Kiersper Schulleiter berichten über ihren Weg durch die Pandemiezeit

Es fehlt an so vielem in den Schulen

Die Masken sind zum Symbol der Pandemie geworden.
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Die Masken sind zum Symbol der Pandemie geworden. An der Gesamtschule Kierspe sollen sie auch möglichst am Platz in der Klasse getragen werden. Dafür haben sich auch nahezu alle Jahrgangs- und Klassensprecher ausgesprochen.

Kierspe – Alle 20 Minuten werden die Fenster in den Schulen für 5 Minuten geöffnet – jedenfalls dort, wo das möglich ist. 

An einen geregelten Unterricht sei da nicht mehr zu denken, erzählt der Rektor der Pestalozzi- und Schanhollenschule Thomas Block im Schul- und Kulturausschuss. „Es ist der Lehrer, der die Fenster öffnet und schließt, dabei muss er Aufsicht führen und die Unfallverhütung im Blick haben. Dazu kommen bei diesen Temperaturen frierende Kinder, die das auch äußern“, so Block.

Da hat sich viel Frust bei den Lehrern in den vergangenen Monaten angesammelt, das ist den beiden Grundschul-Rektoren Thomas Block und Stefanie Fischer und auch Gesamtschulleiter Johannes Heintges deutlich anzumerken. Marc Voßwinkel, Vorsitzender des Schulausschusses, hat die drei zur Ausschusssitzung eingeladen, damit sie den Politikern von der gegenwärtigen Situation, aber auch von der Zeit seit Frühjahr berichten sollten.

Diesen Auftrag hat Thomas Block angenommen und einen Bericht abgegeben, der dann doch den einen oder anderen im Ausschuss überraschte. Er berichtet von den Anweisungen des Landes, die oft spät abends gekommen seien, aber schon ab dem kommenden Tag Geltung hatten. „Vielleicht muss man wissen, dass es schwierig ist, Informationen außerhalb von Schulzeiten weiterzugeben. Die lange angekündigte Digitalisierungsoffensive ist noch nicht in den Schulen angekommen“, so Block. Er berichtet von Notbetreuung und Problemen mit der Stadtverwaltung, da die Schüler in kleinen Gruppen, aber nach Jahrgängen getrennt, in unterschiedlichen Räumen betreut wurden. Da habe sich die Verwaltung außerstande gesehen, alle Kontaktflächen zu desinfizieren. Block: „Erfreulicherweise gibt es seit März immer genügend Seife, das war vorher nicht so.“

Erfreulicherweise gibt es seit März immer genügend Seife, das war vorher nicht so.

Thomas Block

Als man dann irgendwann auch Desinfektionsmittel bekommen habe, sei der Satz gefallen: „Das ist aber nicht dafür, dass sich die Lehrer die Hände desinfizieren – das ist nur für die Kinder.“ Da sei dann der Förderverein eingesprungen und habe Sprühflaschen mit Desinfektionsmittel besorgt. Zum Schulstart nach den Ferien habe man stationäre Spender erhalten, die an den vier Eingängen der Schule aufgestellt wurden. „Vier Eingänge bedeuten auch vier Aufsichten. Den Pausenbetrieb haben wir ebenfalls neu organisiert. Jetzt gibt es verschiedene Pausenhöfe und unterschiedliche Pausenzeiten. Dadurch aber auch keine Erholungsphasen für die Lehrer mehr, da diese in der Regel bei ihren Klassen bleiben müssen“, berichtet Block über den Alltag.

Hinzu käme, so Block, ein starker Personalmangel, da aus Gründen wie Schwangerschaft, Vorerkrankungen, Abordnung und Stundenreduzierung fünf Lehrer fehlen würden.

Von der Verwaltung wünscht er sich einen Mundschutzvorrat, Lüftungsgeräte, einen zeitnahen Aufbau der digitalen Infrastruktur sowie Endgeräte für Lehrer und Kinder.

Der Beigeordnete und zukünftige Bürgermeister Olaf Stelse kann wenig Hoffnung machen, dass diese Wünsche in naher Zukunft in Erfüllung gehen. „Mittlerweile gibt es drei Förderprogramme für den digitalen Ausbau. Doch beispielsweise müssen wir bei den Endgeräten das Ergebnis einer Ausschreibung abwarten, das dauert noch einige Zeit.“ Ob und wann es Lüftungsgeräte geben wird, lässt er offen, da diese derzeit noch in der Erprobung seien.

Diese Antwort gab es, nachdem auch Stefanie Fischer und Johannes Heintges die Situation an ihren Schulen geschildert hatten.

