Puppenausstellung im Fritz-Linde-Museum

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In selbstgefertigten Puppenbetten und Wiegen kommen die Ausstellungsstücke besonders ansprechend zur Geltung.

Kierspe - Es sind nur wenige Teddybären, die es in die Ausstellung geschafft haben. Doch einer von ihnen hat eine ganz besondere Geschichte – und das verbindet ihn mit all den anderen Puppen, die am Sonntag, 26. Juli, von 11 bis 17 Uhr im Fritz-Linde-Museum am Höferhof gezeigt werden.

Ihre Puppe hatte die kleine Kiersperin immer sehr lieb gehabt. Hatte diese Puppe dem Mädchen doch Trost gespendet in den Jahren des Krieges, sie war immer da, hörte geduldig zu und spendete Trost in einer Zeit des Hungers. Und als alles überstanden schien und die alliierten Truppen schon in der Volmestadt einmarschiert waren, da fand die Puppe ein jähes Ende.

Ein amerikanischer Soldat schlitzte das Spielzeug auf der Suche nach den letzten Familiengeheimnissen auf. Nach diesem „Mord“ wollte das Kind keine Puppe mehr haben und spielte fortan nur noch mit ihrem Bären. Dieser ist nun Teil der Ausstellung, die von Marlen Vedder und Silvia Baukloh zusammengetragen wurde.

Es sind diese Geschichten, die den Reiz für die beiden Kiersperinnen beim Zusammenstellen der Schau ausmachen. Denn für ihre Besitzerinnen waren die Puppen mehr als nur ein Spielzeug. In einer Zeit gekauft, in der eine Puppe einen echten Wert darstellte, wurde nur vorsichtig mit ihnen gespielt, Mütter und Großmütter nähten neue Kleider und führten bei zu starker Beanspruchung auch die eine oder andere lebensrettende OP durch.

Aber auch die Väter trugen ihren Teil dazu bei, dass sich das geliebte Spielzeug zuhause fühlte. Da wurden Bettchen gebastelt und Wiegen gezimmert – und wer es sich leisten konnte, der kaufte einen Puppenwagen, in dem dann Clara, Inge oder Christel über die staubigen Straßen der Heimatstadt geschoben wurden.

„Viele, die uns ihre Puppen zur Verfügung stellen, bedauern sehr, dass ihre Enkel und Urenkel gar nicht mehr mit Puppen spielen“, erzählt Baukloh. Sie selbst hat eine ganz besondere Beziehung zu diesen Spielzeugen. Seit nahezu 30 Jahren fertigt sie selbst Puppen. Und hin und wieder stellt sie diese auch aus. Unter anderem am ersten Geburtstag des Fritz-Linde-Museums vor zwei Jahren. Damals entstand auch die Idee zu der Ausstellung, die nun zum dritten Geburtstags des Museums und zum 133. Geburtstag von Fritz Linde gezeigt wird.

Dann findet sich dort auch die Puppe einer anderen Kiersper Autorin. Anni Wienbruch wurde 1889 geboren und es darf vermutet werden, dass auch ihre Puppe weit mehr als 100 Jahre alt ist – wie so viele andere, die an diesem Tag gezeigt werden. Eine trägt an diesem Tag das Taufkleid ihrer ersten Besitzerin, eine andere reist gleich mit einem ganzen Kleiderschrank voller Kleider an und wieder eine andere wäre, wenn sie denn fühlen könnte, mehr als froh, diesen Tag überhaupt zu erleben. Ihre Besitzerin „rettete“ die Käthe-Kruse-Puppe aus einem Altkleidersack in den Bodelschwinghschen Werkstätten in Bethel. Später, als die Kiersperin dann nicht mehr in der Einrichtung in der Nähe von Bielefeld arbeitete, kam die Künstlerpuppe mit an die Volme.

Insgesamt 40 bis 50 Puppen werden an dem 26. Juli gezeigt. Es könnten noch viel mehr sein, doch viele der angebotenen Spielzeuge ähneln sich sehr stark, für andere findet sich einfach kein Platz in dem kleinen Museum. Aber jede von ihnen könnte eine Geschichte erzählen. Ihre ersten Besitzer können es meist nicht mehr, sind sie doch oft bereits vor Jahren und Jahrzehnten verstorben. Doch ihre Puppen haben sie rechtzeitig weitergeben an ihre Töchter oder Enkel. Von diesen wurden die Spielzeuge oft behandelt wie Familienschmuck. Scheint doch vielen die Verbindung zu den eigenen Ahnen eng, wenn die geliebte Puppe auf den Arm genommen wird.

„Wir haben auch eine kleine Nähmaschine bekommen, auf der die jungen Puppenmütter kleine Deckchen oder bei entsprechendem Geschick auch ein Kleidchen nähen konnten“, freut sich Vedder, die es noch heute bedauert, dass keine der Puppen ihrer Kindheit „überlebt“ hat. Doch an diesem einen Tag muss sie nicht weit gehen, um sich an den vielen Puppen in der Ausstellung zu erfreuen – und sie ist eine der ganz wenigen, die all’ die kleinen Geschichten, der ewig jungen Damen im Fritz-Linde-Museum kennt.

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