Waldsterben: „Eine wirtschaftliche Katastrophe“

+
Der Wald verändert sich dramatisch. Immer mehr Kahlflächen entstehen durch die Fällung der vom Borkenkäfer geschädigten Bäume. Jetzt müssen die Waldbesitzer entscheiden, wie wieder aufgeforstet werden soll.

Kierspe – „Ich weiß nicht, wie man den Käfer noch aufhalten kann“, sagt Förster Uwe Treff – und reiht sich damit in eine lange Reihe seiner Kollegen ein. Die alten Rezepte funktionieren aufgrund der großen Anzahl von Borkenkäfern nicht mehr.

Galt früher das rechtzeitige Entfernen der Käferbäume als Königsweg bei der Erhaltung des Waldes, sind nun so große Bestände geschädigt, dass es nicht einmal mehr gelingen wird, die abgestorbenen Bäume aus dem Wald zu holen. Dabei ist es nicht so, dass die Bemühungen nachgelassen haben. Werden üblicherweise in den beiden Kiersper Revieren rund 20 000 Festmeter Holz eingeschlagen, waren es im vergangenen Jahr rund 32 000 Festmeter. „In diesem Jahr haben wir bereits 20 000 Festmeter Holz verarbeitet, doch da kommen sicher weitere 20 000 Festmeter dazu, doch wir werden sicher nicht mehr alles fällen können“, sagt Treff, der betont, dass das im vergangenen Jahr noch gelungen sei.

Um die großen Mengen an Holz zu bearbeiten, werden in diesem Jahr drei Vollernter (Harvester) in den Kiersper Revieren im Einsatz sein, in normalen Jahren reicht eine dieser großen Maschinen, die in günstigen Lagen rund 300 Festmeter Holz am Tag fällt, entastet und auf Länge schneidet, in Hanglagen sind es bis zu 180 Festmeter.

All diese Zahlen beziehen sich natürlich nur auf die Mengen, die auch von den Förstern beauftragt werden, dazu kommen noch die Flächen, die von Waldbesitzern bewirtschaftet oder „verwaltet“ werden. „Der Wald wird nicht mehr derselbe sein“, da ist sich Uwe Treff sicher – und liefert auch die Zahlen. Demnach waren Ende 2019 rund 20 Prozent der Altfichten (älter als 50 Jahre) verloren. Anfang 2021 rechnet er mit einem Verlust von rund 60 Prozent der Altfichten und Ende des kommenden Jahres mit 80 Prozent. „Diese Entwicklung ist für die Waldbesitzer eine wirtschaftliche Katastrophe, sicher nur mit einem Börsencrash vergleichbar“, sagt der Kiersper Förster.

Derzeit lassen sich, so Treff, noch rund 30 Euro für den Festmeter erlösen, da das Holz nach wie vor nach Korea und vor allem China geliefert werden kann. Doch, das ist wenig im Vergleich zu den Spitzenpreisen von 98 Euro, die noch vor wenigen Jahren erzielt wurden. Außerdem müssen 25 bis 30 Euro pro Festmeter für Fällung und Transport abgezogen werden. Dann bleibt oft nur der staatliche Zuschuss von 8 Euro pro Festmeter für die Aufforstung.

Dramatisch ist die Situation auch deshalb, weil niemand ein Rezept hat, mit dem man dem Verlust der wirtschaftlich wichtigsten Baumart des Sauerlandes begegnen kann. Treff: „Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten, entweder der Waldbesitzer setzt auf Naturverjüngung oder auf Anpflanzungen mit Baumarten, von denen man sich eine bessere Resistenz gegenüber dem zu erwartenden Klima erhofft.“

Auf dem Parkplatz Handweiser werden große Mengen Holz angeliefert und in Seecontainer für ihre Reise nach Asien verladen.


