Sercan Celik: Hilfe für Jesiden

Kiersper engagiert sich bei Hilfsprojekt in der Autonomen Region Kurdistan

Der Kiersper Sercan Celik berichtet über die Situation der Jesiden in der Autonomen Region Kurdistan. Dem Gespräch zugeschaltet ist die Vorsitzende des Vereins „Hand für Hand“ Katharina Dönhoff.
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Der Kiersper Sercan Celik berichtet über die Situation der Jesiden in der Autonomen Region Kurdistan. Dem Gespräch zugeschaltet ist die Vorsitzende des Vereins „Hand für Hand“ Katharina Dönhoff.

Für Sercan Celik gehört die Flucht zur eigenen Biografie, auch wenn er selbst in Deutschland geboren wurde. Die Familie von Sercan Celik war in der Osttürkei vielen Repressalien ausgesetzt. Als Kurden und Jesiden galten sie damals als Feinde des Staates, lebten in Armut und mussten jeden Tag mit Übergriffen rechnen.

Kierspe - Sercan war noch nicht geboren, als NRW-Innenminister Herbert Schnoor Ende der 1980er-Jahre ein Bleiberecht für die Jesiden in Deutschland durchsetzte und unter anderem damit auch für die Familie Celik eine Ausreise nach Deutschland ermöglichte. Doch auch wenn diese Flucht Jahrzehnte zurückliegt, seine Wurzeln hat er nie vergessen und engagiert sich in dem „Verein der Jesiden und Christen“, den seine Schwester Günel Celik gegründet hat. Als er sich im Herbst des vergangenen Jahres darum bewarb, Bundestagskandidat für seinen Heimatwahlkreis zu werden, hielt er seine Religionszugehörigkeit bewusst aus dem Wahlkampf heraus – auch wenn er genau wusste, sollte er Kandidat werden und auch noch in den Bundestag einziehen, dann wäre er der erste jesidische Abgeordnete in diesem Land. Es war damals seine Mitbewerberin, die die Religion des Kierspers ins Gespräch brachte und versuchte, auf diese Art und Weise zu punkten.

Mit Gewächshäusern in Zelten sollen die geflüchteten Jesiden eine Perspektive bekommen.

Bei der Kandidatur konnte er sich nicht durchsetzen. Dafür wurden aber viele Menschen – auch außerhalb der SPD – auf Sercan Celik, der gerade sein Jura-Studium abgeschlossen hat, aufmerksam. Es gab vor Kurzem ein Treffen mit dem geistigen Oberhaupt der Jesiden, als dieses zu Gast in Deutschland war. Und in Berlin wurde Katharina Dönhoff auf ihn aufmerksam. Dönhoff leitet den Verein „Hand für Hand“, der es sich zum Ziel gesetzt hat. verfolgten Jesiden in der Heimatregion zu helfen. Mittlerweile ist zwischen Katharina Dönhoff, ihrem Mann Philip und Celik eine Freundschaft entstanden, die auch schon zu gegenseitigen Besuchen in Kierspe und Berlin führte. In eineinhalb Wochen will der Kiersper mit Katharina Dönhoff in die Autonome Region Kurdistan reisen und von dort auch nach Sindschar (auch Shingal genannt) fahren. Die Stadt im Norden des Irak war im August 2014 im Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat stark umkämpft. Unter anderem, weil sich dort das religiöse Zentrum der Jesiden befindet.

Reise in den Irak

Die Reise soll vor allem dazu dienen, Menschen in Deutschland auf die Situation der Jesiden aufmerksam zu machen – aus diesem Grund werden Dönhoff und Celik von einem Fernsehteam der Deutschen Welle und weiteren Journalisten begleitet.

Seit einigen Jahren finanziert der Verein „Hand für Hand“ eine Schule in dem Dorf Sina.

