Planspiel zur Flüchtlingspolitik als „Mittel gegen Vorurteile“

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Moderatoren der Diskussion waren die gewählten Parlaments-Vorsitzer. „Jeder hier muss sich an seine eigene Rolle und die Fraktion, deren Meinung man vertritt, gewöhnen“, schilderte der „EU-Parlaments-Vorsitzende“ Justus Engstfeld seinen Eindruck.

Kierspe - „Die Grenzen müssen dicht gemacht und zur Not mit Waffengewalt verteidigt werden!“ Dieses radikale Statement vertrat gestern ein Europaabgeordneter in den Räumen der Kiersper Gesamtschule (GSK) und diskutierte es dort mit zahlreichen Vertretern anderer Fraktionen. Doch wie kommt das EU-Parlament ins Sauerland?

Die Antwort: Der Abgeordnete der rechtspopulistischen Partei EFDD und seine Diskussionspartner besuchen in Wirklichkeit die Stufen zehn und elf der Gesamtschule und sind Teil eines Planspiels zur europäischen Asyl- und Flüchtlingspolitik, das gestern in Kierspe startete und zuvor an Schulen in Mönchengladbach und Köln praktiziert wurde.

In dem zweitägigen Planspiel verhandeln Schüler im Ministerrat, als Europaabgeordnete und Mitglieder der EU-Kommission eine Richtlinie zur Regelung des Zuzugs von Asylsuchenden. Dabei versuchen sie, eine weitere Harmonisierung der europäischen Asylpolitik voranzutreiben. Sie verhandeln zwischen Interessen der Mitgliedsstaaten und den Forderungen von Menschenrechtsgruppen und lernen dabei die verschiedenen Aufgaben der EU-Verantwortlichen kennen.

Über die Rolle, die jeder Schüler im Rahmen des Projektes einnimmt, entschied vor Beginn das Los: „Das ist schwierig und spannend zugleich. Man setzt sich intensiv mit Ansichten auseinander, denen man in Wirklichkeit in keinster Weise zustimmt. Gerade in meiner Rolle habe ich viel Gegenwind bekommen“, schilderte Felix Häberle, der in die Rolle des EFDD-Vertreters gelost wurde, seine Eindrücke nach der ersten intensiven Diskussionsrunde. „Jeder hier muss sich erst einmal an seine eigene Rolle und die Fraktion, deren Meinung man vertritt, gewöhnen“, fügte Justus Engstfeld hinzu, der in die christdemokratische Fraktion EVP gelost und zum Vorsitzenden des EU-Parlaments gewählt wurde.

Während des Projektes arbeiten die Schüler der Kiersper Schule ein Programm für ihre Fraktion aus, mit dem „beim großen Finale“ am Donnerstagnachmittag diskutiert werden soll, ob Europa „als neue Heimstätte oder abgeschottete Festung“ wahrgenommen werden soll. Schulleiter Johannes Heintges ist froh, dass das Projekt, das von der Friedrich-Ebert-Stiftung initiiert wird, an seiner Schule stattfindet: „Das beste Mittel gegen Vorurteile ist Aufklärung. Natürlich werden EU-Strukturen im Unterricht thematisiert, doch Projekte dieser Art transportieren solche Themen noch viel intensiver. Zudem ist es unglaublich wichtig, dass das politische Interesse der Schüler geweckt und aufrechterhalten wird.“

Schüler können sich eigene Meinung bilden

Lehrerin Katarina Müller war vor einiger Zeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kontakt getreten und konnte das Planspiel somit nach Kierspe holen: „Das Ziel ist die Diskussion über ein Thema, das oft zu oberflächlich behandelt wird. Die Schüler können tiefer in die Thematik eintauchen und sich eine eigene Meinung bilden“, erklärte die Pädagogin der Fächer Geschichte und Sozialwissenschaften und fügte hinzu, „dass die Schüler selbst in den Pausen weiterdiskutieren. Das Interesse ist riesig.“

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