Als Flüchtling gekommen

Beste Köchin: „Da hat von Anfang an alles gestimmt“

Haus Berkenbaum Koechin Abschluss Gayana Sargsayan
+
Für ihre Leistungen hat Gayane Sargsayan (2. von links) von Küchenchefin Stefanie Pieper einen Pokal bekommen. Über das gute Prüfungsergebnis freuten sich auch Annelie Beul und der Auszubildende Lucas Steinhauer.

Kierspe - Als Flüchtling kam Gayane Sargsayan nach Kierspe. Damals sprach sie kein Wort Deutsch, hatte keine Schule besucht und war von ihren Eltern getrennt. Jetzt sieht ihr Leben ganz anders aus.

Kierspe – Viele Köche verderben den Brei. Bei der Ausbildung von Gayane Sargsayan kann davon aber keine Rede sein. Denn erst durch das Zusammenwirken vieler hilfsbereiter Menschen konnte sie einen Weg gehen, an den vor fünf Jahren noch keiner denken wollte. Wobei vor allem ihr eigenes Engagement nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Gayane Sargsayan strahlt übers ganze Gesicht. Der jungen Frau sieht man einfach den Stolz auf das Geleistete an. Sie hat die beste Gesellenprüfung ihres Jahrgangs der Berufsschule abgelegt – und war mit ihrem Ergebnis auch die bislang beste Auszubildende des Hauses Berkenbaum. Das alles wäre gar nicht so bemerkenswert, wenn es da nicht einen Lebenslauf geben würde, der die 29-Jährige von den allermeisten Auszubildenden deutlich unterscheidet.

Als Gayane Sargsayan vor nicht einmal sechs Jahren nach Kierspe kam, sprach sie kein Wort Deutsch, hatte keinen Verwandten und Bekannten in der Stadt und war zuvor von ihren Eltern getrennt worden.

Geboren wurde Gayane Sargsayan in Georgien als Tochter armenischer Christen, die vor Repressalien aus Aserbaidschan flüchteten. Später wohnte sie mit ihren Eltern in Russland, bevor sich die Familie auf den Weg nach Deutschland machte. Im Laufe des Verfahrens wurde die Familie in mehrere Flüchtlingslager geschickt, dabei wurden die Eltern von ihrer Tochter getrennt. Während Gayane Sargsayan als erster weiblicher Flüchtling am 23. Dezember 2014 nach Kierspe kam, landeten ihre Eltern in einem Containerdorf an der niederländischen Grenze.

„Damals rief mich Karin Schmid-Essing an, mit der Bitte, mich um die junge Frau zu kümmern“, erinnert sich Annelie Beul. Die pensionierte Gesamtschullehrerin zögerte nicht und nahm Kontakt zu Gayane Sargsayan auf. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt, die bis heute hält und immer enger geworden ist. Beul unterrichtete die junge Frau, half bei Behördengängen und auch den Integrationskursen, die allesamt von ihrer gelehrigen Schülerin bestanden wurden.

In der Zwischenzeit gelang es dem Verein Menschen helfen und der Stadt Kierspe, die Familie in einer Wohnung in Kierspe zusammenzuführen.

„Als ich Gayane kennenlernte, hatte sie zwar noch keine Schule besucht, verfügte aber über eine gute Bildung, die der Vater bei ,Privatlehrern’ eingekauft hatte. Dadurch sprach Gayane auch ein wenig Englisch, wodurch wir von Anfang an kommunizieren konnten“, erzählt Beul. Nach dem Abschluss des letzten Integrationskurses habe die junge Frau dann einen Arbeitsplatz gesucht und diesen in einem Produktionsbetrieb gefunden, da dort aber eine Ausbildung nicht möglich war, begann schnell die Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Beul: „Alle Betriebe haben nach einem formalen Schulabschluss gefragt, obwohl dieser nach Auskunft der IHK gar nicht notwendig war. Letztlich haben wir dann nicht mehr in der Industrie gesucht, sondern uns ans Haus Berkenbaum gewandt. Der Familie Funke war ein Schulabschluss überhaupt nicht wichtig, sondern vielmehr, dass eine neue Auszubildende gut ins Team passt.“

Um sich auf die Prüfung vorzubereiten, kochte Gayane Sargsayan das Prüfungsmenü zur Probe im Haus Berkenbaum.

Wie gut es passen würde, ahnte vor drei Jahren weder Funkes noch Gayane Sargsayan. „Da hat von Anfang an alles gestimmt“, ist sich auch Küchenchefin Stefanie Pieper sicher – und sagt lachend, dass es andere Auszubildende sicher schwer haben würden, sich an den Leistungen der neuen Köchin messen zu lassen.

Eine neue Kochauszubildende oder -auszubildenden wird es in diesem Jahr nicht geben. Denn gebeutelt von der Corona-Krise, die die Gastronomie extrem hart getroffen hat, haben sich Funkes entschieden, in diesem Jahr keinen Azubi einzustellen, dafür aber Gayane Sargsayan eine Festanstellung anzubieten.

Über den Verbleib entscheiden das Gericht

Wie lange die junge Frau im Haus Berkenbaum bleiben wird, haben weder sie noch der Ausbildungsbetrieb in der Hand, denn im September entscheidet das zuständige Gericht über den Aufenthaltsstatus von Gayane Sargsayan. Pieper: „Wir hoffen, dass alles gut geht und wir noch lange zusammenarbeiten können.“

Ein Wunsch, den Gayane Sargsayan teilt. Denn sie fühlt sich nicht nur im Betrieb wohl, sondern auch in Kierspe, wo sie gerne weiterhin leben möchte. Dass bis jetzt alles so gut geklappt hat, sieht die fleißige Köchin gar nicht so sehr als ihren Verdienst an: „Auch in der Corona-Zeit konnte ich in der Küche üben und der Betrieb hat mir alle Materialien zur Verfügung gestellt – und das, obwohl das Restaurant geschlossen war.“

Prüfung: Eine glatte Zwei

Ihre Prüfung hat die Köchin mit einer glatten 2 bestanden, wobei sie im Bereich „Gastorientiertes Gespräch“ und „Arbeitsablaufplan“ sogar Einsen erzielte. Im Vorfeld der Prüfung stand Gayane Sargsayan mit Stefanie Pieper und Ernst Willi Funke viele Stunden in der Küche, um sich vorzubereiten. Die Testesser, zu denen dann natürlich auch Annelie Beul gehörte, hatten da schon einen deutlich einfacheren Job.

Die Leidenschaft fürs Kochen hat Gayane Sargsayan bei ihrer Mutter entdeckt – und im Haus Berkenbaum ist man aufgeschlossen genug, auch Einflüsse aus der Heimat der Mitarbeiterin auf die Speisenkarte zu nehmen. So zum Beispiel ein armenisches Walnuss-Gebäck, dass sich nicht nur als Empfehlung auf der Karte findet, sondern auch Teil des Prüfungsmenüs wurde.

Das Prüfungsmenü

Im Rahmen ihrer Abschlussprüfung hat Gayane Sargsayan folgendes Menü zubereitet:

Tortellini - Füllung aus Spinat, getrockneten Tomaten, Kräuterseitlingen und gedünstetem Gurkengemüse. Serviert mit Pesto und Parmesan.

Helles Ragout vom Maishähnchen, Romanesco, glasierte Möhrchen und geschmelzten Pumpernickelknödel.

Kefir-Limettenmouse, karamellisierter Rhabarber, Erdbeeren, Himbeersoße und Walnussgebäck.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare