Kein Sprung ins kühle Nass der Jubachtalsperre

KIERSPE ▪ Trotz des strahlenden Sonnenscheins und der frühlingshaft warmen Temperaturen planschen weder die ersten wagemutigen Schwimmer in der Jubachtalsperre, noch kreisen ferngesteuerte Boote auf der Oberfläche. Und das ist auch gut so, denn das Wasser dient ausschließlich zur Trinkwassergewinnung.

Die Bedingungen dafür sind an diesem Standort nahezu ideal: Im Einzugsgebiet der Talsperre gebe es keine Industrie oder größere Siedlungen, so Pressesprecher Uwe Reuter. Zudem werde hauptsächlich Forstwirtschaft im näheren Umfeld betrieben, „was wenig Belastendes mit sich bringt.“ Und mit den wenigen Landwirten, die sich an der Jubachtalsperre angesiedelt haben, wurden Kooperationsverträge geschlossen. Das alles sei „sehr günstig für die Qualität des Wassers“. Es habe noch nie eine nennenswerte Belastung gegeben, so Reuter weiter.

Seit mehr als 100 Jahren steht die trutzige Staumauer nun schon an Ort und Stelle. Maßgeblich beim Bau waren die Vorstellungen von Professor Otto Intze, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts relativ viele solcher Mauern als Bauingenieur konzipierte. Auch als die Jubachtalsperre von 1904 bis 1906 gebaut wurde, wurden seine Grundprinzipien, dass die Mauer möglichst schwer sein und auf festem Grund stehen muss, eingehalten, berichtet Ralf Hedderich, der Betriebsmeister nicht nur bei der Jubachtalsperre, sondern auch bei anderen Anlagen des Wasserbeschaffungsverbandes Lüdenscheid (WBV) ist.

Zunächst diente die Talsperre zu Steuerung des Wasserstandes der Volme. Die an dem Fluss gelegenen Betriebe nutzten die Wasserkraft damals als Antrieb und waren daher auf eine konstante Wassermenge angewiesen. Ungefähr 40 Jahre lief der Betrieb problemlos. Beim Rückzug deutscher Truppen im Mai 1945 wurde überschüssige Flakmunition in der Talsperre versenkt. Dabei entzündete sich eine scharfe Granate. Bei der anschließenden Detonation wurde die Staumauer stark beschädigt. Da die Talsperre aber nicht ganz voll war, hielt sich der Schaden für die Umgebung in Grenzen.

Nach dem Krieg sollte die Jubachtalsperre zur Trinkwassergewinnung eingesetzt werden. 1948 wurde daher die beschädigte Mauer repariert. Dabei wurden auch Löcher gestopft, über deren Funktion damals Unklarheit herrschte. Intze hatte sie ursprünglich angelegt, um den Druck, den das Wasser von unten aufbaut, auszugleichen. Eine Maßnahme mit Folgen: In den 80er Jahren drohte die Talsperre aufzuschwimmen. Mit neuen Drainagen und einer Betonmauer, die an der Wasserseite gegossen wurde, wurde dem entgegengewirkt. Heute versorgt die Jubachtalsperre zusammen mit den anderen Talsperren des WBV den südlichen Märkischen Kreis mit Wasser.

In der Mauer wird mit einer Messanlage ständig überwacht, inwiefern sie sich bewegt. Die Bruchsteine dehnen sich bei Wärme aus und ziehen sich bei Kälte zusammen. Die Ergebnisse der Laservermessung werden immer überwacht, damit ein Gleiten oder Kippen der Mauer sofort registriert wird. Nicht umsonst befinden sich „Talsperren bei der Gefahrenbeurteilung gleich hinter Atomkraftwerken“, erklärt Hedderich. Bei einem Stauvolumen von gut einer Million Kubikmetern würde im Ernstfall eine riesige Menge Wasser die Umgebung überschwemmen.

Über Rohre wird das angrenzende Wasserwerk mit dem sogenannten Rohwasser versorgt. In großen grünen Tanks, der Vorfilteranlage, wird es durch Quarzsand geleitet. Zusätzlich wird dem Ganzen noch ein Aluminiumsalz als sogenanntes Flockungsmittel zugesetzt. Feine Schmutzpartikel, die sonst ungehindert durch den Sand dringen würden, „knuddeln sich zusammen“ und bleiben hängen, erklärt Hedderich.

Nach dem Reaktionsbecken wird das Wasser anschließend in mehrere Becken, die sogenannte offene Schnellfilteranlage, geleitet. Dort durchläuft es einen besonderen Sand mit dem klangvollen Namen Juraperle. Durch dessen hohen Kalkgehalt wird dafür gesorgt, dass das Wasser, das einen hohen Kohlensäureanteil hat, weniger sauer und damit weniger schädlich für die Leitungen, durch die es anschließend fließt, ist. Neben der Filtration wird dem Wasser außerdem Eisen entzogen, mit dem es sich auf seinem Weg durch den Boden angereichert hat.

Schließlich werden dem Wasser dann noch geringe Mengen Chlor zugesetzt, „damit auch am Ende der Versorgungsleitung qualitativ hochwertiges Trinkwasser ankommt“, erklärt Thomas Brenne, Betriebsleiter der Jubachtalsperre und weiterer Anlagen des WBV. Nach der Chlorung geht es in einen Hochbehälter und von dort aus wird das Wasser zum Endverbraucher geleitet.

Ralf Hedderich ist froh darüber, dass sich die Besucher der Jubach-Talsperre weitestgehend darüber im Klaren sind, dass hier Trinkwasser aufbereitet wird. „Wenn einer sein ferngesteuertes Boot mit dem Akku hier versehentlich absaufen lässt, merken wir das mit unseren Messgeräten“, informiert er über den Stand der Technik. „Man kann heute ein Stück Würfelzucker, das im Bodensee versenkt wird, nachweisen“, ergänzt Thomas Brenne. Gut also, dass sich trotz des Wetters nur einige Spaziergänger am Wasser tummeln. ▪ Andrea Mackenbruck

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare