Ausbildung für Albaner nicht nur ein Start ins Berufsleben

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Freuen sich mit Lulzim Vukatana (Zweiter von links): Thomas Haensel, Claus Hegewald und Karin Hermes von der SIHK sowie die Plastika-Geschäftsführerin Andrea Bornträger (von links).

Kierspe - Besser spät als nie – so lapidar könnte man kommentieren, dass die Firma Plastika, Orth und Wächter nach rund 50 Jahren erstmals ausbildet. Doch es gab gute Gründe, warum das Unternehmen bislang diesen Weg nicht ging – und es gibt noch bessere Gründe, warum das nun anders werden soll.

Für die Südwestfälische Industrie- und Handelskammer (SIHK) ist die Bereitschaft auszubildenden so wichtig, dass sie das Unternehmen mit einer Urkunde auszeichnet – stellvertretend für 58 Betriebe im Kammerbezirk, die in diesem Jahr erstmals ausbilden. Der SIHK-Geschäftsbereichsleiter für die Aus- und Weiterbildung Thomas Haensel: „Die Unternehmen benötigen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, dringend junge, gut ausgebildete Fachkräfte. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wird es für die Betriebe erheblich schwieriger, Ausbildungsplätze zu besetzen.“ Daher appelliert Haensel auch an die Unternehmen, auch denjenigen Schülern, die mit durchschnittlichen Ergebnissen die Schule verlassen, eine Chance auf eine qualifizierte Berufsausbildung zu geben. 

Lulzim Vukatana half bereits vor zwei Jahren beim Einrichten der Wohnungen für andere Flüchtlinge – hier mit Karin Schmid-Essing vom Verein „Menschen helfen“. Damals wollte er nicht mit vollem Namen und mit einem Bild, auf dem er erkennbar ist, in die Zeitung, da er Angst vor Repressalien hatte, wenn er zurück nach Albanien gemusst hätte.

Andrea Bornträger, Geschäftsführerin des Kiersper Unternehmens, hat sich sogar einen ganz besonderen Auszubildenden ausgesucht. Lulzim Vukatana ist zwar sicher nicht nur durchschnittlich begabt, doch aufgrund seiner Biografie und seiner Deutschkenntnisse ist es für den mittlerweile 53-Jährigen nicht so einfach gewesen, eine Ausbildungsstelle zu finden. 

Vor mittlerweile vier Jahren ist der Albaner nach Kierspe gekommen – bereits zum zweiten Mal. Anfang der 1990er-Jahre war der Mann, der ein Diplom in Tourismus-Marketing besitzt, bereits schon einmal geflüchtet, damals vor dem kommunistischen Regime. Nach dem dieses nicht mehr regierte, kehrte er zurück, machte sich selbstständig und hoffte auf ein besseres Leben. Nach eigenen Angaben kooperierte er in den vergangenen Jahren mit der Polizei im Kampf gegen korrupte Strukturen und gegen die Mafia. Doch das beeindruckte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht. Nachdem Guyana bereits einige Jahre in Deutschland lebte, bekam er erst im vergangenen Jahr seinen Interview-Termin beim Bamf und in diesem Jahr dann die Ablehnung.

Der Albaner hatte aber die Zeit, in der ihn der deutsche Staat zur Untätigkeit zwang, nicht sinnlos verstreichen lassen. Vor zwei Jahren, in der Hochzeit des Zuzugs, half er dem Verein „Menschen helfen“ bei der Einrichtung von Wohnungen für andere Flüchtlinge. Danach folgte auf Vermittlung des Vereins ein Praktikum bei der Firma Plastika. „Wir hätten Herrn Vukatana damals bereits gerne als Mitarbeiter eingestellt, durften das aber nicht“, erzählt Bornträger. Als dann die Ablehnung gekommen sei, habe man sich mit Hilfe von Bürgermeister Frank Emde mit dem Ausländeramt in Verbindung gesetzt – und letztlich über den Weg der Berufsausbildung einen Weg gefunden, der es dem Albaner nun ermöglicht, in Deutschland zu bleiben. 

"Auszubildender keine billige zusätzliche Arbeitskraft"

Nun liegt eine mehrjährige Ausbildung zum Fachlagerist vor dem 53-Jährigen. Da dieser Beruf in den kaufmännischen Bereich fällt, reicht die Meisterausbildung des technischen Leiters Uwe Bornträger nicht aus, um den neuen Mitarbeiter auszubilden. Da aber auch sonst niemand im Unternehmen einen Ausbilderschein hat, erteilte die SIHK eine Sondergenehmigung. Uwe Bornträger erklärt aber, in Zukunft wahrscheinlich auch im gewerblichen Bereich ausbilden zu wollen: „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Denn, wenn man selbst im Betrieb mitarbeitet, muss man die eigene Arbeit zurückfahren, um Zeit für die Ausbildung zu haben. Denn es kann ja nicht nur darum gehen, mit einem Auszubildenden eine billige zusätzliche Arbeitskraft zu haben.“ 

Welche Aufgaben auf das Unternehmen mit ihrem neuen Auszubildenden zukommen, werden die Mitarbeiter und Geschäftsführung sicher auch dann erfahren, wenn in zwei Wochen die Berufsschule anfängt. Andrea Bornträger: „Wir werden ihm da sicher gerade am Anfang noch helfen müssen, bis er die Sprache besser versteht. Doch da wird sicher auch ein Sprachkurs das seine tun, den die Arbeitsagentur anbietet.“ Vukatana jedenfalls freut sich auf die Ausbildung: „Es macht mir großen Spaß in diesem Unternehmen zu arbeiten. Ich habe viel Glück gehabt, zu dieser Familie und dieser Firma gekommen zu sein. Das ist alles sehr gut für meine Integration. Doch bedanken möchte ich mich auch beim Bürgermeister, der sehr geholfen hat.“

Rund um die Ausbildung

1284 Betriebe im Bezirk der SIHK (Märkischer Kreis, Hagen und Ennepe-Ruhr-Kreis) bilden derzeit rund 10 000 Auszubildende aus. Damit die Unternehmen zur Ausbildung befähigt werden, bildet die Kammer auch Ausbilder aus und nimmt die Ausbilder-Eignungsprüfung ab – allein im vergangenen Jahr rund 700 Mal. Damit die Azubis auch ihre Prüfungen ablegen können, arbeiten zahlreiche ehrenamtliche Prüfer bei der SIHK. Derzeit sind das nach Angaben der Kammer 1625.

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