Vom Rhein an die Spree

Kiersper Politiker blicken auf Umzug von Bonn nach Berlin zurück

Die Reichstagskuppel im Abendlicht: Vor 30 Jahren fasste der Bundestag den Beschluss, Berlin zur Hauptstadt zu machen. Damit verlagerte auch das Parlament sein Sitz vom Rhein an die Spree.
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Die Reichstagskuppel im Abendlicht: Vor 30 Jahren fasste der Bundestag den Beschluss, Berlin zur Hauptstadt zu machen. Damit verlagerte auch das Parlament sein Sitz vom Rhein an die Spree.

„Wir treten ein für ein atomwaffenfreies Europa“. Diesem Aufruf folgten Anfang der 1980er-Jahre mehr als 300 000 Menschen. Unter den Demonstranten gegen den Nato-Doppelbeschluss im Hofgarten auch drei Kiersper, die erst später Mandatsträger wurden und nicht nur zu Bonn, sondern auch zu Berlin eine Verbindung fanden.

Kierspe - Am morgigen Sonntag jährt sich der Beschluss des Bundestags, Berlin zur Hauptstadt zu machen und dorthin mit Bundestag und vielen Ministerien zu ziehen, zum 30. Mal. Petra Crone, Jürgen Tofote und Hermann Reyher erinnern sich an ihre Beziehung zu den beiden Hauptstädten und erzählen von ihren Erlebnissen.

Während Crone und Reyher damals eher nach Bonn fuhren, um auf Demonstrationen ihre Meinung kundzutun, reiste Tofote in Uniform an, gehörte er doch der nordrhein-westfälischen Polizei an und wurde häufiger in die Bundeshauptstadt entsandt, um Staatsbesuche abzusichern und bei Demonstrationen die Staatsmacht zu repräsentieren. So hat er als einer von Tausenden Polizisten für die Sicherheit gesorgt, als Charles de Gaulle, der Shah von Persien und der japanische Kaiser am Rhein war. Er hatte Dienst, als Adenauer zu Grabe getragen wurde und eben bei vielen Demonstrationen rund um die Bannmeile. „Als Politiker habe ich Bonn nie kennengelernt, dafür habe ich aber zwei Reisen auf Einladungen von Bundestagsabgeordneten nach Berlin unternommen“, erinnert sich das ehemalige CDU-Ratsmitglied. Er hält den Beschluss, die Hauptstadt vom Rhein an die Spree zu verlegen nach wie vor für richtig: „Das war ein gutes Zeichen an die Menschen aus der ehemaligen DDR.“ Wenn er heute zurückblickt auf die Bonner Republik und diese mit der Berliner vergleicht, sagt er: „Ich kann über die Bonner Zeit nichts Schlechtes sagen. Die Berliner Republik steht heute für ein ganz anderes Land – und eine Weltordnung, in der Deutschland seinen Platz suchen musste und auch gefunden hat. Doch wir müssen aufpassen, dass wir die Spaltung innerhalb des Landes nicht noch weiter vorantreiben.“

Auch Hermann Reyher hat Bonn nie als Politiker kennengelernt – an drei Besuche in der ehemaligen Hauptstadt erinnert er sich aber gut: „1968 war ich das erste Mal dort, im Rahmen unserer Abiturfahrt. Das hat mich damals sehr beeindruckt.“ 1981 war er dann wieder dort, als Demonstrant – und schließlich noch einmal Ende der 1980er-Jahre. „Damals fanden unglaublich viele Tiefflüge der Kampfjets statt. Und weil die Piloten die Gesamtschule aus der Luft so gut ausmachen konnten, flogen die Jets auch immer über die Schule. Wir haben damals mehr als 1000 Unterschriften gesammelt und diese im Verteidigungsministerium auf der Hardthöhe abgegeben. Wir wurden nicht nur freundlich empfangen, kurze Zeit später nahmen die Flüge deutlich ab. Ob das aber wirklich an unserer Aktion lag, weiß ich ja nun auch nicht“, sagt Reyher.

Ganz gläsern präsentierte sich das neue Gebäude des Bundestags in Bonn. Oft wurde es durch das Parlament nicht genutzt.

