Johanneswerk: „Die Stadt verhält sich unseriös“

+
Wollen an dem Beschluss, in Kiersperhagen zu bauen, festhalten: (v.l) Richard Raatz, Geschäftsführer der Märkischen Werkstätten, Einrichtungsleiter Wolfgang Lill, Dr. Ingo Habenicht, Vorstandsvorsitzender des Johanneswerkes, Volker Lippke für die Beschäftigten und Dieter Türling vom strategischen Facility Management. ▪

KIERSPE ▪ „Wir sprechen hier über ein unseriöses Verhalten der Stadt Kierspe“, drastische Worte, die der Vorsitzende des Evangelischen Johanneswerkes Dr. Ingo Habenicht findet, als er in einer Pressekonferenz seine Sorge um die Zukunft der Märkischen Werkstätten zum Ausdruck bringt.

Auslöser dieser Sorge ist der Beschluss des Hauptausschusses vom Dienstag dieser Woche, ein Grundstück in Kiersperhagen nicht mehr den Märkischen Werkstätten zur Verfügung zu stellen, sondern einer Firma, die zwar erst am kommenden Wochenende ihre offizielle Eröffnung feiert, aber bereits jetzt auf der Suche nach Erweiterungsflächen ist.

„Wenn der Rat diesen Beschluss in der kommenden Woche bestätigt, dann verlieren wir die Zuschüsse des Landschaftsverbandes und damit auch die Möglichkeit, eine neue zukunftsfähige Werkstatt zu errichten“, so Habenicht.

Dass es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte, liegt in dem Zustand des Gebäudes begründet, in dem die Werkstätten derzeit untergebracht sind.

So bemängeln die Bundesagentur für Arbeit und der Landschaftsverband bereits seit Jahren das jetzige Gebäude, das die Werkstätten seit 1980 nutzen.

Zentrale Kritikpunkte sind, dass auf sieben Ebenen produziert wird, was für gehbehinderte Menschen ein großes Problem darstellt, die Lagerräume zu klein sind, der Materialfluss keine rentable Fertigung zulässt und die Ansiedlung in einem Wohnmischgebiet immer wieder zu Schwierigkeiten mit den Nachbarn führt. Habenicht: „Wir müssen bei Beerdigungen auf dem benachbarten Friedhof unsere Maschinen stillstehen lassen. Deshalb müssen wir die Zustände unbedingt ändern. Das wäre mit dem geplanten Neubau auch geschehen. Außerdem hätten wir dann 16 dringend benötigte Arbeitsplätze für Mehrfach-Behinderte einrichten können.“ Daran schließt der Geschäftsführer der Märkischen Werkstätten Richard Raatz ein klares Bekenntnis zum Standort Kierspe an: „Drei Viertel der rund 120 Beschäftigten kommen aus Kierspe. Außerdem ist die Stadt von Meinerzhagen und Halver aus gut zu erreichen.“

Bereits im Jahr 2003 habe man ein Grundstück in Kierspe erworben, dass aber später durch einen Bebauungsplan des Landes nicht mehr in der gewünschten und geforderten Weise bebaubar gewesen sei. Stattdessen habe es im Jahr 2008 das Angebot der Stadt gegeben, dieses Grundstück mit einer Fläche im Gewerbegebiet Kiersperhagen zu tauschen. „Dazu gab es auch einen Ratsbeschluss vom 2. Dezember 2008. Dieser hat nach unserer Einschätzung auch noch Gültigkeit. Ende des vergangenen Jahres haben wir dann die Gespräche mit der Stadt intensiviert. Beteiligt waren daran neben dem Bürgermeister auch der Erste Beigeordnete Olaf Stelse und der Stadtplaner Rainer Schürmann. Bürgermeister Emde hat dabei zu keiner Zeit durchblicken lassen, dass es andere Interessenten für das Grundstück gebe. Im Februar haben wir dann die Zusage für eine Förderung durch den Landschaftsverband erhalten, allerdings nur, wenn wir bis August einen Bebauungsplan beim Verband vorlegen können. Ansonsten sind die Zuschüsse verloren und für uns ein Neubau nicht mehr finanzierbar. Auch das haben wir dem Bürgermeister mitgeteilt“, so der Leiter der Stabsabteilung Strategisches Facility Management Dieter Türling, der dann noch ergänzt, dass es noch am 16. Mai ein Gespräch mit Emde und Stelse gegeben habe, in dem diese nichts von einer Planänderung erwähnt hätten. Erst am 29. Juni habe der Bürgermeister in einem Telefongespräch mitgeteilt, dass das Grundstück gefährdet sei. Türling: „Ich habe ihm dann noch einmal die Situation klargemacht und erwartet, dass er diese auch im Ausschuss darstellt. Schließlich ist das unserer letzte Chance zu bauen. Allerdings brauchen wir dann das zugesagte Grundstück, denn die Zeit reicht nicht mehr für eine neue Planung.“

Olaf Stelse stellt diesen Sachverhalt allerdings anders dar. Nach seinen Ausführungen habe das Johanneswerk den Beschluss des Rates nicht umgesetzt, sondern mit neuen Verhandlungen diesen im Grunde unwirksam gemacht. Nach MZ-Informationen wollte das Werk eine Ausgleichszahlung für das höherwertige Grundstück, das zuerst gekauft wurde.

Außerdem habe man dem Johanneswerk ein Alternativgrundstück angeboten. Allerdings musste er auf Nachfrage der MZ einräumen, dass ein anderer Interessent eine Option auf die Fläche habe und sich erst in den nächsten Wochen entscheiden müsse – und damit zu spät für eine Beantragung von Zuschüssen durch das Johanneswerk.

Stelse erklärte außerdem, dass die Ratsmitglieder über die Verhandlungen zwischen dem Werk und der Stadt umfassend und mehrfach informiert worden seien. Dem widersprachen allerdings mehrere Ratsmitglieder im Gespräch mit der Meinerzhagener Zeitung. Sie sagten übereinstimmend, dass es zwischen Herbst des vergangenen Jahres und der Hauptausschussitzung keine Informationen gegeben habe. ▪ Johannes Becker

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare