Kiersper Einzelhändler zwischen Skepsis und Zuversicht

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An der Kölner Straße in Kierspe gehören leer stehende Ladenlokale zum gewohnten Straßenbild dazu.

Kierspe - Zwischen Skepsis und Zuversicht rangieren die Gefühle, mit denen die Kiersper Geschäftsleute in das neue Jahr blicken. Die Prognose hängt dabei vom Standort ab, denn die Problembereiche – Leerstände an der Kölner Straße und in Kierspe-Dorf – sind altbekannt.

Karin Timpe blickt skeptisch ins neue Jahr. „Der Ort ist ziemlich tot. Wenn man abends hier durch geht, ist alles dunkel. Wir sind das letzte Geschäft und halten hier die Stellung“, sagt die Buchhändlerin. Kunden kämen gezielt in ihr Geschäft in Kierspe-Dorf, auch teils aus anderen Städten, aber es fehle die Laufkundschaft. „Es ist noch trauriger geworden, seit die Sparkasse und die Volksbank weg sind“, sagt Timpe.

Mit was für einem Konzept man die Straße wieder beleben könnte, weiß sie nicht. Andere Geschäfte an der Friedrich-Ebert-Straße stünden seit Jahren leer. „Es gibt wenig Initiative hier, dass sich etwas ändert.“ Sie habe mal angeregt, einen kleinen Markt für den Ortskern zu machen, habe aber zu hören bekommen, dass sich das in der Größe nicht lohne. „Ich weiß nicht, was man dem entgegensetzen kann“, sagt Timpe. „Wenn es mit dem Ort weiter abwärts geht, kann man hier oben auch Bretter hinmachen, dann ist der Ortsteil erledigt.“

Nichts zu klagen hat dagegen das Reisebüro Holidayland am Springerweg. „Wir haben gerade Hauptbuchungszeit“, sagt Inhaberin Monika Lehmann. „Für mich ist die Lage sehr schön. Kierspe hat sich in meinem Umfeld gut entwickelt.“ Viele ihrer Kunden würden auch das benachbarte Fachmarktzentrum an der Friedrich-Ebert-Straße besuchen.

In Lehmanns Reisebüro kämen viele Stammkunden, was das Arbeiten angenehm mache. Zudem sei man für die Kunden angesichts einer unruhigen Welt auch ein Ansprechpartner für Fragen zu Reisezielen und betreue die Kunden vor, während und nach dem Urlaub. „Ich blicke positiv ins Jahr 2018.“

Die Konkurrenz aus dem Internet sei spürbar, sagt Optiker Harald Klingelhöfer. Das betreffe allerdings weniger den Optikerbereich selbst als das Geschäft mit klassischen Geschenkartikeln. „Was uns im Internet wehtut, ist der Verkauf von Uhren und Schmuck“, sagt er. Im Weihnachtsgeschäft seien etwa 70 Prozent der Geschenke online bestellt worden, schätzt er.

Die Konkurrenz aus dem Internet ist ein Grund dafür, dass es Geschäfte in kleinen Städten schwer haben.

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Vor allem ärgert sich Harald Klingelhöfer allerdings über den steigenden bürokratischen Aufwand. „Was dieses Jahr greift, ist schon erschrecken. Es gibt immer krassere Auflagen der Krankenkassen“, sagt er. „Man versorgt die Leute 30 Jahre lang mit Brillen, und dann soll man sich wieder neu aufstellen und qualifizieren lassen.“ Dennoch sehe er nicht pessimistisch in die Zukunft, denn der Bedarf sei da.

Das bestätigt Ehefrau und Mitinhaberin Anette Klingelhöfer. „Wir haben den großen Vorteil, dass wir hier Handwerk haben und das können die Kunden schlecht im Internet bestellen“, sagt sie. Der Kontakt zu den Kunden sei zudem eng und familiär-freundschaftlich. „Wenn die Leute etwas repariert haben wollen, kommen sie zu uns.“

Dass an der Kölner Straße allerdings kaum noch Geschäfte seien, sei ein Trauerspiel, sagt die Optikerin. Der dort ansässige Kollege Dietmar Bliewernitz kann das bestätigen. „Hier wird es immer weniger, die Anrainer gehen“, sagt er.

Die Internet-Konkurrenz sei ein Problem. Leute würden Dinge online bestellen und dann ins Geschäft kommen, um sie einstellen zu lassen, oder nur noch für den Sehtest zum Optiker kommen. „Man kann einfach nur hoffen und auf die Solidarität der Einwohner hoffen“, sagt Bliewernitz. Bevor sie im Internet gucken, sollten sie sich das Angebot vor Ort anschauen. Persönliche Beratung, Service bis hin zu Besuchen Zuhause könnten nur Geschäfte vor Ort bieten, gibt der Optiker zu bedenken.

„Ich glaube, dass der Onlinehandel immer stärker wird“, sagt Marc Engstfeld. Geschäfte, die nicht mehr auf dem neuesten Stand seien oder bei dieser Entwicklung nicht mitgingen, würden es seiner Ansicht nach schwer haben. Engstfeld hat den Umzug in die ehemalige Sparkassen-Filiale an der Kölner Straße nicht bereut, trotz der vielen Leerstände nebenan.

„Wir wollten damit auch ein Zeichen setzen, dass man dagegen arbeiten kann, dass es geht“, sagt Engstfeld. Der Umzug habe sich definitiv positiv bemerkbar gemacht. „Wir haben eine größere Präsentationsfläche und einen größeren Kundenstamm.“ Da in Nachbarstädten Sportgeschäfte schließen würden, gehe er mit seinem Geschäft mit einer guten Prognose ins Jahr 2018. Es gebe genug Sportvereine, die Ausrüstung benötigten. „Die Prognose ist eher so, dass wir überlegen, eine dritte Filiale zu eröffnen“, verrät Engstfeld.

Es sei nicht leicht, Projekte zu realisieren, um das Geschäftsleben anzukurbeln, weiß Kristinia Semeraro, Geschäftsführerin des Kiersper Stadtmarketings. „Es ist schwierig die richtigen Leute zu finden, die dann auch mit Hand anlegen.“ In den vergangenen Jahren habe der Stadtmarketing-Verein das vom SIHK durchgeführte Event „Heimat-Shoppen“ unterstützt, um den Einzelhandel vor Ort zu stärken. Doch das Stadtmarketing will auch selbst tätig werden, wie Semeraro verrät: „Wir wollen im Laufe des Jahres ein Einzelhandelskonzept erarbeiten.“

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