Nie wieder Weihnachten mit der Familie

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Der 22-jährige Tesfamarian und der 24-jährige Zekareas feiern bereits ihr zweites Weihnachtsfest in Deutschland.

Kierspe  - Ein Weihnachtsfest mit der eigenen Familie wird es wohl nie wieder geben. Zu unerbittlich die Diktatur im eigenen Land und zu gefährlich die Flucht für Eltern und Geschwister. Mit diesem Wissen sind die Wünsche für das kommende Fest für Tesfamarian eigentlich ganz bescheiden – und doch nicht leicht zu erfüllen. Der Eritreer ist vor Jahren aus seiner Heimat geflüchtet, musste das Sterben anderer Menschen sehen, Demütigungen ertragen und wähnte sich auf See dem Tod näher als dem Leben.

Frischer Kaffeeduft zieht durch die kleine Wohnung, in der der 22-jährige Tesfamarian lebt, auf dem Sofa sitzt er neben Zekareas, einem 24-jährigen Mann, der ebenfalls aus Eritrea geflüchtet ist. Gegenüber im Sessel Ulrike Schumacher. Die pensionierte Lehrerin engagiert sich im Arbeitskreis Flüchtlinge und kümmert sich in erster Linie um die neun Eritreer, die in Kierspe Aufnahme gefunden haben.

Mit der Meinerzhagener Zeitung wollen die beiden über Weihnachten sprechen – so wie sie es in ihrer Heimat feierten und darüber, wie sie es nun feiern. Denn die beiden gehören zu der christlichen Hälfte in Eritrea. Im Grunde ist das Land gespalten, die Association of Religion Data Archives beziffert 50,15 Prozent Muslime und 47,91 Prozent Christen. Daneben bestehen einige kleine einheimische Naturreligionen. Wobei die Christen nicht einer Konfession angehören, sondern sich aufteilen in Eritreisch-Orthodoxe, Orthodoxe, Protestanten, Katholiken. In den vergangenen Jahren wurde von Amnesty International immer wieder von Verfolgungen bestimmter christlicher Minderheiten berichtet.

Doch davon berichten die beiden jungen Männer nichts. Sie trieb die Perspektivlosigkeit und der unmenschlich harte Militärdienst aus dem Land. Denn obwohl seit 1993 kein Krieg mehr mit dem Nachbarn Äthiopien herrscht – abgesehen von Grenzkonflikten in den Jahren zwischen 1998 und 2000 – spielt das Militär die zentrale Rolle. Regiert wird das Land von Präsident Isayas Afewerki, den nicht nur die beiden Flüchtlinge als Diktator betrachten. Er setzt zu seinem Machterhalt ganz auf das Militär des Landes. „Niemand, der eingezogen wird, weiß, wann und ob sein Dienst wieder endet“, erzählt Zekareas. Auch er wurde eingezogen, mit gerade einmal 17 Jahren. Nach einem Monat bot sich ihm die Gelegenheit zur Flucht. Über den Sudan, durch die Wüste Sahara ging es nach Libyen, wo er monatelang fest saß, bevor er einen Platz auf einem der völlig überfüllten Boote nach Italien bekam. Fünf Tage Todesangst, bevor er seinen Fuß wieder auf Land setzen konnte.

Später ging es dann weiter mit Bussen in Richtung Norden. In Kierspe lebt der junge Mann jetzt seit zwei Jahren. Mittlerweile hat er einen Integrationskurs besucht und möchte eine Ausbildung zum Schlosser machen.

Die Geschichte von Tesfamarian klingt ähnlich. Er war Klassenbester, wollte gerne studieren oder zumindest die Schule beenden. Doch das Militär war schneller. Mit 17 Jahren wurde er eingezogen. Doch er ging einfach weiter zur Schule. Das ließ sich das System natürlich nicht gefallen. Die Polizei verhaftete den jungen Mann und verfrachtete ihn nach zahlreichen Misshandlungen auf einen Transporter, der ihn in eine Kaserne bringen sollte. „Ich bin nachts aus dem Wagen gesprungen und um mein Leben gelaufen“, erinnert er sich. Stundenlang habe er sich in einem Tierbau versteckt und erst am nächsten Tag die Flucht fortgesetzt. In einem Dorf in der Nähe findet er Aufnahme und einen mutigen Menschen, der ihn versteckt.

Doch die Sorge um die eigene Zukunft, die Angst vor der grausamen Strafe des Militärs und das Heimweh machen ihn so krank, dass er in ein Krankenhaus muss. Fünf Monate darf er dort bleiben, kann sich erholen. Danach versteckt er sich eineinhalb Jahre in einem Kloster. Später geht es dann ebenfalls durch Sudan und Wüste nach Libyen – und mit dem Boot nach Italien.

Es fällt beiden Flüchtlingen schwer, darüber zu berichten, wie sie erleben mussten, dass kranke Flüchtlinge mitten in der Wüste aus dem Wagen geworfen wurden, wie sie in Libyen behandelt wurden – oder was sich auf den Booten abspielte.

Beim Gespräch über Weihnachten in Eritrea werden beide ebenfalls einsilbig – die Erinnerung nagt, genau wie das Wissen, nie wieder in die Heimat reisen zu können. Sie erzählen von in festliches Weiß gekleideten Menschen, die sich vor farbenfroh geschmückten Weihnachtsbäumen zusammensetzen. Mit der Großfamilie habe man gefeiert. Übliche Geschenke seien Kleidung, Obst oder ein Glas Honig gewesen.

Zekareas wird – wie im vergangenen Jahr – mit seinem Bruder in Hamburg feiern, Tesfamarian mit den anderen Eritreern in Kierspe. Geschenke wird es wohl keine geben. Aber einen Wunsch hat Tesfamarian doch: „Ich möchte vor meinem Integrationskurs, der erst im Frühjahr beginnt, ein Praktikum machen, denn ich halte diese Untätigkeit kaum noch aus.“

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