Rückblick auf ein bewegtes Leben zum 90.

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Die stellvertretende Bürgermeisterin Marie-Luise Linde (links) gratulierte gestern Eva Kemper zum 90. Geburtstag.

Kierspe - Wenn man den Raum betritt, ist längst nicht klar, welche der anwesenden Damen ihren 90. Geburtstag feiert. Bei Eva Kemper war es am Mittwoch so weit. Doch die Kiersperin strömt so viel Lebensfreude und auch ein wenig Jugendlichkeit aus, dass man ihr die 90 gar nicht so recht abnehmen möchte. Doch wenn sie erzählt, möchte man glauben, es wären zwei Leben, die da bislang gelebt wurden.

Geboren und aufgewachsen in Königsberg war bereits kurz nach dem Krieg klar, dass sie in dieser Stadt keine Zukunft haben würde.

Nach dem Volksschulbesuch stand das Pflichtjahr an und anschließend eine Ausbildung bei der Stadtverwaltung. Doch diese konnte die junge Frau nicht mehr beenden – dafür sorgte die Rote Armee als Besatzerin und später auch als Vertreterin der Nation, die Anspruch auf die ostpreußische Stadt erhob. Heute ist Kaliningrad eine russische Exklave und für die früheren Einwohner nicht wiederzuerkennen. „Als wir ausgewiesen wurden, war Königsberg ein einziger Trümmerhaufen.“ Ohne Eltern, die noch in der Heimatstadt starben, reiste sie sechs Tage auf einem Viehwagen gen Westen. Die erste Station war Pirna, die zweite Eichsfeld, wo sie ihren Bruder fand. Mithilfe eines Landwirts gelang ihr die Flucht in den Westen – „als Magd verkleidet und mein Hab und Gut unter dem Mist versteckt, der sich auf dem Wagen befand, mit dem mich der Bauer in den Westen brachte.“

Weiter ging’s nach Schleswig-Holstein, wo ihre Schwester inzwischen lebte. Doch dort durfte die junge Frau, die damals noch Braun hieß, nicht bleiben. „Da war alles voll mit Flüchtlingen.“ Über Lübeck ging es weiter nach Siegen. Dort lebte sie in dem in einer Kaserne eingerichteten Lager. Das Arbeitsamt bot ihr schließlich zwei Stellen in Haushalten an – eine in Lüdenscheid, eine andere in Kierspe. Kemper: „Ich kannte beides nicht, da Kierspe mit K anfing wie Königsberg, habe ich diese Stadt gewählt.“

Die Stelle, die sie dort 1949 antrat, war jedoch vielmehr, als nur Hilfe im Haushalt zu sein. Im Café Maiwurm half sie auch im Geschäft aus und begleitete den Chef bei seinen Verkaufsfahrten in die Umgebung. „So habe ich die Region kennen- und auch liebengelernt.“

Kennegelernt hat sie dort auch ihren Mann Herbert Kemper. „Es hatte sich rumgesprochen, dass da ein lediges Mädchen im Haushalt arbeitete. Und plötzlich hatte ich beim Spazieren mit meiner Freundin Herbert an der Hand“, erzählt sie zur Freude ihrer Geburtstagsgäste. 1953 folgte die Heirat, danach der mehrfache Umzug innerhalb der Volmestadt und schließlich 1975 der Kauf einer Wohnung am Haunerbusch, in der die Seniorin heute noch lebt. Zwischenzeitlich hatte sie auch die Arbeitsstelle gewechselt. Bis zu ihrem 50. Lebensjahr arbeitete Kemper bei Bremi.

Da auch der Bruder einige Zeit nach seiner Schwester seine neue Heimat in Kierspe gefunden fand, hatte Eva Kemper nun auch eigene Familienangehörige in der Volmestadt – unter anderem vier der insgesamt zehn Nichten und Neffen, die sie gemeinsam mit ihrem Mann hatte.

Zu den gemeinsamen Hobbys von Eva und Herbert Kemper gehörte das Reisen – „in einem Jahr waren wir sieben Mal unterwegs“ – und der Kleingartenverein, den die beiden mitgründeten und dem ihr Mann auch anfangs vorstand.

Heute vertreibt sich die Seniorin ihre Zeit mit Lesen, außerdem schaut sie mit Leidenschaft Wettkämpfe im Snooker. „Bei Weltmeisteraften bleibe ich dann auch so lange auf, bis der Sieger feststeht“, erklärt das rüstige Geburtstagskind.

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