Kiersper Forscher entziffert alte Handschrift

KIERSPE ▪ „Die ersten Eintragungen habe ich Wort für Wort, manchmal Buchstabe für Buchstabe entziffert. Mittlerweile kann ich die Handschrift von Pfarrer Pollmann aber schon ganz flüssig lesen“, erzählt Reinhard Distel Pfarrer George Freiwat bei der Präsentation seines neuen Buches am Samstagmorgen schmunzelnd.

Seit 1996 beschäftigt sich der 88-Jährige nun mittlerweile damit, die Kirchenbücher der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Kierspe für die Nachwelt so aufzubereiten, dass sie im Gemeindebüro für jeden Interessierten gut leserlich einsehbar sind.

Damals begann eine Gruppe um Kirchenarchivar Karl-Heinz Bartsch mit der Verkartung des ältesten vorhandenen Kirchenbuches aus der Zeit zwischen 1733 und 1775. Schon bald bereitete den Beteiligten die unleserliche Schrift von Pfarrer Pollmann, der zwischen 1765 und 1807 in Kierspe im Amt war, unüberwindbare Schwierigkeiten. Reinhard Distel wurde um Hilfe gebeten und entwickelte sich in den folgenden Jahren immer mehr zum Experten auf diesem Gebiet.

Bei seiner Arbeit stieß der Heimatforscher schon bald auf eine Besonderheit: „Bei Sterbefällen zeichnete Pfarrer Pollmann den Lebensweg des Verstorbenen von der Geburt bis zur Beisetzung ganz genau nach und erwähnte dabei auch die Namen seiner Eltern und des Ehegatten. Auf diese Weise enthielten die Eintragungen viele persönliche Informationen aus der Zeit vor 1733“, erzählt Reinhard Distel. Das brachte ihn auf die Idee, diese Daten zu sammeln und in einem neuen Dokument festzuhalten.

Motivation für den engagierten Forscher war, dass das Kirchenbuch aus der Zeit zwischen Mitte der 1660er Jahre und 1732 verschwunden ist. Vermutungen, es könne einem Brand im alten Pastorat am Höferhof zum Opfer gefallen sein, sind aber bislang nicht nachgewiesen. „Für heutige Familienforscher bedeutet das ein große Informationsbarriere“, gibt Distel zu bedenken. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen nach ihren Wurzeln suchten, seien lückenlose Aufzeichnungen von großer Bedeutung, ergänzt Kirchenarchivar Karl-Heinz Bartsch.

Mit einem eigens geschriebenen Computerprogramm des Meinerzhagener Informatikers Hans Klein begann Reinhard Distel seine Arbeit im Jahr 2000. Unterstützung erhielt er durch Kurt Keune, der Arbeitsblätter mit Angaben erstellte, die bei der Eingabe in den Computer erfasst werden sollten und seinem Freund Jürgen Frantz aus Dessau, mit dem er seit über 20 Jahren bei der Verkartung von Kirchenbüchern zusammen arbeitet.

Mit 1800 Personenstandsfällen aus der Zeit vor 1733 ist die Sammlung umfangreich, aber nicht vollständig geworden, wie Reinhard Distel ausdrücklich betont. „Ich habe über 1700 Geburten und Taufen erfasst, 90 Hochzeiten und einige Sterbefälle, die alle in alphabetischer Reihenfolge der Familiennamen geordnet sind. Die lange Bearbeitungszeit lag nicht an der Datenmenge, sondern an vielen zusätzlichen Aufgaben für den Heimatverein“, berichtet der 88-Jährige, der täglich rund sechs Stunden seinen Forschungsarbeiten widmet.

Für den abschließenden Druck und die Bindung sorgte Marlen Vedder vom Heimatverein. Hergestellt wurden insgesamt vier Exemplare: Für die Kirchengemeinde, den Kirchenarchivar, den Heimatverein und den Autor.

„Ich danke Ihnen für die viele Energie, die Sie in diese Aufgabe gesteckt haben und bin ganz sicher, dass die Daten für Menschen auf der Suche nach ihren Vorfahren von großer Bedeutung sind“, mit diesen Worten nahm Pfarrer George Freiwat das Exemplar für die evangelische Kirchengemeinde entgegen.

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