Abhängig von der Gnade des Verwaltungsgerichts

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Seit drei Jahren tobt ein blutiger Bürgerkrieg in Syrien. Viele historische Gebäude wurden zerstört und ein großer Teil der Einwohner befindet sich auf der Flucht.

Kierspe - Nur noch ein paar Monate, dann hätte Mohammed sein Abitur in der Tasche gehabt. Eigentlich wollte er danach in seiner Heimatstadt studieren. Doch der Bürgerkrieg ließ dem jungen Mann keine Chance. Seine Heimatstadt Aleppo ist seit zwei Jahren hart umkämpft. Dort stehen die regierungskritischen Syrer der eigenen Armee gegenüber.

Von Johannes Becker

Dieser Bürgerkrieg hat Narben bei dem jungen Mann hinterlassen – auf seiner Seele, aber auch wortwörtlich an seinem Bein. Obwohl sein Ziel immer Deutschland war, hängt es nun von deutschen Richtern ab, ob er auch hier bleiben darf.

Aleppo ist eine traumhafte Stadt für den jungen Mann gewesen, der sich für Architektur interessiert und dieses Fach auch studieren möchte. Als eine der ältesten Städte der Region im Norden und zweitgrößte Stadt Syriens wurde Aleppo 2006 zur Kulturhauptstadt des Islam gewählt. Weit mehr als zwei Millionen Einwohner zählte die Stadt noch vor vier Jahren. Wie viele es heute sind, weiß kein Mensch. Der Bürgerkrieg, der seit drei Jahren in der strategisch wichtigen Stadt tobt, hat ein normales Leben unmöglich gemacht. Viele der historischen Gebäude wurden zerstört. Bomben und Granaten bedrohen das Leben der Einwohner. Eine dieser Bomben wäre auch fast Mohammed zum Verhängnis geworden. Er befand sich gerade draußen, als eine Bombe fiel und sich ein Splitter dieser todbringenden Waffe tief in sein Bein bohrte. Noch am gleichen Tag wurde er in einem der wenigen nicht offiziellen Krankenhäuser operiert. Danach fasste er den Entschluss, gemeinsam mit seinem vier Jahre älteren Bruder zu fliehen.

Zu diesem Entschluss kam der heute 19-Jährige auch, weil er langsam in ein Alter kam, in dem er in die syrische Armee hätte eingezogen werden können. „Ich wollte nicht in eine Situation kommen, in der ich auf Mitglieder meiner Familie oder auf Freunde hätte schießen müssen.“ Schon in Syrien stand der Entschluss fest, dass das Ziel der Flucht Deutschland sein sollte. Mohammed: „Ich habe gehört, dass Deutschland viele Möglichkeiten bietet.“ Doch wie sollte man dieses Land erreichen, das umgeben von anderen Staaten ist – Staaten, in denen der junge Mann nicht um Asyl bitten wollte.

So führte der gefährliche und lange Weg durch die Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. In Ungarn wurde er von den Behörden aufgegriffen. Entsprechend eines EU-Abkommens wurden seine Fingerabdrücke genommen. Ansonsten hatte der Staat dem jungen Mann nicht viel zu bieten. Statt einer Unterkunft wurde er in eine Art Käfig gesperrt, zu Essen gab es nur einmal am Tag ein Stück Brot und ein wenig Wurst. „Die Polizei hat uns wie Verbrecher behandelt, das will ich nicht noch einmal erleben“, erzählt Mohammed. Doch genau dahin wollen ihn die deutschen Behörden abschieben. Denn aus Sicht Deutschlands ist Ungarn ein sicheres Drittland.

Allerdings gibt es mittlerweile etliche deutsche Gerichte, die das anders sehen. So schieben beispielsweise die Verwaltungsgerichte in Berlin und Köln keine Flüchtlinge mehr nach Ungarn ab. Denn die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die Flüchtlinge dort leben müssen, werden von vielen Hilfsorganisationen bestätigt.

Mittlerweile hat Fritz Schmid vom Arbeitskreis Flüchtlinge dafür gesorgt, dass der junge Mann anwaltlich vertreten wird. Doch letztlich weiß niemand, wie das Verwaltungsgericht in Arnsberg entscheiden wird. Dem jungen Gast in Kierspe bleibt nur die Hoffnung. Nicht nur darauf, nicht abgeschoben zu werden, sondern auch auf eine Zukunft in Deutschland. Bereits seit Monaten geht er jeden Tag in die Gesamtschule als Gastschüler und lernt täglich mit Schmid Deutsch. Wer heute mit Mohammed spricht, kann kaum glauben, dass er im Dezember noch kein Wort Deutsch sprach. Doch er weiß, sollte er hier bleiben dürfen, ist die Sprache der Schlüssel zum Abitur und damit auch zum Architekturstudium. Denn sein sehnlichster Wunsch ist es, nach einem solchen Studium in sein Vaterland zurückzukehren, um dort beim Aufbau seiner Heimatstadt zu helfen. Ob das gelingen kann, ist jetzt von den Richtern in Arnsberg abhängig.

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