An die Diskussion über den Umzug im Parlament erinnert sich der ehemalige Politik- und Geschichtslehrer noch gut. „600 Stunden wurde damals insgesamt diskutiert – und das Abstimmungsergebnis fiel mit 337 Ja- zu 320 Nein-Stimmen denkbar knapp aus“, so Reyher.

Er selbst freut sich, dass Berlin heute Hauptstadt ist. Nur dem Bonn-Berlin-Gesetz, das regelt, dass 50 Prozent der Ministerien in Bonn verbleiben, steht er heute kritisch gegenüber: „Diese Arbeit an zwei Standorten kostet unglaublich viel Geld. Auch die Pendelei passt auch nicht mehr in die Zeit und ist umweltschädlich. Ich denke, Bonn ist auch heute gar nicht mehr auf die Ministerien angewiesen. Damals habe ich das aber noch anders gesehen. Da war ich gerade wegen dieses Kompromisses für den Umzug.“

Auch der ehemalige Grünen-Ratsherr sieht deutliche Unterschiede zwischen der Bonner und der Berliner Republik: „Bonn war doch eher provinziell. Dort fand alles auf kleinem Raum statt. Und die Politiker trafen sich zwangsläufig in den immer gleichen Restaurants.“

„In Bonn war alles viel gemütlicher, man kannte sich und kam schnell ins Gespräch, auch mit den Hauptstadtjournalisten. Das ist in Berlin ganz anders, dort ist alles viel hektischer, die Nähe ist nicht mehr so gegeben und die Anzahl der Akteure hat extrem zugenommen“, sagt auch Petra Crone.

Sie ist die einzige der drei, die Bonn noch als Politikerin kennengelernt hatte. Auch sie war Anfang der 1980er-Jahre im Hofgarten dabei, aber ab Ende der 1980er-Jahre dann auch als „Teil der großen Politik“. Denn als Mitglied des Parteirats, dem höchsten Gremium der SPD, führte sie ihr Weg oft an den Rhein. In gleicher Funktion fuhr sie dann später auch nach Berlin, dann aber nicht in die Mitte, sondern nach Kreuzberg, wo mit dem Willi-Brand-Haus auch der zentrale Anlaufpunkt der Genossen war.

Als Schriftführerin nahm Petra Crone (rechts) einst neben dem Bundestagspräsidenten Platz. Viele Jahre arbeitete Crone als Bundestagsabgeordnete. Für sie war es ein guter Entschluss, Berlin zur Hauptstadt der Bundesrepublik zu machen.

„Ich war von Angang an für den Umzug, auch als Zeichen an den Osten“, sagt Crone. Geahnt, dass sie dort als Abgeordnete einmal tätig sein würde, habe sie damals nicht, auch nicht, als sie sich 1995 den verhüllten Reichstag anschaute.

Ab 2009 packte sie für zwei Wahlperioden regelmäßig ihren Koffer, um ihrer Abgeordneten-Tätigkeit nachzugehen. Über den Listenplatz 12 war sie damals in den Bundestag gekommen. „Als ich das erste Mal auf den Reichstag zuging, da hat mein Herz ganz schön geklopft, da wurde ich ganz schön demütig“, erinnert sie sich. Als sie Mitglied im Landwirtschaftsausschuss war, lernte sie auch die Schattenseiten des Bonn-Berlin-Gesetzes kennen, denn das Landwirtschaftsministerium hatte und hat seinen Sitz in NRW. Später war sie auch im Ausschuss für Familie, Demografie und Jugend engagiert. Sie erlebte die Bundesrepublik aus Sicht der Opposition und der Regierung. In der zweiten Legislaturperiode wurde sie in den Parteivorstand gewählt und nahm unter anderem bei der Wahl des Bundespräsidenten als Schriftführerin an der Seite von Norbert Lammert teil.

An diese Zeit denkt sie heute noch gerne zurück, auch wenn sie sich etwas von der Transparenz und Offenheit wünscht, die die Bonner Republik durch ihre Bauweise zum Ausdruck brachte. „Aber da ist vieles auch der geänderten Sicherheitslage geschuldet“, so Crone.

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