Ein sehr steiniger Weg zurück

Künstler und Politik tauschen sich über das Kunstschaffen in Corona-Zeiten aus

Auf Einladung des Kulturausschussvorsitzenden Steffen Wieland waren Künstler, Veranstalter und Politiker in einer digitalen Konferenz zusammengekommen, um sich über die Kultur in Pandemiezeiten auszutauschen.
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Auf Einladung des Kulturausschussvorsitzenden Steffen Wieland waren Künstler, Veranstalter und Politiker in einer digitalen Konferenz zusammengekommen, um sich über die Kultur in Pandemiezeiten auszutauschen.

„Ich bin froh, dass ich nicht von meinem kulturellen Engagement leben muss“, sagt Thomas Block, der den Kierspern nicht nur als Rektor der Schanhollenschule bekannt ist, sondern auch als Autor und neuerdings Hörspielproduzent. Mit Kiersper Bürgern und Politikern hat er akustisch zu Weihnachten den Baum rieseln lassen – er hat Kurzgeschichten über die Schanhollen geschrieben und einen Roman über die Fahrt einer Gesamtschulklasse. Am Donnerstagabend sprach er – und das auf einer Veranstaltung, die der Vorsitzende des Ausschusses für Schule, Kultur und Tourismus Steffen Wieland ins Leben gerufen hatte.

Kierspe - Eigentlich hatte Wieland Künstler und Kulturschaffende in den Ausschuss einladen wollen, um sich dort ihre Sichtweise und Nöte anhören zu wollen. Doch das Pandemiegeschehen machte eine solche Veranstaltung unmöglich, also wurde daraus eine Zoom-Konferenz an den heimischen Rechnern. Das Interesse der Kulturschaffenden daran war auch groß, das Interesse der Politiker hielt sich jedoch zurück.

Anfangs gab Wieland jedem der künstlerisch orientierten Teilnehmer die Möglichkeit, sich und seine Sicht der Dinge kurz zu beschreiben. Dabei zeigte sich nicht nur, wie bunt und vielfältig das kulturelle Leben außerhalb von Corona in Kierspe ist und wieder sein könnte, sondern auch, wie unterschiedlich stark die Akteure von der Pandemie betroffen sind. Da waren die, wie etwa Block, die ihr Geld nicht mit der Kultur verdienten, aber mit großem Engagement außerhalb ihres Berufes tätig sind – und dann gab es noch einige, die als Künstler oder Kulturveranstalter von ihrem Schaffen leben müssen und nun durchaus in schwieriges Fahrwasser geraten sind.

Zu den Letztgenannten gehörte zweifelsfrei Tim Gijbels, der sich als Musiker, Veranstaltungstechniker und Veranstalter einen Namen gemacht hatte. Er berichtete von vielen Veranstaltungen, die fest geplant waren, aber im vergangenen und diesem Jahr nicht stattfinden konnten. „Ich bin seit einem Jahr im Lockdown“, sagt er ohne Umschweife. Aufgrund der doch recht mager ausgefallenen Hilfen des Staates hätte er als Künstler Grundsicherung in Anspruch nehmen müssen. Um das zu verhindern, habe er im Herbst des vergangenen Jahres angefangen, beim Rettungsdienst zu arbeiten. „Ich würde gerne wieder in meinen alten Job, ich denke aber, dass das frühestens Ende 2022 möglich sein wird“, zieht er ein ernüchterndes Fazit.

Mit dieser eher pessimistischen Sicht ist er an diesem Abend nicht alleine. Als Künstler, Mitarbeiter der Stadtverwaltung und die teilnehmenden Politiker am späteren Abend überlegen, welche Veranstaltungen während der Pandemie noch möglich sein könnten und welche danach, kommt die Idee eines gemeinsamen Auftaktkonzertes als Startschuss in die Nach-Corona-Zeit. „Ich denke, dass wir frühestens Ende des Jahres 2021 wieder etwas machen können, an dem ein größeres Publikum teilnimmt und auch dann erst wieder proben. Da alle Musikschaffenden vorher mindestens drei Monate intensiv üben müssen, kann ich mir ein solches Konzert erst im Frühjahr des kommenden Jahres vorstellen“, sagt beispielsweise Johannes Koch, der den Chor „Monday Monday leitet“ und, wie so viele, im Frühjahr des vergangenen Jahres seinen letzten Auftritt hatte.

