Kiersper Politiker sehen Wulff an Grenze zum Rücktritt

Bundespräsident Christian Wulff

KIERSPE ▪ Kaum eine Zeitung, die nichts zu kritisieren hat und kaum ein Kommentator, der den Stil, mit dem sich Christian Wulff rechtfertigte, nicht als zumindest unglücklich wertete. Und auch die Kiersper Lokalpolitiker sehen die Rolle, die der Bundespräsident einnimmt, zumindest als schwierig an.

„Es wäre schade, wenn schon wieder ein neuer Bundespräsident gewählt werden müsste. Ich persönlich bin der Meinung, dass Christian Wulff selbst wissen muss, ob er das Amt noch ausüben kann“, erklärt Jürgen Tofote als Fraktionsvorsitzender der Kiersper CDU gegenüber der MZ und weiter: „Die Erklärung, die der Bundespräsident vor Weihnachten abgegeben hat, war sicher nicht ausreichend. Das sieht nach dem Interview aber nun doch anders aus. Wobei ich über seinen Umgang mit der Presse bestürzt bin. Das hätte er anders handhaben müssen. Aber auch ein Bundespräsident ist nur ein Mensch.“

Monika Baukloh, Vorsitzende der Kiersper SPD, bedauert, dass Wulff sich nicht von Anfang an ausführlich erklärt hat. „Wenn er bei seiner ersten Erklärung die volle Wahrheit gesagt hätte, dann hätte es auch sicher keine weiteren Probleme gegeben. Doch der Bundespräsident hat dann alles falsch gemacht. Und die Menschen sind es einfach leid, belogen zu werden. Wulff bestätigt mit seinem Verhalten die Vorurteile, die bei vielen Wählern bereits bestehen. Dieses scheibchenweise Zugeben von Unvermeidlichem kommt aber ganz schlecht an.“

Für Clemens Wieland, den Vorsitzenden der UWG Kierspe, wäre es „katastrophal, wenn schon wieder ein neuer Bundesprsäsident gewählt werden müsste.“ Wieland sieht das Verhalten von Wulff als unprofessionell an und glaubt, dass es dem Präsidenten sehr schwer fallen wird, das verlorengegangene Vertrauen zurückzugewinnen. „Das wird sicher ein Kraftakt“, so der UWG-Vorsitzende. Aber Wieland findet durchaus auch Positives an dem Träger des höchsten Amtes im Staat: „Ich fand seine erste Rede gut, in der er aussprach, dass der Islam zu Deutschland gehöre, aber auch, dass Gleiches für das Christentum in der Türkei gelte. Ich glaube, dass sich die Deutschen nach einem Leitbild mit Emotionen sehen. Und das bietet Wulff, vor allem im Zusammenspiel mit seiner Frau.“

Eine ganz klare Position bezieht Peter Christian Schröder, Vorsitzender und Fraktionsvorsitzender der Wählergemeinschaft „Pro Kierspe“: „Rücktritt! Ganz klar! Ich denke, dass das, was sich Wulff mittlerweile zu Schulden hat kommen lassen, nur noch diesen Schritt zulässt. Jetzt zeigt sich wieder einmal, dass Joachim Gauck der bessere Bundespräsident gewesen wäre. Der hätte das Amt mit Sicherheit besser ausgefüllt.“

„Dass Menschen Fehler machen, ist normal. Doch nach einem solchen Fehler muss man dann auch sofort die ganze Wahrheit sagen. Will Wulff weiter im Amt bleiben, dann darf jetzt auch nichts mehr nachkommen“, da ist sich Hermann Reyher, Fraktionsvorsitzender der Kiersper Grünen, sicher. Seiner Meinung nach müsste die Bundeskanzlerin „ihren“ Präsidenten auch „fallen lassen“, sollten noch weitere Fehler auf den Tisch kommen. Doch auch so sieht Reyher das Amt und die Person geschädigt: „Ob aus Wulff noch ein passable Bundespräsident wird, wage ich nicht zu beurteilen. Das wird auf jedenfall sehr schwer. Johannes Rau hat auch Fehler gemacht. Trotzdem wurde aus ihm ein guter Präsident. Dass dieses auch Wulff gelingt, darf allerdings bezweifelt werden.“

Nach Ansicht von Armin Jung, Fraktionsvorsitzender der FDP Kierspe, hätte sich Wulff früher äußern sollen, „dann wären dem Bundespräsidenten viele Probleme erspart geblieben.“ Sehr kritisch sieht Jung vor allem den „Angriff auf die Pressefreiheit“. Allerdings habe er dies nach Meinung des FDP-Politikers mit dem Interview geklärt. „Jetzt darf nur nichts Neues kommen, denn jetzt steht Wulff unter Beobachtung.“ ▪ Johannes Becker

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