Fischer, Rektorin der Bismarck- und Servatiusschule, macht es kurz und schließt sich den Ausführungen ihres Kollegen Block an: „Das kann ich so unterschreiben.“ Auch sie betont, dass ein enormer Druck auf den Lehrern laste und berichtet in dem Zusammenhang von einem Ausfall und einem weiteren durch Schwangerschaft.

Auch Heintges, Leiter der Gesamtschule, berichtet von chaotischen Zuständen in der Frühphase der Pandemie, wo man selbst Seifenspender besorgen musste, um die Klassenräume damit auszustatten. Bitter sei gewesen, dass man seit mehr als sechs Jahren an Cloud-Lösungen gearbeitet habe, die aber vom Datenschutzbeauftragten immer wieder verworfen worden seien, weil die entsprechenden Server nicht in Europa stehen. „Die Cloud hätten wir aber gut gerauchen können, um Aufgaben in der Zeit der Distanzbeschulung hochladen zu können. Hinzu kommt, dass die Plattform, die das Land seit Langem versprochen hatte, auch nie installiert wurde“, so Heintges.

Trotzdem gab es Abmeldungen, Drohungen und auch Dienstaufsichtsbe-schwerden von Eltern.

Johannes Heintges

Auch der Gesamtschulleiter geht auf die widersprüchlichen Aussagen des Landes während der gesamten bisherigen Pandemiezeit ein, „das ist im Laufe der Monate nicht besser geworden.“

Aufgrund von Schwangerschaften und Mutterschutz würden derzeit 18 Lehrerinnen fehlen, bis zu den Ferien seien auch 20 Vorerkrankte der Schule fern geblieben. Die personelle Situation verschärfe sich durch den Personaleinsatz, der stark zugenommen habe, so benötige man 30 statt 10 Lehrer für die Pausenaufsicht.

Wie problematisch sich das Hygienekonzept auswirkt, beschreibt Heintges ebenfalls. So seien derzeit alle Räume, die sich nicht belüften ließen, geschlossen. Dazu kämen Fenster in einigen Gebäudeteilen, die sich aus Gründen des Unfallschutzes nicht öffnen lassen würden. Dort seien dann Oberlichter und Türen immer offen, was eine enorme Lärmzunahme in den Räumen zur Folge habe – außerdem werde es unangenehm kalt in den Klassen.

Kritisch sieht er den Wegfall der Maskenpflicht im Unterricht. An der Gesamtschule gebe es nach wie vor eine dringende Empfehlung zum Maskentragen, die auch von 94 Prozent der Jahrgangs- und Klassensprecher unterstützt werde.

„Trotzdem gab es Abmeldungen, Drohungen und auch Dienstaufsichtsbeschwerden von Eltern“, so Heintges. Letztlich erlaube aber das Maskentragen in der Schule, dass Schüler und Lehrer mit Vorerkrankungen zurück an die Schule gekonnt hätten.

Vier Eingänge bedeuten auch vier Aufsichten. Den Pausenbetrieb haben wir ebenfalls neu organisiert. Jetzt gibt es verschiedne Pausenhöfe und unterschiedliche Pausenzeiten.

Thomas Block

Mit einem Blick zurück wurde auch noch einmal die Situation unmittelbar nach den Sommerferien deutlich, als man mit einem speziellen Hygienekonzept die Mensa wieder geöffnet habe, da diese kurz vor dem Ruin gestanden habe. Heintges ist sein Unverständnis darüber anzumerken, dass eine Schule mit knapp 1300 Schülern und mehr als 100 Lehrern gerade einmal 14 Desinfektionsspender bekommen habe. „Aber nicht die berührungslosen, die wir uns gewünscht hatten, sondern Billigware aus Asien, die dann auch schnell kaputt ging. Als Ersatz gab es dann erneut diese billigen Spender.“ Verärgert ist er auch darüber, dass die Landesregierung zwar kostenlose Corona-Tests für die Lehrer versprochen habe, die Organisation aber von keiner staatlichen Stelle sichergestellt wurde. „Das haben wir dann selbst gemacht, seitdem gibt es jetzt alle 14 Tage Reihentestungen in der Schule“, berichtet Heintges.

Auch wenn keiner der Lehrer von nahenden erneuten Schulschließungen direkt sprach, so schwang dies doch immer mit.

Und bei allen war aber zu hören, dass die Kommunikation, sollte es wieder zu Schließungen kommen, erneut problematisch werde. Johannes Heintges: „Wir fragen derzeit alle Schüler ab, welche Hardware und welche Zugänge zuhause zur Verfügung stehen.“ Und Thomas Block ergänzte: „Gerade Grundschüler verfügen meist nicht über eigene Smartphones und Laptops. Die können dann nur auf die Geräte der Eltern zurückgreifen, die aber nicht immer zur Verfügung stehen.“

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