, in dem er eingesperrt wurde, und auch von den geschwollenen blauen Händen einer Mitgefangenen, die von einem Wärter geschlagen worden sein soll. Die Bedingungen in den ungarischen Lagern werden auch von deutschen Hilfsorganisationen bestätigt und auch von der Anwältin, die den 19-Jährigen mittlerweile vertritt und Hunderte dieser Schicksale kennt.

In Ungarn sei kein Asylverfahren eröffnet worden, man habe ihnen lediglich gesagt, dass sie die Fingerabdrücke abgeben müssten und dann weiterreisen könnten. So ist Ali schließlich in Deutschland angekommen und hat einen Platz im Wohnheim am Herlinghauser Weg gefunden. Gemeinsam mit drei anderen jungen Flüchtlingen ist er Gastschüler an der Gesamtschule, erhält dort zusätzlichen Deutschunterricht von einer Lehrerin und von dem früheren Schulleiter Fritz Schmid Förderung in der ihm fremden Sprache.

Er hat neue Freunde aus der alten Heimat gefunden und ein enges Verhältnis zu Schmid entwickelt – und dieser auch zu ihm. „Das ist ein Mensch, der gut für Deutschland wäre“, davon ist der Pädagoge überzeugt.

Doch Deutschland will nichts von ihm wissen. Denn Flüchtlinge, die über ein sogenanntes sicheres Drittland einreisen, können dorthin abgeschoben werden. Doch nach Ungarn will Ali keinesfalls zurück. Dort sieht er keine Chancen. Denn er hat Ziele, will möglichst schnell einen Schulabschluss vorweisen können und studieren.

Nun müssen Richter des Verwaltungsgerichtes in Arnsberg entscheiden, ob er zumindest so lange hier bleiben kann, bis darüber entschieden wird, wo sein Asylverfahren eröffnet wird.

Dafür wollen auch die Mitglieder des Runden Tisches kämpfen. Sie haben sich bereits an die Bundestagsabgeordnete Petra Crone gewandt und Kontakt zum Diakonischen Werk aufgenommen. „Letztlich helfen nur die Öffentlichkeit – und gnädige Richter“, so Schmid.

Der komplette Name des Syrers ist der Meinerzhagener Zeitung bekannt.

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