Kiersper Buchhandlung Timpe vor 75 Jahren gegründet

Eröffnung mit Sondergenehmigung

Karin Timpe führt die Buchhandlung seit 39 Jahren. Übernommen hat sie diese von ihrer Schwiegermutter Trude Timpe, die das Geschäft vor 75 Jahren gründete.	Foto: Becker
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Karin Timpe führt die Buchhandlung seit 39 Jahren. Übernommen hat sie diese von ihrer Schwiegermutter Trude Timpe, die das Geschäft vor 75 Jahren gründete. Foto: Becker

Kierspe – Der Verkauf von politischen Schriften war verboten – nicht von irgendwem, sondern von der britischen Militärregierung – und auch nicht irgendwem, sondern der Buchhändlerin Trude Timpe, die vor 75 Jahren die Kiersper Buchhandlung eröffnete. Ein Jubiläum, das die heutige Inhaberin fast verpasst hätte.

„Natürlich wusste ich, dass es in diesem Jahr war, aber um das genaue Datum habe ich mich nicht gekümmert“, erzählt Karin Timpe, die das Traditionsgeschäft seit Jahrzehnten führt. Na ja, eine Feier hätte ja sowieso nicht stattfinden können in Pandemiezeiten. Letztlich war es der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Timpe zu dem Jubiläum per Brief gratulierte – und dieses damit in Erinnerung rief.

Die Wurzeln des Geschäfts in Kierspe liegen im gut 50 Kilometer entfernten Siegen, denn von dort stammten Trude und Franz Timpe. Und während Trude Timpe zum Studium nach Paris ging – sicher ganz außergewöhnlich für die 1930er-Jahre, studierte Franz Timpe in Bonn. Doch der beginnende Krieg beendete dieses Studium vorzeitig und verschlug das junge Paar nach Kierspe.

Nach dem Krieg war an eine Rückkehr nach Siegen nicht zu denken, denn unter den vielen Gebäuden, die dort bei einem Luftangriff am 16. Dezember 1944 zerstört wurden, war auch das Elternhaus von Timpes in der Innenstadt.

Trude Timpe (stehend) und ihr Mann Franz (zweiter von rechts) luden die Nachbarn zu „politischen“ Stammtischen in die Buchhandlung ein.

An eine Arbeitsaufnahme war bei dem chronisch kranken Franz Timpe nicht zu denken, so war es seine Frau, die in einem gemieteten Haus an der Jahnstraße eine Buchhandlung und Leihbücherei eröffnete – mit einer Sondergenehmigung der britischen Militärregierung. Die Idee mit der Buchhandlung lag nahe, betrieb doch die Familie ihres Mannes eine renommierte Buchhandlung in Siegen. Nach einiger Zeit kam dann der Schulbedarf dazu – und einige Jahre später der Umzug ins eigene Haus an der Friedrich-Ebert-Straße. Es werden keine leichten Zeiten für das Paar gewesen sein. Denn die drei eigenen Kinder besuchten das Gymnasium in Lüdenscheid, für das Schulgeld bezahlt werden musste. Doch letztlich ist die Familie zu bescheidenem Wohlstand gekommen – und das Geschäft sicherte später auch das Einkommen der Schwiegertochter. Karin Timpe ist auch keine gebürtige Kiersperin. Nach dem Tod des Vaters zog die Familie von Düsseldorf nach Kierspe, weil dort Verwandtschaft lebte. „Ich hatte den festen Plan, nach spätestens einem Jahr hier wieder wegzuziehen“, erinnert sich Karin Timpe. Weggezogen ist sie dann auch, aber viele Jahre später. Da war sie schon mit Jochen Timpe liiert. Und während dieser in Bonn studierte, arbeitete Karin Timpe in Düsseldorf als Buchhändlerin. „Mein Mann wollte damals wieder zurück nach Kierspe, auch wegen seines geliebten Sports“, so Karin Timpe. 1962 erfolgte dann der Umzug – und im gleichen Jahr die Hochzeit.

Bis Karin Timpe das Geschäft der Schwiegermutter übernahm, sollten aber noch fast zwei Jahrzehnte vergehen. Timpe: „Das war 1981, aber gar nicht so geplant.“ Eine Erkrankung der Schwiegermutter, die im gleichen Jahr starb, sorgte für den Generationenwechsel vor fast 40 Jahren.

Trude Timpe vor dem Ladenlokal an der Friedrich-Ebert-Straße. Die Gründerin führte ihr Geschäft von 1945 bis 1981. Dann übernahm ihre Schwiegertochter.

Bücher, Schulbedarf und Schreibwaren sind in dem Geschäft noch immer zu finden, nur die Kunden werden weniger. „Nach der Schließung von Sparkasse und Volksbank im Dorf gibt es hier keine Laufkundschaft mehr“, sagt Timpe und zeigt auf die menschenleeren Bürgersteige. Zwar habe Corona dem Buchabsatz nicht geschadet, „die Menschen scheinen derzeit wieder mehr zu lesen“, dafür ging aber der kaufmännische Erfolg beim Schulmaterial zurück. Timpe: „Die Schulen waren ja wochenlang zu, da brauchten die Kinder kaum etwas.“ Aber es ist vor allem der Internethandel, der es den kleinen Buchhandlungen schwer macht. „Dabei sind wir letztlich schneller als Amazon. Was heute bis 18 Uhr bestellt ist, liegt morgen ab 8 Uhr zur Abholung bereit“, sagt Marina Ohlen, die bereits seit 33 Jahren in der Buchhandlung arbeitet – und damit noch länger als ihre Kollegin Claudia Kufeld, die seit rund 20 Jahren dort tätig ist.

Nach der Schließung von Sparkasse und Volksbank im Dorf gibt es hier keine Laufkundschaft mehr.

Karin Timpe

Wie es in Zukunft mit dem Traditionsgeschäft weitergeht, kann Karin Timpe nicht sagen: „Das ist gar nicht so einfach, wenn der Laden Teil des eigenen Hauses ist.“ Ach übrigens: Während des Gesprächs mit der Meinerzhagener Zeitung kommt ein Kunde in den Laden und greift zum Spiegel – eine direkt politische Schrift ist das zwar nicht, aber die Zeitschriften und Zeitungen sind Teil des umfangreichen Angebots. Darum musste sich die Militärregierung vor 75 Jahren auch noch keine Gedanken machen, denn gedruckte Medien waren damals noch seltener als neue Buchhandlungen.

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