Wegweisende Ideen

Kiersper Designer spricht über 100 Jahre Bauhaus

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Günter Wermekes sitzt auf dem Freischwinger von Mies van der Rohe, einem Designklassiker, der synonym fürs Bauhaus steht.

Kierspe - „Kein gestaltender Mensch kommt am Bauhaus vorbei“, da ist sich Günter Wermekes sicher. Der Kiersper Designer hat sich aber nicht nur in der Theorie mit dem Bauhaus, das 100 Jahre alt geworden ist, beschäftigt, sondern sich in seinem Schaffen oft an dieser wegweisenden Idee orientiert.

Wer eine Verbindung von Günter Wermekes zum Bauhaus sucht, der muss einfach nur in einen Katalog von TecnoLumen schauen. Die Bremer Manufaktur hat sich auf die Reeditionen von Bauhaus-Design spezialisiert – und ist bis heute der weltweit einzige Hersteller der Wagenfeld-Leuchte, die wie kaum ein anderes Produkt fürs Bauhaus steht. Blättert man in einem der Kataloge, dann findet sich ganz vorn Walter Gropius mit seinen Türdrückern und Beschlägen, ein paar Seiten weiter dann die Produkte von Günter Wermekes.

Dass es zu dieser Kombination kam, ist einem Zufall zu verdanken. „Schon im Kunstunterricht kam ich mit dem Bauhaus in Kontakt, damals hat mich das aber gar nicht beeindruckt“, erinnert sich Wermekes. Doch das sollte sich ändern. 1975 ging der Kiersper in die Lehre bei dem Düsseldorfer Goldschmied Friedrich Becker, der damals schon eine klare Formensprache bei seinem Schmuck bevorzugte. Und Becker war es, der Wermekes 1985 mit dem Galeristen Wolfgang Wangler in Kontakt brachte.

Wangler, im Hauptberuf Sozialarbeiter, war begeistert von den „Bauhäuslern“ der zweiten Generation. Diese waren meist auch künstlerisch tätig, blieben aber mit diesem Schaffen durch die Wirren der Zeit oft unbekannt. Wangler wollte diesen Künstlern eine Bühne geben – und kombinierte deren Arbeiten mit den Werken junger, meist noch unbekannter Künstler. Wermekes: „Und so kam es, dass mein Schmuck neben den Wandteppichen der Bauhauskünstlerin Katja Rose gezeigt wurde.“

Wangler hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, dass die Ausstellenden ein Werk in seiner Galerie ließen, gerne auch etwas, das speziell dafür entworfen wurde. Wermekes erdachte damals einen Türgriff, der wiederum von dem Bremer Walter Schnepel „entdeckt“ wurde. Schnepel war der Gründer von TecnoLumen und hatte sich der Erhaltung und Verbreitung des Bauhaus-Designs verschrieben. Der Bremer forderte den Kiersper auf, für sein Unternehmen zu entwerfen. Das Resultat waren unter anderem zwei Türgriffe, die über Jahrzehnte ihren Platz im Katalog gleich hinter Gropius fanden – verbunden mit dem wohl bekanntesten Wermekes-Zitat: „Durch Konzentration auf das Wesentliche entstehen Formen, die sich jeder Mode entziehen und gerade deshalb mit jeder harmonieren: Punkt, Gerade, Kreis und Quadrat. Mit der Lautstärke der Stille übertönen sie seit jeher alle Trends.“

Mit den Drückern war Wermekes ganz ungeplant mit dem Industrie-Design in Berührung gekommen – und hatte sich dabei dem Bauhaus verschrieben. Hersteller wie BMW, Rodenstock, Niessing und Ventura wurden auf den Kiersper aufmerksam und ließen Brillen, Uhren, Türdrücker und Accessoires von ihm entwerfen.

Die Niessing-Uhren von Günter Wermekes.

Eine dieser Geschäftsbeziehungen hält bis heute. Die Firma Niessing ließ 1992 von Wermekes die ersten beiden Armbanduhren der Serie „Radius 9“ designen, von der bis heute fünf Variationen angeboten werden. In diesem Jahr hat Niessing seine Kollektion unter den Oberbegriff „100 Jahre Bauhaus“ gestellt – und bei Wermekes zwei neue Modelle angefordert: die „Radius 9 Forma“ und die „Radius 9 Kontura“.

Die ersten beiden Modelle wurden übrigens von dem weltweit bedeutendsten Museum für Design-Produkte aufgekauft – „Die Neue Sammlung“ in München. Wermekes ist aber wichtig, dass er in dem Bauhaus nicht nur eine Hilfe beim Verkauf sieht oder eine Design-Linie. „Man kann nur begreifen, wie innovativ das Bauhaus damals war, wenn man es mit der Mode, dem Baustil und dem Denken von damals ins Verhältnis setzt. Jeder gestalterisch Tätige sollte sich fragen, was er von dieser Innovationsfreude übernehmen kann? Man sollte sich von den Gedanken, die hinter dem Bauhaus stehen, anstecken lassen und zu neuen Ufern aufbrechen“, sagt der Designer. Er betont aber auch, dass es nicht „das“ Bauhaus gibt.

Als eine große Errungenschaft des Bauhauses bezeichnet Wermekes die Öffnung zur Industrie, ohne die viele der Innovationen, die von der Schule ausgingen, nie möglich geworden wären. Als Beispiel nennt er den Freischwinger von Ludwig Mies van der Rohe, der für Wermekes neben der Wagenfeldleuchte Synonym fürs Bauhaus ist.

Günter Wermekes

Der Designer und Goldschmied Günter Wermekes setzte mit seiner Schmuck-Kollektion Edelstahl und Brillant bereits in den 1980er-Jahren einen Meilenstein: Es war seinerzeit die erste Schmuckserie, die diese beiden Materialien konsequent zusammenführte. Die erfolgreiche Kollektion ist bis heute erhältlich. Sein Design schätzen Hersteller wie BMW, Rodenstock, Niessing oder Tecnolumen. Günter Wermekes gestaltet auch Preisskulpturen und Trophäen. Zu einer seiner berühmtesten Arbeiten zählt der Red Dot Design Award. 2014 war Günter Wermekes einer von zehn Finalisten des Gestaltungswettbewerbs für die Preismedaille des Tang Prize, dem Asiatischen Nobelpreis. Günter Wermekes ist Preisträger des Red Dot Design Awards – des Designpreis NRW, des Preises Platinum Design of the Year und er erhielt außerdem die Auszeichnung für hohe Designqualität vom Design-Zentrum NRW.

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