Bei der Naturverjüngung seien die Flächen in zwei bis drei Jahren grün. Dann würden sich vor allem sogenannte Pionierbaumarten ansiedeln. Später müsse dann der Waldbesitzer durch den Bestand gehen und die Pflanzen rausnehmen, die er nicht wolle. „Dann kann der Waldbesitzer schauen, wie sich das Klima entwickelt. Dabei verliert er aber rund 20 bis 25 Jahre in der Produktion“, schildert Treff den Nachteil dieser Vorgehensweise.

Bei den Anpflanzungen wird zu Bäumen geraten, von denen die Waldexperten erwarten, dass sie die zunehmende Trockenheit vertragen. Als möglich Bäume nennt der Kiersper Förster Traubeneiche, Esskastanie, Lärche, Douglasie, Weißtanne und Küstentanne. Werden diese Bäume als Mischwald gepflanzt, gibt es weitere Zuschüsse. Aus Waldbesitzersicht sind diese auch dringend notwendig, um die Mehrkosten wenigstens zum Teil abdecken zu können. Denn während die Aufforstung mit Fichten pro Hektar rund 2000 Euro kostet, fallen bei den „neuen“ Bäumen rund 6000 bis 10 000 Euro an Kosten pro Hektar an, da alle diese Kulturen auch gegen den Verbiss durch Wildtiere geschützt werden müssen.

Auch, wenn fast ausschließlich Wirtschaftswälder in der Region stehen, werden diese nicht nur von den Waldbesitzern genutzt, sondern auch von Erholungssuchenden. Mit einer stark zunehmenden Gefahr durch geschädigte Bäume rechnet Treff derzeit aber noch nicht. „Das kann in zwei bis drei Jahren anders aussehen. Aber auch jetzt sollte der Spaziergänger mit aufmerksamem Blick durch den Wald gehen und auf tote Äste und schief stehende Bäume achten“, erklärt der Förster, der aber nicht mit einem generellen Waldbetretungsverbot rechnet, wie es dieses in den Monaten nach dem Sturm Kyrill 2007 gab. „Aber auch jetzt müssen wir entlang von Straßen immer wieder Fällungen vornehmen, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten“, so Treff.

Der Wald in NRW

Rund 935 000 Hektar Waldfläche gibt es derzeit in NRW, was etwa 27 Prozent der Landesfläche ausmacht. 

Die prozentual größten Waldflächenanteile befinden sich in den Forstämtern „Arnsberger Wald“ (98 Prozent), „Nationalpark Eifel“ (72 Prozent) und „Siegen-Wittgenstein“ (71 Prozent). Die geringsten Waldanteile haben die Forstämter „Niederrhein“ (16 Prozent), „Münsterland“ (17 Prozent) und „Ostwestfalen-Lippe“ (20 Prozent). 

Knapp zwei Drittel (63 Prozent) der Waldfläche ist im Eigentum von Privatpersonen, allen voran wenigen Groß-Privatwaldbesitzerinnen und -Privatwaldbesitzern. 21 Prozent der Waldfläche ist im Eigentum von Körperschaften wie Städten und Gemeinden und drei Prozent gehören dem Bund. Der Staatswald des Landes beträgt 13 Prozent der gesamten Waldfläche in NRW. 

Die Wälder Nordrhein-Westfalens sind durch vier Hauptbaumarten geprägt. Die dominierende Baumart ist weiterhin die Fichte, die auf 252 000 Hektar Waldfläche wächst, gefolgt von der Buche (160 000 Hektar), der Eiche (140 000 Hektar) und der Kiefer (65 000 Hektar). Der Anteil weiterer Laubbaumarten, wie etwa Birke, Weide, Erle, Kirsche, ist mit 15 Prozent ebenfalls hoch. 

Die seltensten Baumarten in unseren Wäldern sind die Eibe, Wacholder, Schwarzpappel, die Flatterulme und der Speierling. Insgesamt gibt es mehr Laubbäume (58 Prozent) als Nadelbäume (42 Prozent).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare