Ausschussmitglieder unterwegs

Begehung im städtischen Wald: Die Fichte hat keine Zukunft

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Forstamtsleiter Jörn Hevendehl (links) führte die Ausschussmitglieder durch einen kleinen Teil des Stadtwalds.

Kierspe - „Der Wald geht mit Grippe in die neue Saison“, sagt Jörn Hevendehl. Der Leiter des Forstamtes Märkisches Sauerland und Revierförster Klaus Pokrandt haben die Stelle, an die sie die Mitglieder des Ausschusses für Umwelt und Bauen führen, gut gewählt.

Der dramatische Himmel ist Zufall, alles andere mit Bedacht ausgesucht. Die Wagenkolonne mit den Ausschussmitgliedern hält zwischen einer alten Kyrillfläche und Fichtenwald, dem die Belastungen des vergangenen Jahres durch Trockenheit und Käferflug deutlich anzusehen ist. Dazu, auf dem Boden, viele Stämme, die bereits gefällt werden mussten, weil der Borkenkäfer ein Überleben unmöglich gemacht hat.

„Wie soll der Wald der Zukunft aussehen?“ Diese Frage ist während der gesamten Veranstaltung präsent. Gestellt wird sie von Hevendehl aber erst ganz zum Schluss. Los geht es mit beeindruckenden Zahlen, die der erst im vergangenen Jahr stattgefundenen Forstinventur entstammen. 

Sehr viele Altbestände verfügbar

„Auf den 110 Hektar Stadtwald stehen rund 34 000 Kubikmeter Holz. Bei nachhaltiger Nutzung können pro Jahr mehr als 700 Festmeter entnommen werden“, erzählt der Forstfachmann. Damit liegt Kierspe deutlich über dem Landesschnitt. Denn während üblicherweise in den NRW-Wäldern 5,5 Festmeter pro Hektar entnommen werden können, ohne dass die Gesamtmasse des Holzes zurückgeht, sind es in Kierspe 7,5 Festmeter. Ursächlich dafür sei die Struktur des Stadtwaldes, der über sehr viele Altbestände verfüge.

Den Borkenkäfer konnten sich die Ausschussmitglieder vor Ort anschauen.

Würde man alle Bäume im Stadtwald fällen, müsste man nach den Berechnungen von Hevendehl rund 1200 Sattelschlepper beladen, um das Holz abzufahren. „Legt man den Durchschnittspreis der vergangenen zehn Jahre zugrunde, dann hat der Wald einen Wert von rund 2,5 Millionen Euro“, sagt Hevendehl, der aber auch betont, dass das nur ein sehr theoretischer Wert sei.

Wie theoretisch wird auch deutlich, wenn man auf den Holzpreis schaut, denn der hat sich von weit mehr als 90 Euro (2017) auf weniger als 50 Euro pro Festmeter fast halbiert. Und natürlich spielt dabei auch die Güte des Holzes eine Rolle.

Borkenkäfer sind eine Ursache für Preisverfall

Neben den Stürmen, die seit dem vergangenen Frühjahr übers Land gezogen sind, sind vor allem die Borkenkäfer die Ursache für den Preisverfall. Hevendehl: „Während die Stürme meist eher regionale, im schlimmsten Fall nationale Folgen haben, hat der Käfer ganz Europa heimgesucht. Deshalb ist es auch kaum möglich, das Holz überhaupt noch zu verkaufen.“ 

Bereits jetzt läge mit rund 640 Festmetern fast der gesamte Jahreseinschlag auf dem Boden, dazu kämen noch rund 200 Festmeter Käferholz und weitere 200 Festmeter Holz aus einem Windwurf, das noch aufgearbeitet werden müsse. Im Moment seien es noch die Sägewerke der Region, die aufgrund der bestehender Vereinbarungen einen großen Teil des Kiersper Holzes abnehmen würden. „In anderen Revieren sieht das anders aus, von dort exportieren wir auch nach China“, erklärt Hevendehl.

Als einen der Bäume mit Zukunft zeigt Förster Klaus Pokrandt eine Douglasie.

Der Forstamtsleiter macht den Ausschussmitgliedern wenig Hoffnung, dass sich die Situation in absehbarer Zeit ändere. „Das, was wir hier erleben, ist Klimawandel live“, formuliert er. Die vergangenen Jahre seien allesamt zu warm gewesen. Das führe dazu, dass der Wald arg geschwächt in die neue Saison gehe – und die nächste Käfergeneration sei vor dem ausschwärmen.

"Zeit, um andere Baumarten zu pflanzen"

„Die Fichte hat keine Zukunft und ist trotzdem immer noch der Brotbaum“, macht Hevendehl auf ein Paradoxon aufmerksam. Seiner Meinung nach gibt es nur einen Ausweg: „Jetzt ist die Zeit gekommen, umzudenken und andere Baumarten zu pflanzen.“

Wie aufs Stichwort zieht Revierförster Klaus Pokrandt an dieser Stelle eine Tüte mit Setzlingen aus dem Wagen. Er zeigt Tanne, Douglasie und Buche, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass diese Bäume sehr viel anfälliger für Verbiss und teurer seien. Es ist Hevendehl, der dann die Ausschussmitglieder in die Pflicht nimmt. „Wie soll der Wald der Zukunft aussehen? Diese Entscheidung müssen Sie jetzt treffen.“

Eine Antwort gab’s von den Politikern nicht, dafür aber den Hinweis, dass die Sägewerke nichts anderes verarbeiten könnten als Fichte. Das wollte Hevendehl so nicht stehen lassen: „Die Bäume, die wir heute pflanzen, ernten wir in rund 90 Jahren. Da darf es keine Rolle bei den Überlegungen spielen, wie viele Sägewerke sich derzeit auf eine Baumart spezialisiert haben. Als die Bäume, die wir heute fällen, angepflanzt wurden, hat auch niemand danach geschaut, welche Sägewerke welche Bäume verarbeiten.“

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