Dieser Sicht stimmen auch Michaela Neunz (Musikgemeinschaft) und Christian Schwanke (Spielmannszug) zu.
Leichter wieder in Schwung kommen können sicher die bildenden Künstler. Doch dafür muss sich das Infektionsgeschehen deutlich verändern, da sind sich Claudia Ackermann und Sophia Beste einig. Ackermann: „Ich kann zwar seit einigen Wochen die Malschule wieder öffnen, es kommt aber verständlicherweise kaum jemand. Die Älteren haben Angst und die Jüngeren kann ich derzeit aufgrund der veränderten Infektionslage nicht einladen“, berichtet sie. Hilfen bekommt sie auch nicht, da sie mit Auftragsarbeiten für eine Künstlerzeitschrift und einen Schreibwarenhersteller so viel verdient, dass der Staat keinen Unterstützungsbedarf sieht. „Letztlich reicht dieses Geld aber nur, die Miete für die Malschule und für meine Rente zu bezahlen“, sagt die Kiersperin.
Ähnlich geht es auch Sophia Beste, die von ihren Porträts, den Malpartys und Workshops lebt. Doch an die Partys und Workshops ist derzeit nicht zu denken. „Ich kann sofort wieder starten, wenn es wieder möglich ist. Und ich habe auch schon etliche Anfragen für Malpartys“, berichtet Beste.

Einig sind sich alle, dass digitale Veranstaltungen mit viel Arbeit verbunden sind, letztlich aber nicht viel bringen. Das sei auch in der Probenarbeit so, sagen Neunz und Koch. Wobei die Musikgemeinschaft im vergangenen Jahr ein Video produziert hatte, bei dem die Musiker ihren Part alleine einspielten und aufnahmen. Später wurde das alles zu einem Gesamtwerk gemixt und ins Internet gestellt. „Wir hatten 5000 Aufrufe, das ist sicher nicht schlecht, aber so etwas kann man nicht allzu oft machen“, berichtet Neunz.
Johannes Koch geht da sogar noch einen Schritt weiter: „Auch Proben unter freiem Himmel sind nicht so einfach. So etwas verlangt den Sängern und Musikern viel Mut ab, denn dann hat man schnell Publikum“, sagt der Chorleiter.

Letztlich sind sich aber alle einig, dass man sich nicht nur auf die Zeit nach Corona vorbereiten sollte, sondern auch Veranstaltungen für die Zeit planen solle, wenn es das Infektionsgeschehen wieder zulasse. Beispielsweise mit einer Kulturveranstaltung unter freiem Himmel, die sich nicht nur auf den Volme-Freizeitpark konzentriert, sondern auch andere Plätze im Stadtgebiet mit Leben füllt und so eine starke Konzentration der Zuschauer verhindert.

Vorstellbar sind auch Videoinstallationen, die das künstlerische Leben der Volmestadt abbilden und die dort gezeigt werden können, wo Menschen sind – vielleicht sogar im neuen Testzentrum?

Jetzt liegt der Ball auf dem Feld der Kiersper Stadtverwaltung und beim Ausschussvorsitzenden, die Ergebnisse des Abends zusammenzufassen und daraus dann ein Konzept für die künstlerische Zukunft der Stadt zu entwickeln. Vielleicht wird es dann ja auch etwas mit dem Wunsch von Tim Gijbels: „Ich wünsche mir, dass Kierspe wieder zu dem kleinen Kunst-Mekka wird, das es einmal war.“

Die Teilnehmer

Christian Schwanke (Spielmannszug), Thomas Block (Autor), Johannes Koch (Chorleiter), Annette Gonserowski (Autorin), Tim Gijbels (Musiker, Veranstalter und Veranstaltungstechniker), Claudia Ackermann (Malerin), Sophia Beste (Malerin), Ulrich Finke (Heimatverein) und Michaela Neunz (Musikgemeinschaft). Für die Stadtverwaltung nahmen Regina Semeraro und Petra Koch teil. Von den 13 politischen Mitgliedern des Ausschusses für Schule, Kultur und Tourismus hatten sich gerade einmal fünf die Zeit für dieses Thema genommen. Das waren neben dem Vorsitzenden Steffen Wieland (UWG) dann noch Alexandra Potthoff und Markus Pempe von der CDU, Norbert Höhn (UWG) und die Sachkundige Bürgerin Annette Meyer, die für die Kiersper Grünen im Ausschuss sitzt. Von SPD, FDP und FWG war niemand anwesend.

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