Guter Milchpreis - schlechte Aussichten

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Die Kuh ist für die Landwirte im Sauerland das Maß aller Dinge, denn mit dem Milchpreis steht und fällt der Ertrag, den die heimischen Bauern erzielen können.

Kierspe - Damit Landschaft zur Heimat wird, benötigt die Landschaft vier Buchstaben mehr, vier Buchstaben, die in dem Wort Landwirtschaft enthalten sind – denn ohne die Bauern sähen unsere Täler und Berge anders aus.

Dort wo jetzt Kühe weiden, wo der Weizen wächst und auch der Mais steht, ständen dann nur Bäume und Sträucher. Doch für die Landwirte ist diese Landschaftspflege letztlich nur ein Nebenprodukt ihrer täglichen Arbeit, einer Arbeit, die nicht leichter wird in einer globalisierten Welt. 

Dieser globalisierten Welt haben die Landwirte es aber auch zu verdanken, dass der Milchpreis nach Jahren, auf denen sich dieser auf einem denkbar niedrigen Niveau bewegte, nun eine Höhe erreicht hat, die Rainer Grafe als Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins als „auskömmlich“ bezeichnet. Rund 36 Cent bekommen die Bauern derzeit für den Liter Milch, knapp 10 Cent mehr als noch vor einem Jahr. Geschuldet ist dieser Preis der hohen Nachfrage nach Milchprodukten, vor allem nach Butterfett. 

Chinesische Einkäufer haben in den vergangenen Monaten den Markt weltweit nahezu leer gekauft. In der Folge hatte sich der Butterpreis mit rund zwei Euro für 250 Gramm Butter mehr als verdoppelt. Doch der Preis ist schon wieder deutlich in den Keller gegangen und nach Einschätzung von Ortslandwirt Ralf Crummenerl der Vorbote sinkendender Milchpreise im kommenden Jahr. 

Hört man den Landwirten zu, die sich an diesem Tag in der Küche von Grafes versammelt haben – neben Grafe und Crummenerl sind das die Vorstandsmitglieder Fabian Hedfeld, Björn Hettesheimer und Peter Fredlöh –, hört man ein gewisses Maß an Frustration, aber auch viel Liebe und Leidenschaft aus ihren Worten. 

So bezeichnen sie das zu Ende gehende Jahr, das Touristiker unerfreulich und Obstbauern in Süd- und Norddeutschland katastrophal nennen, als zufriedenstellend. So hätten die späten Frühjahrsfröste zwar auch ihre Spuren am Grad hinterlassen, aber keinen vergleichbaren Schaden angerichtet wie bei ihren Kollegen, die ihr Geld mit Kirschen, Birnen und Äpfeln machen müssen. 

Viel gravierender schlug da das sehr trockene Wetter im Frühjahr zu Buche. „Der erste und zweite Schnitt hat viel zu wenig Masse gebracht, dafür war die Qualität ausgezeichnet“, sagt Grafe und weist darauf hin, dass das der dritte Schnitt auch nicht mehr habe ausgleichen können. Der im Juli einsetzende und gefühlt nicht mehr endende Regen habe die Ernte schwierig gemacht, genau wie das Trocknen und Pressen des Heus. Einig sind sich die fünf Landwirte, die etwas weniger als die 13 Vollerwerbsbetriebe vertreten und in ihrer Funktion für alle Landwirte, auch für die noch existierenden rund zehn Nebenerwerbsbetriebe sprechen, darin, dass die Maisernte in diesem Jahr aber ausgesprochen gut war. 

Berichten über die Situation der Landwirte in Kierspe: Rainer Grafe, Fabian Hedfeld, Peter Fredlöh, Björn Hettesheimer und Ralf Crummenerl (von links) vom Landwirtschaftlichen Ortsverein.

Doch bei dem Blick auf die Anzahl der Betriebe wird auch deutlich, dass die Landwirtschaft nicht nur den klimatischen Einflüssen unterworfen ist, sondern einem generellen Strukturwandel: Die Zahl der Höfe nimmt ab, dafür steigt die Zahl der Flächen und Kühe, die jeder einzelne bearbeitet, beziehungsweise hält. 

