Kabarettistisches Feuerwerk in der Bibliothek

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Im Anschluss an ihre Darbietung signierte die Langenholthausenerin gern ihre Bücher, die die Zuhörer zu dem Abend mitgebracht hatten.

KIERSPE ▪ „Da kriegste noch Spaß mit, der kommt aus der Stadt“, fasst „Ommma“ ihre Eindrücke vom Verlobten der Enkelin zusammen, der gerade seinen Antrittsbesuch bei der Familie im tiefen Sauerland macht. Auch postmortal spielt die Ommma mit drei „m“ eine Rolle. Bedingt durch den Trunkenheitsgrad des Gastes bei einer Silberhochzeit, somit einer „sauerländischen Hardcore-Feier im Schützenhaus“.

Samt Mikro-Gefiepe und Blockflötenvortrag, von der Autorin bis zur Notenunkenntnis genüsslich in seine Bestandteile zerlegt. Oder Nelly, eine weitere Hauptfigur in Kathrin Heinrichs Krimis und Kurzgeschichten, die unerwartet ein Kind erwartet. Und der ersten Tupper-Party entgegenfiebert, dem „Wendepunkt im Leben einer Frau“. Ob moderne Klamotten in Größe L – wie leidenschaftlich oder lebensbedrohlich –, ob Kundenkarte an der Tanke mit der Aussicht auf „Lederbälle für fußballtechnische Null-Nieten“ oder unerwartete Peinlichkeiten, oft gibt Sauerland-Satire dem Vorkommnis eine eigene, dem heimischen Leser vertraute Färbung. Liebes-Leid inklusive Bahnreise nach Oeventrop etwa.

Kathrin Heinrichs las anlässlich ihres zehnjährigen Jubiläums und des 40. Geburtstags der Stadtbibliothek. Dabei entpuppte sich die 40-jährige Mendenerin, gebürtig aus Langenholthausen bei Balve, als Allround-Talent und krönte den Abend mit einem kabarettistischen Feuerwerk. Schon die Lesung war eine die Lachmuskeln strapazierende Darbietung. Die sprachlich distanzierte Betrachtung des banalen Alltagsgeschehens mit seiner häufig unfreiwilligen Situationskomik, wirkungsvoll in Szene gesetzt durch Mimik, Gestik und bedeutungsschwangere Gedankenpausen, das weckte bei den Zuhörern Erinnerungen. Das hatte man doch so oder so ähnlich schon mal erlebt, ohne es je so treffend in Worte fassen zu können. „Jochhurt“ echote es denn auch aus den Reihen, während das alte Ehepaar beim Einkauf im Supermarkt Geschmacksvorlieben und die Zuständigkeiten dafür erörtert. Überhaupt: Einkaufen als Mysterium. Spülmaschinen-Tabs in zig Kombinationen und Trill-S 11-Körnchen.

Im Publikum hoben darob Diskussionen an, geeignet, weiteren Stoff für Satire zu liefern. Wie Namen. Man stelle sich vor: Opa Dennis oder Opa Kevin. Auch Ra-o-u-l, allenfalls die Notlösung beim Scrabble. Und das Alter, wo man erstmal Gebiss und Hörgerät suchen muss, um zu fragen, wo denn die Brille sei. Motorradgruftis, die ihr Zubehör im Sanitätshaus kaufen, und reife Damen mit Glitzersteinchen-Schriftzug auf dem Shirt: Set me on fire. Ist das nun anzüglich oder nur der dezente Hinweis auf die gewünschte Urnenbestattung? ▪ As

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