Keine Stornierungen und auch keine Nachfragen

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Monika Lehmann und Julia Kritzler vom Reisebüro Holidayland haben bislang aufgrund des Schiffsunglückes der „Concordia“ keine Stornierungen bei Kreuzfahrten verzeichnen müssen. ▪

KIERSPE ▪ Seit 120 Jahren werden Schiffe auf Kreuzfahrten eingesetzt. Doch erst in den vergangenen Jahren wurden sie auch bei der breiten Masse der Erholungssuchenden immer beliebter. Und das wohl derart, dass auch das schwere Schiffsunglück der Costa Concordia daran nichts ändern wird.

„Wir haben nicht eine Stornierung und auch keine Nachfrage von Kunden, die eine Kreuzfahrt gebucht haben. Bei den Kierspern, die ins Geschäft kommen, ist der Unfall natürlich Thema“, so Monika Lehmann, Inhaberin des Reisebüros Holidayland.

Wer das Ladenlokal betritt, ist auch gleich Teil einer Kulisse, bei der die Kreuzfahrten im Mittelpunkt stehen. Seit rund sieben Jahren setzt die Unternehmerin sehr stark auf den wachsenden Reisemarkt. Und so hat sie Original-Tische und Stühle aus der Ocean-Bar, die auf den Aida-Schiffen „Vita“ und „Aura“ so zu finden ist, in ihrem Reisebüro vor einer Fototapete aufgebaut, die den Blick der Schiffspassagiere auf Korsika wiedergibt.

Der Reeder und Hapag-Geschäftsführer Albert Ballin war es, der 1891 die Kreuzfahrten erfand. Bis zu diesem Jahr lagen die teuren Schiffe im Winter ungenutzt in den Häfen. Erst im Frühjahr nahmen sie ihren Liniendienst mit Amerika wieder auf. Die erste Kreuzfahrt war eine zweimonatige luxuriöse Seefahrt der Augusta Victoria. Kaiser Wilhelm II. besuchte das Schiff am Tage der Abfahrt. Von Cuxhaven ging es via Southampton, Gibraltar, Genua nach Kairo, Jerusalem, Damaskus, Konstantinopel (Istanbul), Athen und dann via Malta, Neapel und Lissabon zurück nach Hamburg.

Mitreisende Journalisten berichteten anschließend von der luxuriösen Möglichkeit, der Kälte in der Heimat zu entfliehen. Und luxeriös sollte es bleiben. So vermerkt das Internet-Lexikon Wikipedia: „Früher waren Kreuzfahrten ein Eldorado für ältere, betuchte Damen, die eine bequeme Reisemöglichkeit suchten, bei der sie ohne häufigen Hotelwechsel die Welt in angenehmer Atmosphäre kennenlernen konnten. Zudem war gesellschaftlicher Anschluss leicht möglich. Da Herren oft in der Minderzahl waren, haben aufmerksame Reedereien ihr Personal um elegante Tänzer und Unterhalter erweitert.“

Mittlerweile ist daraus ein Markt entstanden, der es auch Normalverdienern erlaubt, eine Passage zu buchen. Und für Monika Lehmann ist die Kreuzfahrt die bequemste Art, etwas von der Welt zu sehen: „Man packt nur einmal den Koffer aus und sieht trotzdem viel von der Welt.“

Seit Jahren bietet die Reiseexpertin auch Gruppenreisen auf Kreuzfahrtschiffen an, die sie selbst leitet: „In Kürze fahre ich mit 28 Kunden in die Karibik. Und von den 28 hat bislang keiner aufgrund des Unglücks angerufen oder storniert.“ Und bei Costa-Reisen hat die Unternehmerin auch noch Glück gehabt. So hatte keiner ihrer Kunden die Fahrt gebucht, die nun für viele zum Albtraum wurde. Auch bei zukünftigen Reisen hatte sie – zufälligerweise – keine Buchung auf der „Concordia“. Auf anderen der 15 Costa-Schiffe sieht das allerdings anders aus. Aber auch von diesen Kunden hat bislang niemand storniert.

„Die Urlauber können unterscheiden, ob von einer Reiseform ein grundsätzliches Risiko ausgeht, oder ob es ein Einzelfall ist, der auf die Tat eines Einzelnen zurückgeht“, so Lehmann.

Nach ihrer Erfahrung buchen viele Urlauber, die einmal eine solche Fahrt gemacht haben, immer wieder eine Kreuzfahrt. Wobei viele dann auch schnell ein festes Schiff finden, mit dem sie immer wieder in See stechen. Lehmann: „Es gibt aber auch Kreuzfahrtfans, die nur mit einem ganz bestimmten Kapitän unterwegs sein möchten.“

Doch die Kreuzfahrten finden ihre Fans nicht nur bei den Urlaubern, sondern auch und gerade bei den Reisevermittlern. Denn gerade einmal vier Prozent der Kreuzfahrten werden über das Netz gebucht, elf Prozent über den Veranstalter, sieben Prozent über die Reederei und sagenhafte 78 Prozent über Reisebüros. ▪ Johannes Becker

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