Nicht an Hückeswagen vorbei, sondern mitten hinein

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Die Altstadt rund um Schloss und Pauluskirche in Hückeswagen besichtigten die Rönsahler Landfrauen unter sachkundiger Führung von Franz Mostert.

Kierspe - „Hückeswagen? Da fahre ich immer nur durch.“ Solche und ähnliche Sätze fielen am Freitagnachmittag gleich mehrfach, hatten an diesem Tag aber eigentlich keine Berechtigung. Denn die Rönsahler Landfrauen hatten sich die nahegelegene Stadt im Oberbergischen Kreis zum Ziel ihres Ausflugs gesetzt.

Von Birgitta Negel-Täuber

Die Frauen verließen deshalb die Umgehungsstraße, die an der Altstadt vorbeiführt und steuerten das Hückeswagener Schloss an. Dort ist heute unter anderem das Standesamt untergebracht und bietet den frisch getrauten Paaren die perfekte Kulisse für ihre Hochzeitsfotos. Aber auch das Heimatmuseum der Stadt hat dort sein Domizil und ist nach einer gründlichen Renovierung eine Fundgrube für alle an Regionalgeschichte Interessierten.

Franz Mostert, Stadtführer und Journalist, gab den 26 Frauen eine Einführung in Hückeswagener Geschichte und Lebensart. „Wir sind Berger, wir sind keine Oberberger“, stellte er gleich zu Beginn klar. Mit der Kommunalreform von 1974 war die bergische Stadt dem neuen Kreis zugeschlagen worden, obwohl sie landsmannschaftlich nicht dazugehöre. Der frühere Leiter des Stadtarchivs holte weit aus, berichtete über die erste urkundliche Erwähnung im 11. Jahrhundert und die Verwerfungen der Reformation, die bis heute Spuren hinterlässt. Im Heimatmuseum sind zwei Ablassbriefe ausgestellt – jene Dokumente, die Luther zu seinen reformatorischen Thesen bewogen.

Von dort aus schlug Mostert einen großen Bogen zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Hückeswagen hatte eine bedeutende Tuchindustrie, das Weberschiffchen im Stadtwappen weist darauf hin und auch die Tuchmachervillen zeugen heute noch von dieser Epoche.

Nach dem Zusammenbruch der Textilindustrie orientierten sich die betroffenen Hückeswagener um und finden seitdem in der eisenverarbeitenden Industrie der Umgebung ihr Auskommen.

Bei strahlendem Frühlingswetter unternahmen die Frauen anschließend einen Gang durch Marktstraße und Islandstraße, kamen an der Pauluskirche vorbei und erfreuten sich an den in diesem Bereich noch intakten Ensembles bergischer Schieferhäuser. Dieses Markenzeichen bergischer Baukunst stammt aus dem 19. Jahrhundert, wie Franz Mostert berichtete.

Damals begann man die Häuser zu verschiefern, zuerst nur die Wetterseite, später auch das ganze Haus – eine frühe, allerdings teure Form der Wärmedämmung. Die Frauen hatten aber auch einen Blick für die kleinen Geschäfte, die in den Schieferhäusern untergebracht waren. Design, Mode und andere schöne Dinge des Lebens finden sich dort und zeugen von der Kreativität der Hückeswagener.

Im Hotel zur Post beendeten die Rönsahler Landfrauen ihren Ausflug bei Kaffee und Kuchen, nicht ohne von ihrem Führer noch einige kulturhistorische Hinweise zum Lokal zu erhalten.

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