4,5 Ärzte für 16 000 Patienten

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Jochen Reiffert ist Obmann der Kiersper Fachärzte für Allgemeinmedizin.

Kierspe - „Die Wirtschaftlichkeit und der Profit stehen im Mittelpunkt des Denkens, das hat dem Gesundheitswesen geschadet“, sagt Allgemeinmediziner und Obmann der Kiersper Hausärzte Jochen Reiffert

Dies ist einer der Gründe, warum Fachärzte für Allgemeinmedizin nicht nach Kierspe kommen würden, obwohl die Volmestadt bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe zu den geförderten Bezirken, ebenso wie Lüdenscheid, zählt. Neben dem wirtschaftlichen Risiko – zwischen 150 000 und 200 000 Euro müsse man aufbringen, um als Hausarzt in der eigenen Praxis loslegen zu können – seien die Reglementierungen ein weiterer Aspekt. Die Ausführungsbestimmungen seien mittlerweile ein dickes Buchs, beschreibt Reiffert die Problematik, dass es immer mehr wird: „Da bewegen wir uns in einem Minenfeld! Darüber hinaus müssen wir immer mehr dokumentieren.“ Der normale Arbeitstag eines Hausarztes gehe über mindestens zwölf Stunden und am Wochenende würde die Bürokratie erledigt. Reiffert spricht von einer Überregulierung.

Daher befürchtet der Obmann der Kiersper Allgemeinmediziner, dass die hausärztliche Versorgung in einer eigentlich wirtschaftlich boomenden Region den Bach runter geht. Da würden auch Stipendien, die der Märkische Kreis gewährt, oder das Projekt Landarztstudium nicht viel helfen: „Es dauert elf Jahre, bis sich ein Allgemeinmediziner niederlassen kann“.

Früher hätte man in Kierspe mit neun Ärzten einen guten Stamm gehabt, erinnert sich Jochen Reiffert an die Zeiten, als es neben seiner auch die Praxen von den beiden Hawlinas, Freimuth, Romeike, Kussek, Luyken, Günther und Tan gab. Davon sind derzeit 4,5 Allgemeinmediziner (Freimuth, Kussek, Löhrer, Reiffert, Romeike) übrig geblieben – die eigentlich 16 000 Menschen versorgen müssten, für die eigentlich zehn Ärzte benötigt würden. Und wenn der Wegfall eines (angestellten beziehungsweise mithelfenden) Mediziners durch den anderen zeitlich kompensiert, gebe es Probleme mit der KV wegen des Zeitbudgets.

Mit Martin Romeike geht in diesem Jahr voraussichtlich ein weiterer Hausarzt in den Ruhestand. „Aber es zeichnet sich ein kleiner Silberstreif am Horizont ab, dass es einen Nachfolger für die Praxis gibt“, freut sich der Obmann, der über ein gutes Miteinander der Kiersper Ärzte spricht – und dies auf dem „kurzen Dienstweg“, sprich Whatsapp oder Internet. So hatte Reiffert auch seinen Kollegen Löhrer zum Gespräch über die Hausarztversorgung in der Volmestadt eingeladen, doch konnte er nicht wegen Hausbesuchen und Öffnung seiner Dependance in Rönsahl.

Ein Grund dafür: Michael Löhrer und seine Frau Kirstin, ebenfalls Ärztin, übernehmen ebenfalls Patienten, die von der Schließung der Praxis von Dr. Tan betroffen sind. Dafür seien bereits zwei Mitarbeiterinnen eingestellt worden und man denke schon jetzt über eine Ausweitung der Praxisöffnungszeiten in Rönsahl nach. Gleichwohl bleibt es bei einer Unterbesetzung an Hausärzten in Kierspe. Warum von der KV bei einer Neuberechnung die ursprünglich 7,5 fehlenden Ärzte „bis zur Überversorgung“, wie es offiziell heißt, in 4,5 reduziert wurde, versteht Jochen Reiffert zwar. Doch es ändert nichts daran, dass er und seine Kolleginnen und Kollegen – mit der Ausnahme Rönsahl – keine Patienten mehr aufnehmen können, unter anderem aus Gründen des Zeitbudgets. „Es wird an zu vielen Stellschrauben gedreht“, meint der Obmann, das sei nicht gut. Die Ärzte müssten mittlerweile Dinge tun, für die sie gar nicht ausgebildet seien. „Ich hätte besser noch ein paar Semester BWL studiert!“ Und zu den Themen Spät- und Abend- oder auch Videosprechstunden stellt Reiffert nur eine Frage: „Wann soll ich das denn noch machen?“ Die KV sei in dieser Hinsicht eingeschränkt, sieht der Obmann kaum Möglichkeiten, dass sie etwas für Kierspe tun können. Auch wenn sie junge Ärzte, die sich hier niederlassen wollen, „an die Hand nehme“ und ihnen, so weit es geht, helfe. Umso mehr begrüßt nicht nur Jochen Reiffert, dass es vonseiten der Stadt Überlegungen zur Gründung eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) gibt. „Ich finde es toll, dass Kierspe es macht“, auch wenn eigentlich die KV für die Sicherstellung der allgemeinmedizinischen Versorgung zuständig ist.

Neben Guido Kussek, der bereits in der Sitzung des Hauptausschusses ein kleines Plädoyer für ein MVZ gehalten hatte, betonen auch Kirstin und Michael Löhrer, sich, in welcher Form auch immer, in ein MVZ einbringen zu wollen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass es zustande kommt.

Für die Patienten in Kierspe heißt dies, sich einen neuen Hausarzt zu suchen, sofern sie ihren bisherigen durch Pensionierung oder anderweitig verloren haben. Dabei gelte im Übrigen, dass Fahrten von einer Stunde im öffentlich Verkehrsmittel zumutbar sind.

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