Ihr Weg wird sie aber auch in das Dorf Sina in Kurdistan führen. Dort ist der Verein von Dönhoff bereits seit sechs Jahren aktiv. Unter anderem unterhält „Hand für Hand“ dort eine Schule, in der nicht nur Kinder unterrichtet, sondern auch für erwachsene Frauen Näh- und Englischkurse angeboten werden.

Schule zwischen Ruinen

Das Dorf Sina war eigentlich längst aufgegeben worden und bestand zum größten Teil nur noch aus Ruinen. Doch als die Jesiden aus Sindschar flüchten mussten, fanden sie nicht alle Aufnahme in den Camps, die im Kurdengebiet in aller Eile errichtet wurden. Viele zogen auch in die Ruinen der leer stehenden Dörfer. Bei einer Reise in das Gebiet war Dönhoff auf das Dorf gestoßen, hatte anschließend Geld gesammelt und so die Schule eröffnen können.

Letztlich nur ein Zufall von vielen. Denn normalerweise arbeitet die Berlinerin als Fotografin. Als dann vor einigen Jahren die Flüchtlinge nach Deutschland kamen, wollte sie helfen. „Durch Zufall fanden damals eine jesidische Familie und ich zusammen. Bis dahin waren mir Jesiden weitgehend unbekannt“, erzählt sie in einem Videotelefonat mit der MZ.

Sercan Celik im Gespräch mit dem geistigen Oberhaupt der Jesiden Baba Sheikh bei dessen Deutschlandbesuch vor einigen Wochen.

Im Rahmen der Flüchtlingsarbeit lernte sie damals eine Frau kennen, die regelmäßig in den Irak reist. Dönhoff fuhr bei einer dieser Touren mit und kam so auch nach Sina. Jetzt soll dort weiter geholfen werden: mit Gewächshäusern in speziellen Zelten, Greentent genannt. Dönhoff: „Ich habe diese Gewächshäuser in einem anderen Camp gesehen. Eines dieser Zelte kann Obst und Gemüse für eine zehn- bis 14-köpfige Familie liefern. Bleibt darüber hinaus etwas übrig, können die Menschen die Lebensmittel auf dem Markt verkaufen und so etwas Geld einnehmen.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Jetzt will sie Geld sammeln, damit möglichst bald die ersten zehn Gewächshäuser in Sina aufgebaut werden können. Bei Kosten von 5000 Euro pro Zelt, inklusive der ersten Bepflanzung, ein großes Ziel für den kleinen Verein. Doch bei der Mobilisierung von Geld soll auch die Reise von Dönhoff und Celik helfen.

„Es geht natürlich in erster Linie um die frischen Lebensmittel, die geerntet werden können. Die Gewächshäuser geben den Menschen aber auch eine Aufgabe, holen sie aus ihrem Trauma und ermöglichen es, dass alle zusammenarbeiten“, berichtet die Berlinerin. Sie erzählt, dass jede Familie mindestens ein Mitglied im Kampf gegen den IS verloren hat oder dieses von den Islamisten verschleppt wurde. Doch auch wenn die Menschen schon in größter Armut leben, werden sie von Corona nicht verschont. „Gerade in den Camps und Dörfern hat die Pandemie mit großer Wucht zugeschlagen. Auch dabei hat nahezu jede Familie Angehörige verloren“, sagt Dönhoff. Deshalb habe der Berliner Verein Ärzteteams zusammengestellt, die von Familie zu Familie gehen, um zu impfen. „Impfstoff haben wir mittlerweile, aber die Menschen sind sehr misstrauisch geworden und müssen in langen Gesprächen überzeugt werden“, berichtet Dönhoff.

„Hand für Hand“

Wer mehr über den Verein erfahren möchte, bekommt die Informationen im Netz unter www.handfuerhand.org. Wer die Arbeit des Vereins fördern möchte und damit Flüchtlinge in ihrem Herkunftsland unterstützen will, kann an „Hand für Hand“ spenden. Das Konto bei der „GLS Gemeinschaftsbank“ hat die IBAN DE19 4306 0967 1234 5866 00.

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