Rund 1500 Milchkühe stehen nach Schätzung des Ortsvereins noch in den Betrieben in Kierspe. Und mit dem Preis der Milch, die diese Tiere geben, steht und fällt die Zukunft der Landwirte. Doch eins ist klar, auch wenn der Milchpreis derzeit auf einem Niveau ist, den die Landwirte kritiklos hinnehmen, weil sie nicht als Meckerer dastehen möchten, räumen sie auf Nachfrage dann doch ein, dass ein betriebswirtschaftlich vernünftiger Preis sich jenseits der 40 Cent bewegen müsste. Gerade auch im Hinblick darauf, dass viele Betriebe noch die Verluste aus den Vorjahren kompensieren müssten. 

Die Fragen nach den Kälberpreisen und dem Erlös beim Schlachtvieh möchten sie fast gar nicht beantworten. 80 bis 100 Euro bringt ein männliches, 14 Tage altes Kalb dem Bauern, ein weibliches gerade einmal 10 bis 20 Euro. „Da ist jeder Hamster in der Tierhandlung teurer“, sagt Fredlöh. 

Und in dem Land der niedrigsten Lebensmittelpreise in Westeuropa sind auch geschlachtete Kälber und Kühe nicht viel wert. Fredlöh: „Wir bekommen keine vier Euro fürs Kilo Fleisch.“ So ist zu verstehen, wenn Grafe sagt: „Das Einzige, was uns unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten interessiert, ist der Milchpreis.“ Und das eben auf einem Weltmarkt, denn letztlich landen auch zwei Drittel der in Kierspe produzierten Milch im Export. Und so leiden nicht nur Automobilzulieferer und -hersteller unter einer schwächelnden Wirtschaft in China oder anderen Teilen Asiens, sondern die Landwirte im Sauerland auch. 

Rainer Crummenerl spricht aus, was alle am Tisch denken: „Wenn es zu keinem Umdenken kommt und der Verbraucher nicht bereit ist, auf Klasse statt Masse zu setzen, wird es so nicht weitergehen, dann sehe ich für den Nachwuchs keine Zukunft in der Landwirtschaft, wie wir sie kennen. Denn die Familienbetriebe arbeiten an ihrer Kapazitätsgrenze.“ 

Bei dieser wirtschaftlichen Situation sollte man meinen, dass sie die zunehmenden Spannungen zwischen Landwirtschaft und Bevölkerung gar nicht mehr interessieren würde. Doch auch diese sprechen die Vertreter des Ortsverbandes an. „Auch unsere Luft stinkt, wenn Gülle gefahren wird“, sagt Grafe, weist aber auch darauf hin, dass man nie mehr ausbringe als erlaubt. „Im Schnitt landet sogar deutlich weniger auf den Wiesen.“ Das sehe man auch an der ständig besser werdenden Wasserqualität. Einen Fakt den auch Crummenerl als einer der zahlreichen Kooperationspartner der Wuppertalsperre nur bestätigen kann: „Die Belastungen auf den Flächen sind nicht größer geworden. Wir passen da schon sehr gut auf.“ 

Man leide unter den schwarzen Schafen, die auf ihren Feldern die Gülle aus den Niederlanden und Norddeutschland ausbringen würden, doch unternehmen könnten die Landwirte dagegen nichts. „Und wir haben im Normalfall auch kein Verständnis für die Kollegen, die meinen, sie müssten am Wochenende ihre Gülle ausfahren“, ergänzt Grafe. 

Wobei man in der Woche natürlich auch nur auf den Wetterbericht hören könne. „Wenn Regen gemeldet wird und wir dann düngen, das Regengebiet aber ohne einen Tropfen zu hinterlassen durchzieht, können wir auch nichts tun“, so Fredlöh. Die Landwirte setzen auf neue Technik, die ein Ausbringen der Gülle ohne Geruchsbelästigung ermögliche. Mit Schleppschuhen oder der sogenannten Schlitztechnik wird der Naturdünger dann unmittelbar über dem Boden, beziehungsweise in der obersten Schicht ausgebracht. Grafe: „Doch diese Anhänger sind sehr teuer, es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis alle Betriebe darauf umgestellt haben.“

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