Kierspe verfügt über ein wertvolles Archiv

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Geschichte in Kartons: Archivar Martin Witscher ist für die Archive in Kierspe, Meinerzhagen und Halver verantwortlich.

Kierspe - Das älteste Dokument im Kiersper Stadtarchiv stammt aus dem Jahr 1588 und gehört zu den gut gehüteten Schätzen. Ansonsten hat Archivar Martin Witscher aber die Aufgabe zu sieben, was für die Nachwelt vielleicht noch interessant sein könnte.

Wer schon einmal erlebt hat, wie zwei Menschen über den gleichen Unfall berichten, der weiß, was von Zeitzeugen zu halten ist. Um etwas über die Geschichte zu erfahren, sind deshalb alte Unterlagen unverzichtbar, vor allem, wenn der Blick zurück weiter als ein Menschenleben reichen soll. In Kierspe ist es Martin Witscher, der hauptberuflich immer wieder die alten Akten anschaut, sie bewertet und katalogisiert.

Unermesslicher Quell an Informationen

Für den Besucher mögen die Kellerräume aufgrund ihrer spärlichen Lichtverhältnisse und des Geruchs, den Jahrhunderte alte Akten verströmen, nur ein Lager sein, für Witscher ist es Arbeitsplatz und unermesslicher Quell an Informationen. Unermesslich alleine deswegen, weil seine Kollegen bei der Stadtverwaltung täglich neue Akten produzieren, von denen etliche irgendwann ihren Weg ins Stadtarchiv finden werden.

"Die Verwaltung von Altakten befreien"

„Letztlich ist es unsere Aufgabe, die Verwaltung von Altakten befreien“, so unromantisch kann Witscher seine tägliche Arbeit beschreiben. Doch wer den studierten Historiker und Germanisten erlebt, merkt schnell, dass diese Definition auch für ihn nur eine solche ist. Denn im Gespräch wird deutlich, dass er durchaus stolz ist auf seine langen Reihen sorgfältig geordneter Akten, die in schmucklosen, säurefreien Kartons nur darauf warten, dass Historiker, Heimtpfleger und Hobbyforscher sie öffnen, um einen weißen Fleck der Geschichte mit Zahlen und Fakten zu füllen und das Wissen um die eigene Vergangenheit zu beleben und so das Fundament zu stärken, auf dem jede Gesellschaft aufgebaut ist.

Akten stapeln sich Schicht für Schicht

Weiter vorne im Archiv, wo auch die Schreibtische von Witscher und seiner Kollegin Monika Hoffman, die einmal die Woche zur Unterstützung kommt, stehen, da wird Geschichte wörtlich. Denn Schicht für Schicht stapeln sich dort die Akten, die noch nicht gesichtet sind. Aufgearbeitet sind die Hinterlassenschaft vom 17. Jahrhundert bis Mitte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Witscher: „Unsere nicht immer ganz einfache Aufgabe ist es, zu beurteilen, was für Historiker in der Zukunft wichtig sein könnte.“

Kierspe hatte 1588 109 Pferde

Der „Viheschatt“ wurde 1588 geschrieben und ist heute das älteste Dokument im Kiersper Stadtarchiv.

Irgendwer muss wohl einmal gedacht haben, dass es wichtig wäre, den „Viheschatt“ von 1588 aufzuheben. Aus dieser Auflistung zu Steuerzwecken kann noch heute abgelesen werden, dass es damals 109 Pferde, vier Fohlen, 823 Kühe, 591 Rinder, 259 Schweine, 219 Ferkel und 949 Schafe im Kirchspiel Kierspe gab. Diese Akte ist die älteste im Archiv im Alten Amtshaus. Und auch deshalb ungewöhnlich, weil viele Akten in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges verbrannt wurden. „Da hat Kierspe Glück gehabt, deshalb befindet sich hier auch aufgrund seines Alters ein sehr wertvolles Archiv“, so Witscher, der liebevoll den „Viheschatt“ wieder zurück in einen Karton legt. Wertvoll wird dieses Stück Papier auch dadurch, dass sich anhand des Tierbestandes hochrechnen lässt, wie viele Menschen damals in dem Ort lebten.

Witscher kümmert sich seit 16 Jahren um das Archiv

Seit 16 Jahren kümmert sich Witscher um das Archiv, wie er es auch in Halver und Meinerzhagen tut. Bevor der Berufsarchivar mit einem Tag in der Woche sich der papiergewordenen Geschichte in Kierspe annimmt, lag diese Aufgabe beim Heimatverein – und es war vor allem der Ortsheimatpfleger Hans Ludwig Knau, der dort für Ordnung und System sorgte.

Auch Kirchenbücher haben ihren Platz im Alten Amtshaus

Neben den städtischen Akten haben seit einigen Jahren auch die Kirchenbücher im Amtshaus ihren Platz gefunden und seit fünf Jahren werden auch die Urkundenbücher der Standesämter dort gelagert.

Weiter keine elektronischen Datenträger

Die Zeiten ändern sich und damit auch die Art, Daten zu verwalten. Doch elektronische Datenträger wird es auch in Zukunft im Stadtarchiv nicht geben. „Dann müssten wir neben den Speichermedien, deren Lebenszeit sehr begrenzt ist, auch die Lesegeräte und Computer einlagern. Da ist es einfacher, die relevanten Akten auszudrucken. Dazu gehören beispielsweise auch alle Ratsbeschlüsse.“

Viele Anfragen zur Zeit des Nationalsozialismus

Wenn heute Besucher ins Archiv kommen, richten sich die Anfragen meist auf die Zeit des Nationalsozialismus. Auch wenn die Nazis versuchten, durch die Vernichtung vieler Akten die Spur ihres verbrecherischen Handelns zu verwischen, haben sie doch so viel Material hinterlassen, dass Jahr für Jahr neue Bücher erscheinen, die ein Licht auf diese dunkle Zeit werfen.

Erbenermittler schauen vorbei

Hin und wieder kommt auch ein Erbenermittler in die Kellerräume des Hauses an der Friedrich-Ebert-Straße oder der eine oder andere Familienforscher.

Akten helfen Vergleiche zu ziehen

Wertvoll sind die Akten auch, um Vergleiche zu ziehen. Zum Beispiel über die Nachwirkung der Kriege. So wird deutlich, dass die Menschen in Kierspe unter den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auch noch 20 Jahre nach dessen Ende zu leiden hatten, der Zweite Weltkrieg wirkte so lange und unmittelbar nicht nach – zumindest nicht in Kierspe. Dafür ist diese Zeit greifbarer, denn die Gefängniszellen sind noch immer ins Archiv „integriert“ – und die Listen ihrer Insassen lagern noch heute in den Kartons der Kellerräume gleich nebenan.

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