In Zukunft werden viele Bauern aufgeben

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Der Vorstand des Landwirtschaftlichen Ortsvereins: Beisitzer Björn Hettesheimer, Kassierer Peter Frettlöh, Ortslandwirt Ralf Crummenerl, Beisitzer Marc Feltens, Schriftführer Michael Kremer und Vorsitzender Reiner Grafe (von links).

Kierspe Qualität fängt mit Kuh an, davon sind die Landwirte überzeugt. So sehr, dass sie es in Niedersachsen auf große Plakate geschrieben haben. Aber auch in Kierspe sind die Bauern überzeugt, dass sie qualitativ hochwertige Arbeit leisten. Trotzdem schauen sie mit wenig Optimismus in die Zukunft, wobei der Grund dafür in der Vergangenheit zu suchen ist.

Rund 10 bis 15 Euro muss man ausgeben, wenn man einen Zwerghamster kauft, für gerade einmal 10 Euro gibt es ein ganzes Kälbchen. Für den Landwirt, der das Tier verkauft, ein Minusgeschäft, denn alleine die Blutprobe, mit der das Jungtier auf die Blauzungenkrankheit untersucht wird, kostet bereits 18 Euro. Dazu der Milchpreis, der sich seit rund zwei Jahren mit einem Preis von 30 bis 32 Cent pro Liter auf einem konstant niedrigen Niveau bewegt.

„Wenn sich nichts ändert, wird die Landwirtschaft in einigen Jahren nicht mehr die gleiche sein. Dann werden sehr viele Betriebe aufgegeben, und zwar so viele, dass sich nicht mehr für alle Flächen neue Pächter oder Käufer finden“, da ist sich Ortslandwirt Ralf Crummenerl sicher.

Ein Blick in die Statistik gibt ihm da recht. Gab es 2016 noch 6264 auf Milchviehhaltung spezialisierte Betriebe in NRW, waren es bereits 2017 nur noch 5848 und ein Jahr später 5631.

Der Vorstand des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Kierspe macht für diese Entwicklung die niedrigen Preise verantwortlich, die auch veränderte Produktionsbedingungen nicht widerspiegeln würden. Damit spielen die Bauern auf die beiden vergangenen Jahre an, die von großer Trockenheit geprägt waren. „Die Betriebe stehen jetzt noch schlechter da, als noch vor einem Jahr. Damals gab es noch Futterreserven aus dem Vorjahr, die gibt es nun nicht mehr“, sagt Crummenerl. Und sein Berufskollege Björn Hettesheimer ergänzt: „Wir mussten qualitativ schlechtes Futter zu sehr hohen Preisen zukaufen, denn bei diesen Käufen standen wir in Konkurrenz zu den Biogasanlagen.“

Die Wiesen seien zwar in diesem Jahr nicht so braun wie im Vorjahr gewesen, doch an dem Zustand der Flächen habe das nichts geändert, stimmt auch der Vorsitzende des Ortsvereins Reiner Grafe zu. Er führt aus, dass das Frühjahr 2018 noch sehr feucht gewesen sei, wogegen der Sommer und Herbst extrem trocken gewesen seien. Grafe: „In diesem Jahr war es genau andersherum. Wobei es bei den Niederschlagsmengen regional große Unterschiede gegeben hat.“

Dazu sei gekommen, dass man befürchte, dass langfristig die Brunnen, aus denen das Trinkwasser für die Kühe gewonnen wird, versiegen könnten. Die Tiere, die am liebsten bei weniger als 20 Grad Celsius Außentemperatur auf der Weide stehen und sich bei rund zehn Grad Celsius am wohlsten fühlen, hätten gar nicht mehr aus dem Stall gewollt. An dem großen Durst der Tiere habe aber auch der Aufenthalt in dem schattigen aber trotzdem warmen Ställen nichts geändert. Bei rund 100 Tieren würden rund 20 Kubikmeter Wasser am Tag gebraucht. Björn Hettesheimer, der rund 300 Tiere sein Eigen nennt, benötigt gar 40 bis 45 Kubikmeter am Tag.

„Die Kollegen, die über eine Wasserversorgung zum städtischen Netz verfügen, haben diese Sorgen zwar nicht, müssen aber natürlich für das Wasser zahlen“, so Marc Felsens.

Aber die Hitze führt nicht nur zu einem größeren Wasserverbrauch, sondern auch zu einer geringeren Milchleistung. Doch von alle dem nehme sich der Handel, der auf einem globalen Markt agiere, nichts an. Crummenerl: „Wir brauchten rund zehn Cent mehr pro Liter, die Handelsketten verhandeln aber mit uns über 0,1 Cent.“

Doch es gibt auch gute Nachrichten, über die die Landwirte sprechen. Da nennen sie als erstes die Nitratkonzentration. Die betrage in Kierspe gerade einmal 7 bis 8 Milligramm pro Liter Trinkwasser, wobei der Grenzwert bei 50 Milligramm liege. Crummenerl: „Das ist fast der natürliche Wert. Da gibt es viel mehr Probleme mit Tabletten- und Koffeinrückständen im Wasser. Wobei auch die dank der Kanalsanierungen der Vorjahre in Kierspe stark rückläufig sind.“ Verantwortlich für die guten Werte im Wasser macht der Ortslandwirt auch die Kooperation der Bauern mit dem Wupperverband. „Wir haben unsere Landwirtschaft gut im Griff, weil wir hier miteinander und nicht übereinander reden“, so Crummenerl.

Das würden sich die Landwirte auch von der Politik in Bund und Land wünschen, die die Betriebe immer weiter reguliere. „Wir fühlen uns mittlerweile wie in einem Überwachungsstaat“, so Crummenerl.

Zum Schluss gibt es noch ein Versprechen von Grafe: „Wir werden auch im kommenden Jahr wieder Blühstreifen anlegen, damit die Insekten einen Lebensraum haben.“ In diesem Jahr seien es rund 12 000 Quadratmeter gewesen – und so solle es auch im kommenden Jahr wieder werden.

Auch sei man nach wie vor bereit, die eigenen Höfe interessierten Besuchergruppen zu öffnen. Ein Angebot, so Grafe, das von den Kindergärten und Schulklassen auch gerne angenommen werde. „Überhaupt können wir beobachten, dass die Schulkinder wieder mehr über die moderne Landwirtschaft erfahren“, erzählt der Vorsitzende des Ortsvereins abschließend.

Versammlung 

Die Ortsverbandsversammlung des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Kierspe findet am Dienstag, 21. Januar, ab 10.30 Uhr im Haus Berkenbaum statt.

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