Vertellekes aus Rönsahls alter Zeit:

Als Asbeck seine Runden drehte

Vertellekes - Nachtwächter - Rönsahl - Windmacher
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Nicht weit zu seinem Arbeitsplatz in der Servatiuskirche als „geistlicher Windmacher“ von Rönsahl hatte es Rönsahls letzter Nachwächter. Der alte Asbeck, wie er schon zu Lebzeiten genannt wurde, wohnte in einem der beiden Fachwerkhäuser gegenüber der Kirche.

Lang, lang ist es her und heute längst in Vergessenheit geraten – die Zeit, als der Ort Rönsahl wie selbstverständlich noch seinen eigenen Nachtwächter hatte.

Rönsahl - In der langen Reihe der Rönsahler Nachtwächter, die mit dickem Umhang als Schutz gegen Regen, Schnee und Kälte ihre Runden durch das Dorf machten, war der alte Asbeck, wie er schon zu Lebzeiten genannt wurde, der letzte seiner Zunft.

Es war wohl um das Jahr 1870. Da waren die meisten Häuser des Dorfes mit Stroh gedeckt. Damals wirkten sich Schadensfeuer viel verheerender aus als heute. Im Nu stand ein ganzes Haus in Brand, und die Feuerwehr, damals bei weitem noch nicht so hoch technisiert wie heute, hatte dann oftmals keine Chance, einen Großbrand zu verhindern. So kam der Aufgabe des Nachtwächters eine besondere Bedeutung zu. Er war zumeist der erste, der alles Ungewöhnliche anzuzeigen hatte, was während der Nachtstunden passierte.

Einmal pro Stunde das Horn blasen

Gewöhnlich trat er nach 23 Uhr seinen Dienst an und musste dann einmal pro Stunde das Horn blasen. Seine Aufgabe bestand aber nicht nur darin, im Dorf auf Feuer und Licht zu achten, damit kein Unglück geschah. Daneben versah er auch noch so etwas wie den Dienst des Polizeihelfers. So gehörte es zu seiner Pflicht, Diebe und „fahrendes Volk“ festzunehmen. Im Nebenberuf war er aber auch noch Kirchenküster, Totengräber und Postaushelfer, also ein viel beschäftigter Mann. Und doch klagte er stets, dass all seine kleinen Pöstchen nicht genug einbrachten, um seinen Schornstein am Rauchen zu halten. So betrug zum Beispiel sein Gehalt als Nachtwächter jährlich sage und schreibe 30 Mark.

Es ist deshalb menschlich zu verstehen, dass Asbeck dann und wann seine Tätigkeit nicht immer zur Zufriedenheit seiner Mitbewohner ausübte, sondern lieber einige Stunden im warmen Bett oder in fröhlicher Gesellschaft verbrachte. Verschiedentlich, so sagt es ein altes Vertelleken, wurde er deshalb vor den Gemeinderat zitiert. Aber stets gelang es ihm, sich durch seinen gesunden Mutterwitz schlagfertig aus der Patsche zu ziehen. Nur einer ist ihm scheinbar nicht „grün“ gewesen. So wurde unter anderem im August 1861 zu Protokoll gebracht: „Der Nachtwächter Asbeck hat vom 8. auf den 9. August die erste, zweite und dritte Stunde nicht geblasen; ich war wach, habe alle Uhren schlagen hören und kann dies nötigenfalls beschwören. Die Nacht vom 13. auf den 14. August habe ich ein und zwei Uhr schlagen hören, aber der Nachtwächter hat diese Stunden nicht geblasen, die drei Uhr blies er, als es erst ½ drei war...“

Ein geselliger Kauz

Aber ernstliche Folgen haben solcherlei Beschwerden wohl nie nach sich gezogen. Der letzte Nachtwächter von Rönsahl scheint ein geselliger Kauz gewesen zu sein. Als Kirchenküster musste er dem Pfarrer bei dessen kirchlichen Handlungen zur Hand gehen, und so gingen die beiden des Öfteren gemeinsam zu einer Kindtaufe. Bei einem dieser Anlässe sagte der Herr Pastor so ganz als Pfarrer zu den glücklichen Eltern: „Viel Kinder – viel Segen.“ „Jawohl“, fügte promt sein Küster an: „Sie tun uns auch den Brotschrank ausfegen.“

Als Totengräber hatte Asbeck im Sommer oft wenig zu tun. „Herr Doktor“, sagte er einmal scherzhaft zum Dorfarzt, „mit Ihnen habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen“. „Warum denn das, mein lieber Asbeck?“ „Ich verdiene nichts mehr an Ihnen. Sie lassen mir keine Leute mehr totgehen!“

Sein größter Stolz war es, richtig hochdeutsch schreiben und reden zu können und auch darin sehr schlagfertig zu sein. Einmal traf er auf dem Wege von Kierspe nach Rönsahl einen „fürnehmen“ Herrn, mit dem er ins Gespräch kam und sich gewiss sehr angenehm unterhielt. Schließlich wollte er gerne wissen, mit wem er denn so nette Gesellschaft hatte. Der Herr stellte sich vor: „von Holtzbrinck, Landrat zu Altena“. – „Asbeck“, entgegnete er, „weltlicher Totengräber und geistlicher Windmacher von Rönsahl“, Letzteres wegen seiner Tätigkeit als Bediener des Blasebalgs hinter der Kirchenorgel. (Denn früher konnte die Luft für die Orgelpfeifen noch nicht per Motor beschafft werden).

„Überlandpost“ nach eigenem System sortiert

Interessant war auch die Art und Weise, wie Asbeck als Postaushelfer seinen Mann stand und sich oftmals selbst seine Pflichten erleichterte. „Wenn es schon die Oberpostdirektion nicht tut, dann muss man sich eben selbst zu helfen wissen“, wird er wohl gedacht haben. Und so sortierte er bei Wintertag und schlechtem Wetter seine „Überlandpost“ nach eigenem System, leise murmelnd und am Sortiertisch sitzend: „Du gehst mit – und du bleibst hier!“ Seine Methode ist als überaus erfolgreich und vor allem als zeitsparend zu bewerten, denn alle weitab liegenden Gehöfte ließ er auf seinem Fußmarsch „links liegen“. So war er zuweilen Stunden früher wieder zuhause als gewöhnlich.

Lange, lange schon ist Rönsahls letzter Nachtwächter, Kirchenküster, Totengräber und Postausträger, alles in einer Person, tot – aber seine Schnurren lebten über all die Jahre im Volksmund fort und kommen hin und wieder noch mal zur Sprache, wenn „Vertellekes aus Rönsahls alter Zeit“ die Runde machen.

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